Gletscherforschung

Die Zeugen früheren Klimawandels

Der Rückgang der Alpengletscher gilt als dramatisch und bedrohlich. Holz- und Torfstücke beweisen aber, dass in den letzten Jahrtausenden die Alpen meist grüner waren als heute. Die Erkenntnisse eines Berner Forschers relativieren die Aufregung um die Erderwärmung.

Von Alex Reichmuth

«Es ist einfach vieles durch die Sonne gesteuert»: Gletscherforscher Schlüchter.

Es habe ihn tschuderet, als er erstmals erkannt habe, was seine eigene Forschung eigentlich bedeute, sagt der Gletscherforscher Christian Schlüchter: «Bisher war man überzeugt, dass zu den Alpen grosse Eisfelder mit prächtigen Gletschern gehören. Nun sieht man, dass dieses Bild falsch ist.» Konkret: In den letzten 10 000 Jahren waren die Gletscher der Schweiz in mindestens der Hälfte der Zeit weniger ausgedehnt als 2005.

Seit den neunziger Jahren sammeln der Berner Geologieprofessor Schlüchter und sein Forscherteam, was sich im Vorfeld von Schweizer Gletschern finden lässt: Holzstücke, die das Eis freigegeben hat. Torfballen, die von Gletscherschmelzwasser hervorgespült wurden. Die Fundstücke wirken auf den ersten Blick unspektakulär, sind aber bis zu 10 000 Jahre alt.

Man erkennt die Spuren, die die Gletscher an ihnen hinterlassen haben: Die Holzstücke, zum Teil ganze Baumstämme, sind oft heftig verkratzt und verbogen. Die Torfreste sind komprimiert und zu dichten Ballen gepresst.

Freigeschaufelte Bäume und Wälder

Solche organischen Überreste habe man zwar schon früher gekannt, sagt Schlüchter. In den Seitenmoränen ehemaliger Gletscher etwa kämen sie ebenfalls vor. Neu sei aber, dass sie sich seit etwa zwanzig Jahren auch direkt vor Gletscherzungen und Gletschertoren finden lassen. Der Grund dafür sei wohl ein zwischenzeitlicher Vorstoss der Gletscher in den achtziger Jahren. Viele vorstossende Gletscherzungen seien damals offenbar tief in die vor ihnen liegenden Ablagerungen eingetaucht und hätten Material freigeschaufelt, das dort nach früheren Rückzügen vergraben war.

Die Holz- und Torffunde beweisen: Da, wo es heute nur Schutt und nackten Fels gibt oder gar noch immer Eis liegt, sind früher Bäume gewachsen. Es müssen zum Teil sogar ganze Wälder gewesen sein, denn die Funde sind mancherorts derart gehäuft, dass es sich nicht nur um einzelne Bäume gehandelt haben kann. Abzuschätzen, an welchen Stellen und auf welchen Höhen die Hölzer genau gewachsen sind, ist wissenschaftliche Fleissarbeit: Anhand der Fliess- und Bewegungsmuster der einzelnen Gletscher rekonstruieren Schlüchter und seine Mitarbeiter den Weg, den die Hölzer und Torfballen zurückgelegt haben müssen, und schliessen so auf den Ursprungsort. Am Anfang habe man geglaubt, dass die Fundstücke auf der Oberfläche der Gletscher transportiert worden und am Ende der Gletscherzunge zu Boden gefallen seien, sagt Christian Schlüchter. Doch bald sei klargeworden, dass sie vielmehr am Boden entlanggeschleift wurden oder sich innerhalb der Eismassen weiterbewegten.

Völlig normaler Vorgang

Gletscherforscher Schlüchter kennt ziemlich genau den Zeitpunkt, zu dem die Hölzer gewachsen sind und der Torf entstanden ist: In spezialisierten Labors liess er das Alter vieler seiner Fundobjekte bestimmen. Das ist mit Hilfe eines darin enthaltenen Kohlenstoffisotops möglich. Am Ende kann er somit sagen, wo und wann das organische Material entstanden ist.

