Der gefährlichste Islamist des Landes ist die Sanftmut in Person – und er ist kein Ägypter oder Jemenit, sondern Schweizer. Nicolas Blancho, genannt Abdullah, aufgewachsen und wohnhaft in Biel, trat nach einem Erweckungserlebnis mit zarten sechzehn Jahren zum Islam über. Heute, zehn Jahre später, ist er Präsident des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS), einer rasch wachsenden Basisorganisation, die einen fundamentalistischen Islam predigt und die etablierten islamischen Dachorganisationen das Fürchten lehrt. Gegründet als Reaktion auf die Minarett-Initiative, soll der Verein bereits gegen tausend Mitglieder zählen, Albaner, Türken, Araber, aber auch eine beachtliche Zahl von Konvertiten.
Bekanntgeworden ist Blancho, Student der Islamwissenschaften in Bern, im Jahr 2006, als er auf dem Bundesplatz eine Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten organisierte. Der Neo-Muslim, damals erst 22-jährig, sorgte mit verfassungsfeindlichen Äusserungen für Aufsehen. Die Scharia, liess er verlauten, stehe «im Zweifelsfall» über dem Schweizer Recht. Und was den Dschihad betreffe, den heiligen Krieg für den Islam, so sei er «noch nicht auf dem Niveau», um ihn glaubhaft führen zu können.
Rhetorisch brillante Unklarheit
Blancho relativierte die Worte später mit dem Standard-Verteidigungsargument, sie seien «aus dem Zusammenhang gerissen» worden. Vermutlich aber waren sie einfach ehrlich. Denn Blancho und seine Mitstreiter haben, parallel zu ihrer gestiegenen Bekanntheit, im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit dazugelernt: Eine gewisse rhetorisch brillante Unklarheit gehört zu ihrem Programm. So ist es auch mit dem Begriff «Dschihad»: Weit gefasst bedeutet er so viel wie «allerhöchste Anstrengung auf dem Weg Allahs». Ob und wann diese totale Ausrichtung auf ein Leben im islamischen Glauben auch Gewalt gegen «Ungläubige» (also alle Nichtmuslime) einschliesst, wird bewusst offengelassen. «Er ist ein sanfter, netter Mensch, aber er kann sich gut verstellen», sagt eine Bekannte von Nicolas Blancho.
Der freundliche Scharfmacher wird in eine ganz normale Schweizer Familie hineingeboren. Die Eltern verzichten auf eine Taufe, der Sohn soll später einmal selber entscheiden können, ob und welche Konfession er annimmt. Die Mutter ist Lehrerin mit Teilzeitjob, der Vater, der eine Neigung zum Buddhismus entwickelt, Schulhausabwart. Die Kinder (Nicolas wächst mit einer Schwester auf) kommen in den Genuss einer sehr freien und toleranten Erziehung. Zu Hause ist die Familie in einem Mehrfamilienhaus im Bieler Lindenquartier, einer kleinbürgerlichen, ruhigen Umgebung.
In der Schule fällt Blancho nicht durch besondere Leistungen auf, mit Ausnahme des Französischen, das er perfekt beherrscht, weil er bilingue aufwächst. Auf einen ehemaligen Lehrer machte er den «Eindruck eines Träumers», der aber auch eine lustige und humorvolle Seite gezeigt habe. In der Freizeit zieht er herum, man sieht ihn mit einem Transistorradio auf der Schulter, er sprayt, gehört zur Hip-Hop-Szene.
Nach dem Besuch der Sekundarschule beginnt Blancho eine Lehre als Drucker. Bald bricht er sie ab, um – nach erfolgreich bestandener Aufnahmeprüfung – überraschend ans Gymnasium zu wechseln. Bekannte beobachten jetzt eine «unheimliche Disziplin» bei ihm. In diese Phase fällt der Bruch in seiner Biografie: An der Bestattung eines albanischen Freundes kommt Blancho in Kontakt mit dem Islam. Er konvertiert, lässt sich einen Bart wachsen, lernt mit Hilfe eines Privatlehrers Arabisch. Mehrmals reist er nach Saudi-Arabien, in das Land seiner Ideale.
Fortan ist alles anders. Aus dem etwas verschlampten Jungen wird ein ehrgeiziger, zielstrebiger Mann, der sein ganzes Leben darauf ausrichtet, seinem neuen Gott zu dienen (in der NZZ am Sonntag nannte er es die «Kunst der Ergebung»: «Ein Zustand, in dem man alles akzeptiert. Wider den Verstand»). Am Gymnasium nimmt man auf seine Sonderwünsche Rücksicht: Nicolas habe sich geweigert, bestimmt Bücher zu lesen, besonders solche von Autorinnen, erzählt eine ehemalige Lehrerin. Man habe ihm die Lektüre erlassen, er konnte sich seine Bücherliste weitgehend selber zusammenstellen.
