Hochzeit

Ménage-à-trois

Der Psychiater Samuel Widmer, 61, ist seit dreizehn Jahren mit der Psychotherapeutin Danièle Nicolet, 44, und der Chefsekretärin Marianne Principi, 41, zusammen. Sie haben zehn Kinder.

Von Franziska K. Müller

«Aussprechen, was Sache ist»: Familie Principi, Widmer, Nicolet (Mitte, v. l. n. r.) mit Kindern. Bild: Sally Montana

Samuel: Mit Danièle bin ich seit zwanzig Jahren zusammen und seit zwölf Jahren verheiratet. Als wir uns kennenlernten, war ich ebenfalls verheiratet und hatte mit meiner damaligen Frau das gleiche Abkommen wie mit meinen jetzigen beiden Frauen: Die Liebe darf und muss frei sein. Als es um die Realisierung der Idee ging, stand es meine Ex-Frau leider nicht durch, und es kam zur Trennung. Monogam leben wollte ich nie. Während viele andere Männer und Frauen versteckt fremdgehen und ihre Partner irgendwann verlassen, geht es bei Marianne, Danièle und mir darum, ehrlich auszusprechen, was Sache ist. Das tat ich, als ich vor dreizehn Jahren Marianne kennenlernte. Meine Pläne wurden von Danièle mitgetragen, so dass ich nie befürchten musste, sie zu verlieren. Seither leben wir zu dritt.

Danièle: Verstehen sich die Frauen in dieser Konstellation nicht, hat ein solches Experiment keine Chance. Die Situation ist anspruchsvoll genug, denn natürlich ist es auch uns erlaubt, neue Partner in die Beziehung zu bringen, und Samuel kann sich zusätzlich auf andere Frauen einlassen. Geschieht dies, erhöht sich das Risiko, dass es Unruhe gibt. Viele Menschen meinen, dass in einem Leben, wie wir es führen, alles tolerierbar ist. Das ist nicht so, wir geben uns unsere eigenen Regeln. So sind wir uns einig, dass bei allfälligen neuen Bewegungen unserer Dreierbeziehung Sorge getragen werden soll.

Samuel: Trotzdem könnte ich im schlimmsten Fall für einen anderen verlassen werden: Ich sorge deshalb wohlweislich sehr gut für alle, verteile alles – Geld, Liebe, Sex – gerecht, und meine Partnerinnen gegeneinander auszuspielen, kommt mir schon gar nicht in den Sinn.

Marianne: Man muss eine gewisse Reife haben und den Willen, eine solche Situation zu meistern, und zwar so, dass niemand zu kurz kommt. Andererseits reicht es nicht aus, wenn man nur intellektuell auf der Höhe ist und im Kopf alles versteht: Das Herz, die Emotionen sprechen manchmal eine andere Sprache. Anders als Danièle, die sich sehr bewusst für die freie Liebe entschied, rutschte ich eher in die Situation hinein. Am Anfang musste ich meinen Platz finden, die Eifersucht, aber auch die vermeintliche Position der ersten Frau machten mir zu schaffen. Danièle sagte mir immer wieder, ich dürfe gleich viel Platz einnehmen wie sie und ich sei im Familienbund genauso wichtig wie Samuel und sie selbst. Das half mir auf dem inneren Weg, der auch ein spiritueller ist. Den Vorteil unserer Beziehung sehe ich darin, dass niemand in seinen Bedürfnissen eingeengt wird.

Samuel: Die Liebe ist etwas Lebendiges. Sie fordert Verschiedenes zu verschiedenen Zeiten. Meiner Meinung nach ist das weitverbreitete monogame Beziehungsmodell aus reiner Bequemlichkeit dermassen populär und auch weil sich Paare gerne gegenseitig etwas vormachen. Verharrt man in der quasi romantischen Vorstellung, dass einem ein einziger Mensch alles geben kann und muss, kommt es zwangsläufig zu einem Bruch. Man scheitert an den Vorstellungen der idealisierten Liebe, die gar nicht unserer inneren Wirklichkeit, sondern einer gesellschaftlichen Konditionierung entspricht.