Zwar beziehen sich die Aussagen immer nur auf einzelne Gletscher, die solche Holz- und Torfreste freigeben: etwa auf den Tschiervagletscher in Graubünden oder auf den Unteraar- und den Steingletscher im Berner Oberland. Das Muster der einzelnen Vorkommen und Fundstücke lässt aber abschätzen, wie sich die Gletscher der Schweizer Alpen ins- gesamt seit dem Ende der letzten Eiszeit entwickelt haben: Mehrmals haben sich diese in den letzten 10 000 Jahren weit zurück- gezogen und sind zu kümmerlichen Resten zusammengeschmolzen – und das für Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende. Einzelne Bäume auf diesen Höhen sind sogar über 600 Jahre alt geworden.

Gemäss Schätzungen lag die sogenannte Gleichgewichtslinie, die die Grenze zwischen Nähr- und Zehrgebiet eines Gletschers bildet, zeitweise bis zu 300 Meter höher als heute. Viele Jahre habe die Gletscherforschung nur die Vorstösse und die maximale Ausdehnung des Eises erforscht, sagt Schlüchter. Warum sich lange niemand dafür interessiert hat, wie weit sie sich dazwischen zurückgezogen haben, ist ihm ein Rätsel.

Was genau zu den teilweise raschen und spektakulären Gletscherschmelzen in vergangenen Jahrtausenden geführt hat, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Nicht nur die Temperaturen spielten eine Rolle, auch die Niederschläge, die Luftfeuchtigkeit und die vorherrschenden Winde beeinflussten das Verhalten eines Gletschers. Es ist gemäss Schlüchters Forschungsresultaten dennoch plausibel, dass steigende Temperaturen eine zentrale Ursache waren. «Die Temperaturen waren maximal zwischen ein und eineinhalb Grad höher als heute», sagt der Berner Forscher.

Auffallend sei, dass die Zeiten mit wenig Eis in den Alpen mit den Zeiten grosser Sonnenaktivität zusammenfielen. Das könne man mit der Messung von Nukliden im Boden (also bestimmter Atomsorten) zeigen, die in einem Zusammenhang zur Sonnenaktivität stünden. Schlüchter ist mit seinem Team derzeit daran, mit Hilfe der in den Holzproben enthaltenen Substanzen direkt auf die damaligen Niederschläge und Temperaturen zu schliessen. So will er noch besser über das Klima Bescheid wissen, das vorherrschte, als die entsprechenden Bäume wuchsen.

Vor 2000 Jahren, also zur Römerzeit, hatte sich das Eis in den Alpen ebenfalls weit zurückgezogen. Dies bestätigen auch Reiseberichte der damaligen Zeit: Kaum je ist in diesen von Gletschern oder weissen Alpen die Rede, obwohl die Römer häufig über die Alpenpässe reisten. «Vermutlich war es da- mals bis zu ein Grad wärmer als heute», schätzt Schlüchter. Ob es auch im Mittelalter nochmals eine solche Warmzeit mit sehr wenig Eis gegeben hat, könne er nicht mit Sicherheit sagen.

Die Erkenntnisse von Schlüchter entlarven nicht nur das Bild der gletscherbedeckten Alpen als Trugbild. Vielmehr erscheint der heute beobachtbare Rückzug der Gletscher als völlig normaler Vorgang. Und auch der gegenwärtige Temperaturanstieg scheint wenig aussergewöhnlich zu sein. Auf die Frage, ob seine Resultate die Aufregung um den Klimawandel relativierten, zögert Professor Schlüchter mit einer Antwort: «Es ist einfach vieles durch die Sonne gesteuert.» Wie reagieren Forscherkollegen auf seine Erkenntnisse? Darüber will Schlüchter nicht sprechen. Er deutet aber an, dass es negative Reaktionen gegeben hat.

