Medien

Massenepidemie. Doppelpunkt.

15 Prozent impften sich gegen die Schweinegrippe. Glauben 85 Prozent etwa nicht an die Medien?

Von Kurt W. Zimmermann

Alle aufstehen bitte! Konfetti in die Luft! Wir feiern den grössten Gedenktag der Pressegeschichte. Vor einem Jahr, exakt am 24. April 2009, tauchte erstmals der Ausdruck «Schweinegrippe» in den Medien auf.

Ab diesem 24. April 2009 erlebten die Leser den bisher krassesten Fall von medialem Alarmismus. 9000 Artikel zur tödlichen Schweinegrippe erschienen in der Schweiz. Das schlug sogar die drei anderen Medienhypes des Jahrzehnts. 2000 war es der «Millennium Bug», welcher zum Datumswechsel sämtliche Computer lahmlegte. 2003 war es Sars, das die Menschheit auslöschte. 2006 war es die Vogelgrippe, welche die Erdbevölkerung vernichtete.

Die Schweinegrippe war noch bedrohlicher und endete noch kläglicher. Wenn wir heute die Schlagzeilen nachlesen, die unsere Journalisten 2009 der Schweiz bescherten, dann bekommen wir einen ferkelhaften Lach- anfall: «Erkrankt jeder Vierte an Schweinegrippe?», fantasierte etwa der Tages-Anzeiger. «Millionen von Grippekranken», sah das St. Galler Tagblatt voraus.
Die Schweinegrippe endete auf dem Müll. 10,5 Millionen eingekaufter Impfdosen mussten zuletzt vom Bund vernichtet oder verschenkt werden.

Wirklichkeit als Knetmasse

Warum, so fragen wir uns, entstehen in den Medien immer wieder solch irrationale Hysterien? Zur Erklärung blenden wir kurz in eine Redaktionssitzung von Ende April 2009.
Chefredaktor: Was machen wir auf der Eins?
Nachrichtenchef: Wir gehen voll auf diese Schweinegrippe. Schneebeli vom Reporterteam macht die Geschichte.
Chefredaktor: Okay, Schneebeli, was haben Sie?
Schneebeli: Ich habe einen Experten.
Chefredaktor: Und? Wie viele Schweizer Opfer sagt er voraus?
Schneebeli: Er sagt, es sei noch zu früh für eine Prognose.
Chefredaktor: Schneebeli! Sind Sie wahnsinnig? Für die Eins brauchen wir Zehntausende von künftigen Kranken, mindestens.
Schneebeli: Sehe ich auch so, aber . . .
Chefredaktor: Kein Aber. Schneebeli, wir brauchen eine Massenepidemie. Schaffen Sie das?
Schneebeli: Massenepidemie? Sollte machbar sein. Wenn ich lange genug herumtelefoniere, finde ich sicher einen Experten, der das bestätigt.
Chefredaktor: Gut. Wir haben also die Zeile für die Eins: «Schweinegrippe. Doppelpunkt. Es droht eine Massenepidemie. Ausrufezeichen.»
Fotochef: Wir haben Agenturbilder aus Mexiko dazu. Sie zeigen Leute mit Schutzmasken.
Chefredaktor: Mexiko! Sind Sie wahnsinnig? Das müssen wir einschweizern.
Fotochef: Und wo nehme ich das her?
Chefredaktor: Wir nehmen Priska, unsere Volontärin. Foto von ihr mit Schutzmaske. Darunter die Bildlegende: «Kindergärtnerin Priska S. Doppelpunkt. Ich habe Angst. Ausrufezeichen.»
Fotochef: Wir machen es am Hauptbahnhof. Das wirkt authentisch.
Chefredaktor: Gut. Authentizität ist sehr wichtig.

Ist das übertrieben? Nicht allzu sehr. Heutige Journalisten sehen sich vielfach nicht mehr als Beschreiber der Wirklichkeit. Sie sehen sich als Gestalter der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist für sie eine Knetmasse, die sich formen lässt. Die Realität ist ihr Plastilin. Das vereinigte Plastilin ergibt am Schluss eine publizistische Pandemie.
Sollen wir uns darüber aufregen? Warum auch? Es ist ein Jahr danach, und wir leben ja alle noch.

Kommentare

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  • Christine Joos
  • 16.04.10 | 09:41 Uhr

In der NZZ lese ich,dass 8 Mio.Dosen Impfstoff im Wert von 50 Mio.Franken wegen Verfalldatum vernichtet werden.

Wie ist es möglich, dass Epidemien/Pandemien so schlecht vorausgesehen werden können?Als Laie muss ich mir die Antwort geben, dass wir neuen Krankheiten trotz medizinischem Fortschritt hilflos ausgeliefert sind:Eine Einschätzung kann nicht gemacht werden,folglich wird das Maximum aller möglichen Eventualitäten angenommen. Das Abschreiben solcher "verlorenen" Gelder (sie sind unter med. Vorsorge abzubuchen) ist im Sinne des Bevölkerungsschutzes (wie im Militär) zu akzeptieren. Oder?

  • Florian Richter
  • 15.04.10 | 19:57 Uhr

Die Medien und Politiker verbindet nicht nur ihr Ansehen, sondern auch häufig die gemeinsame Zielrichtung. Man will die Bevölkerung, oftmals gegen ihren stark ausgeprägten Widerwillen, in eine bestimmte Richtung treiben.
Wenn dieses Unterfangen erfolglos bleibt, scheint dies weder Politiker noch Medien zu entmutigen. Die Politiker erfreuen sich an ihrer veröffentlichten Meinung und die Medien scheinen sich an der Freude der Politiker zu weiden. Man weiß bereits, dass einer vom anderen abschreibt und dies ein sich gegenseitig verstärkender Prozeß ist. Kriegsberichterstattung at its best.

 
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