Danièle: Im Alltag geht es bei uns weniger wild zu und her, als es sich manche vorstellen: Wir Frauen arbeiten neben der Betreuung der zehn Kinder je hundert Prozent. Wir müssen also zwangsläufig sehr gut organisiert sein. Aus Platzgründen leben wir in eigenen Häusern, die aber nebeneinanderstehen. Samuel lebt abwechselnd bei mir oder bei Marianne. Bezüglich der Nächte wechselt er jeden zweiten Tag das Haus, im Übrigen ist er täglich mehrmals unterwegs zwischen den beiden Familien. Er ist total häuslich und kümmert sich auch sehr gut um die Kinder.

Samuel: Unsere Liebe entspricht vielleicht nicht den Normen, trotzdem gehen wir davon aus, dass sie für die Ewigkeit hält.

Kommentare

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  • Christine Joos
  • 15.04.10 | 06:41 Uhr

"Peter Schlegel: 13.04.10 22:58"

Ja, würde ich so auch meinen, Peter.

- Allerdings zählt auch das Wohlbefinden des Vierten, Fünften, Sechsten, etc. Denn ein Dreier ist ja nicht autark, gell.

- Allerdings können auch mündige Personen verführt werden. Sekten sind diesbezüglich Spezialisten. Scientology überreichte mir einmal einen Fragebogen mit zutiefst persönlichen Fragen, als ich mich unwissentlich bei einem solcherart geführten Betrieb vorstellte.

- Allerdings segelt vieles unter "Moral". Vom Moralisten bis zum Verkäufer lebensphilosophischer Ansichten mit einschlägigen Absichten.

  • Florian Richter
  • 14.04.10 | 13:46 Uhr

Das erinnert mich an Herrn Mühl. Der war auch mit einem tabubrechenden pädagogischen und psychotherapeutischen Konzept unterwegs, um seine Sexualität in aller Freiheit ausleben zu können. Seine Anhängerinnen und Kinder waren damals in den Zeitungen, glücklich lächelnd und ihre Freiheit betonend. Nur nach zwanzig Jahren hörte sich alles anders an.
Aber es gab auch wirklich anhaltend glücklche Beziehungen. Als beim Prozeß eine von Mühl sehr jung gev..... Dame erzählte, wie gut ihr das damals getan hat, lächelte Herr Mühl selig.
Ganz frei von Tabus dürfte Herr Widmer noch nicht sein, oder?

  • Peter Schlegel
  • 13.04.10 | 22:58 Uhr

Christine,

Entscheidend ist doch, dass es für allen drei stimmt! Wenn das der Fall ist, gibt es gegen diese Dreier-Beziehung rein gar nichts einzuwenden!

Es handelt sich schliesslich um mündige Personen.

Ich halte nichts von Moralpredigern(innen), die anderen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben!

  • Peter Schlegel
  • 13.04.10 | 22:56 Uhr

Fluehmann,

Wieso sollte der Staat denn so etwas mitfinanzieren?!?

Nur die Landeskirchen erhalten für ihre extravaganten Neigungen finanzielle Unterstützung von den Steuernzahlern (auch von juristischen Personen)!!!

  • Frédéric-Marc Fluehmann
  • 12.04.10 | 16:25 Uhr

Solange jeder und jede für seine extravaganten Neigungen finanziell selber aufkommen kann, habe ich keine Probleme. Anders sieht es aus, wenn der Staat dies mitfinanzieren muss.

  • Christine Joos
  • 11.04.10 | 19:54 Uhr

Na, nicht Alle, lieber Peter. Es ist aber schon so, dass Hr.Widmer als Aufklärer "Ich bin der Mensch, der überall und ununterbrochen in irgendeiner Weise (Anm: Sex) aufzuzeigen hat" bei mir als noch nicht "Erwachter" das falsche Rechaud zündet, wenn er meint, ein "Sucher (Anm.: Suchender) komme nicht drum herum, sich mit der Dreiecksproblematik gründlich auseinander zu setzen". Das ist doch Quatsch. Genau so wie die Ansicht, "durch Selbsterkenntnis werde die Intelligenz im Menschen fast wie von selbst erwachen".