Wilfried Haeberli, Professor für Geografie und Glaziologe an der Universität Zürich, geht auf die Frage der Weltwoche nach der Bedeutung von Schlüchters Erkenntnissen nicht direkt ein. Offenbar hält er sie aber nicht für gross, denn Haeberli betont, dass sich die Gletscher und Eisfirne in den letzten zwanzig Jahren anders entwickelt hätten als jemals zuvor in den vergangenen Jahrtausenden. Das zeigten organische Funde aus dem Firngebiet von Gletschern in Europa und Nordamerika. Im Übrigen nehme die Sonneneinstrah- lung wegen Veränderungen der Erdbahn seit Jahrtausenden langsam ab, was die Gletscher eigentlich tendenziell zum Wachsen bringen sollte. Dass sie trotzdem schmölzen, weise auf einen aussergewöhnlichen Temperaturanstieg hin.

«Spannende Methode»

Gleich argumentiert auch Heinz Wanner, Wissenschaftler am Berner Oeschger-Zentrum für Klimaforschung: Aufgrund der abnehmenden Sonneneinstrahlung sei heute eigentlich mit einer grösseren Eisbedeckung als vor einigen Jahrtausenden zu rechnen. Heute würden die Gletscher somit wegen des menschengemachten Klimawandels schmelzen. Wanner bezeichnet Schlüchters Methode zwar als «spannend». Trotzdem lässt er durchblicken, dass er nicht viel davon hält: Man könne aufgrund der Fundorte von Holz- und Torfstücken nicht genau sagen, wie weit zurück die Gletscher zu einem bestimmten Zeitpunkt geschmolzen waren. Im Weiteren arbeite eine «moderne Glaziologie» zwingend mit Berechnungen zur Energie- und Massenbilanz der Gletscher, was bei Schlüchters Methode mit den Hölzern leider fehle. Nur auf Basis von solchen Bilanzberechnungen könne man aber «präzise Aussagen» für die Vergangenheit und Zukunft der Gletscher machen.

Christian Schlüchter bezweifelt hingegen, dass die Wissenschaft heute präzise die Vergangenheit und die Zukunft der Gletscher vorhersagen könne. Eine offene Frage sei etwa, warum die gegenwärtige Gletscherschmelze bereits 1850 eingesetzt habe, weit bevor das vom Menschen emittierte CO2 einen Einfluss auf das Klima gehabt haben kann. Es stört ihn auch, dass bei Prognosen über die weitere Entwicklung der Gletscher lange deren Rückgang der letzten 150 Jahre einfach linear in die Zukunft fortgesetzt worden sei: «Das ist Unsinn.» Niemand könne wissen, wie sich die Gletscher weiterentwickelten. Es habe zum Beispiel in den 1980er Jahren Vorstösse gegeben, die niemand vorausgesehen habe und die auch niemand erklären könne.

Die etablierten Klimaforscher prognostizieren jedoch, dass bis Ende des 21. Jahrhunderts die Alpengletscher bis auf wenige Reste zusammenschmelzen werden. Schlüchter geht auf Distanz: «Die Entwicklung von Gletschern ist komplex. Ich erachte solche Prognosen als nicht sehr wissenschaftlich.» Ein Abschmelzen könne langsamer, durchaus aber auch schneller erfolgen – niemand wisse das.

Im jüngsten Bericht des Weltklimarats von 2007 ist vor kurzem eine ebenfalls sehr unwissenschaftliche Prognose aufgedeckt worden: diejenige, dass die Gletscher im Himalaja bis 2035 fast vollständig abschmelzen könnten. Es dauerte allerdings fast drei Jahre, bis die «moderne Glaziologie» diese krasse Fehlprognose aufdeckte und erkannte, dass sie sich einzig auf einen wissenschaftlich ungeprüften Bericht einer Umweltschutzorganisation abstützte. Im Vergleich dazu erscheint Schlüchters Methode mit der Datierung von gefundenen Holz- und Torfresten beruhigend bodenständig: zwar begrenzt in ihrer Aussagekraft, aber gerade darum umso vertrauenerweckender.

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