Wie er wünsche ich mir einen besseren Menschen. Aber nicht über Psychotherapie.

  • Peter Schlegel
  • 10.04.10 | 21:33 Uhr

Liebe Christine,

Deine Argumentation hat gewisse Ähnlichkeiten mit der intoleranten Argumentation von iranischen Mullahs.

Alle die nicht den eigenen moralischen Vorstellungen entsprechen werden als "sektiererisch" oder "wäh" abgetan.

  • Christine Joos
  • 10.04.10 | 11:03 Uhr

Zwei unterschiedliche Sichten zum Thema "sexuelle Befreiung" und "Erlösung des Menschen von seinen Zwängen": Einerseits aus Sicht des derart Erlöst- und Befreiten, andererseits aus Sicht des Erlösers und Befreiers:

http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E6647558913184B628A9D0245FBCCA73B~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://www.samuel-widmer.ch/html/index.php?id=104

Ich empfinde S. Widmer als sektiererisch, mit dem Potenzial, von sich abhängig zu machen.

  • Michael Hartmann
  • 09.04.10 | 12:47 Uhr

Geehrte Christine, da kann ich mich nur wiederholen: wo ist Tina? Hoffentlich nicht im Odenwald?

  • Lina Hartmann
  • 09.04.10 | 10:43 Uhr

Reife Erwachsene. Zufriedene, strahlende Gesichter. Wunderschönes Foto einer glücklichen Familie.

Sehr beeindruckend.

Ich gestehe: Dieses Konzept erfüllt mich mit Neid.

  • Christine Joos
  • 09.04.10 | 07:46 Uhr

Lieber Dieter, I've got no problem ;-)

Gehe ich davon aus, dass ich zum Zusammenleben Liebe & Zuneigung brauche, kann der Mann wohl sehr gut zwei Frauen lieben. Als Frau grenzte es an ein Wunder, wenn sie ihn und gleichzeitig eine andere Frau gleichermassen lieben könnte. Marianne brauchte Hilfe "auf dem inneren Weg" und Samuel will seine Schar "gerecht" beglücken. Wenn das keine junggebliebenen Alt-68er-Allüren sind, die er hier mit seinen esoterisch angehauchten Weibchen ausleben kann.. Ich sehe da nichts kulturell-bedingtes wie in anderen Ländern.

  • Christine Joos
  • 09.04.10 | 07:32 Uhr

Jacques

Poor man praying in his bed
Which one, lord, shall I now wed?
Lord says take all three or none
Poor man goes and weds a nun
Now, he lives on wine and bread

  • Dieter Lohmann
  • 08.04.10 | 23:10 Uhr

Werte Christine,

Ich sehe dein Problem nicht. In vielen Kulturen war und ist es völlig normal und auch sinnvoll, dass Männer mehrere Frauen haben.

Der südafrikanische Präsident Jacob Zuma ist dreimal verheiratet (und einmal verlobt). Ich finde das völlig in Ordnung!

Es waren erst die Religionen (insbesondere die katholische Kirche), die dann mit diesen Moralvorstellungen kamen und damit viele Probleme schafften!

  • Jacques Noger
  • 08.04.10 | 19:11 Uhr

There was an old soldier from Lyme
Who married three wives at a time
When asked why the third
He said, one’s absurd
And bigamy, sir, is a crime.

  • Christine Joos
  • 08.04.10 | 14:31 Uhr

Wäh, Herdentrieb a gaga.

  • Suleima Al-Mahdi
  • 08.04.10 | 10:16 Uhr

Grandios! Und die Kinder sehen mehr oder weniger vergnügt aus, oder? Ich nehme aber an, dass dieses Familienmodell nicht jedermans Sache ist. Es brauch schon eine gewisse Herzens-Virtuosität dazu.

 
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