Blancho lebt und predigt einen sunnitischen Islam wahhabitischer, also saudischer Prägung. Auf der Homepage des Islamischen Zentralrats Schweiz kann man nachlesen, was darunter zu verstehen ist. In dieser im Wortsinn radikalen – nämlich auf die Wurzeln zurückgehenden – Auslegung des Glaubens wird einzig und allein anerkannt und zur verbindlichen Richtschnur erhoben, was sich auf den Koran und die Sunna, die «authentische Prophetentradition», zurückführen lässt. Jede Weiterentwicklung, jede theologische oder literarische Interpretation gilt als unzulässig und ketzerisch. «Wir nehmen keine Rücksicht auf kulturelle Hintergründe», sagte Blancho Mitte Januar an der Pressekonferenz, in der die Ziele des Zentralrats vorgestellt wurden.
Die Aussage ist bemerkenswert. Sie ist, erstens, eine Kampfansage an alle, die eine weniger orthodoxe Auffassung vom Islam haben, wie viele Albaner, Türken oder Schiiten. Muslime, die seiner Ansicht nach die Regeln des Glaubens verletzen und missachten, sind für Blancho mindestens so verwerflich wie die Ungläubigen im Westen. In der Arrahmen-Moschee in Biel, in der er verkehrt und lehrt, so berichten Augenzeugen, lässt Blancho zur Abschreckung und zur Illustration ihrer angeblichen Perversität Videos von Schiiten zeigen, die sich dem Gebrauch gemäss geisseln. In seinen Vorträgen warne er die Gläubigen vor Reformen – und selbst vor anderen Moscheen. Sie seien zu lasch, richteten sich nicht nach dem «wahren» Islam. Was sie trieben, sei «Wüstenkult».
«Allah sagt: ‹Ihr sollt Frauen schlagen›»
Die «Frühzeit» des Propheten Mohammed ist und bleibt der verbindliche Bezugspunkt im Leben des Strenggläubigen, auch im Privaten sind die bis ins letzte Detail ausformulierten Regeln aus dem 7. Jahrhundert zu beachten. Blancho heiratet eine blutjunge Jemenitin, die sich völlig verschleiert und ihm zwei Kinder gebiert. Dass sie eine berufliche Tätigkeit aufnimmt, kommt nicht in Frage. Frauen gehörten «von Natur aus» ins Haus, sagte Blancho in der Sendung «Schweiz aktuell». Zum Thema «Schlagen» meinte er, dass er die Gattin mit einem «Zahnstocher» stüpfe, um anzuzeigen: «Jetzt gehst du zu weit, pass auf.»
Als die SF-Reporterinnen Rachel Honegger und Livia Baettig vor zehn Tagen über ein vom Zentralrat organisiertes sogenanntes Islamseminar im Klosterdorf Disentis berichten wollten, wurden sie behindert und beschimpft. Sie seien «gezwungen worden, auf öffentlichem Grund ein Kopftuch zu tragen», hiess es auf der Website der «Tagesschau». Zu den Stargästen des Seminars gehörten der deutsche Prediger Pierre Vogel, auch er ein Konvertit, dem zuvor mehrmals die Einreise in die Schweiz verweigert worden war, und Abu Anas alias Mohammed Ciftci. «Allah sagt: ‹Ihr sollt eure Frauen schlagen, wenn sie nicht gehorchen›», mit dieser und ähnlichen Aussagen ist Anas in Internetvideos zu sehen.
Logik des Fundamentalismus
Darauf angesprochen, reagierte Gastgeber Blancho gereizt: «Wir lassen uns nicht bei jedem Prediger vorwerfen, er sei ein Hassprediger. [...] Wir laden niemanden ein, der Gewalt nicht in irgendeiner Form verneint.» Das ist auffällig schwach formuliert, und tatsächlich redete Vogel, ein ehemaliger Profiboxer, noch am selben Wochenende Klartext. Zu den Stichworten «Schläge für Ehefrauen» und «Töten von Ex-Muslimen» sagte er der Zeitung Südostschweiz: «Es geht hier um eine islamische Regel, die im Koran festgeschrieben ist. Wenn ich mich vom Töten klar distanzieren würde, so würde ich mich vom Propheten distanzieren. [...] Ich kann nicht sagen, dass es falsch ist, wenn Gott es erlaubt hat.»
Das ist die Logik des Fundamentalismus, wie er auch aus den Statuten des Islamischen Zentralrats spricht. Die «autoritativen Quellentexte» (Nicolas Blancho) aus dem arabischen Mittelalter bleiben unhinterfragbar, auch im 21. Jahrhundert, auch für Muslime in Deutschland oder der Schweiz.
Hautnah erlebt hat dies die heute 27-jährige Bernerin Monika Wyss (ihr Name ist geändert, sie fürchtet sich vor Repressalien). Es ist die Geschichte einer doppelten Konversion: Die Handelsschülerin trat mit zwanzig Jahren zum Islam über (um später wieder davon Abstand zu nehmen). Ein türkischer Schulkollege schwärmte ihr von einem gewissen Abdullah vor und empfahl ihr, einmal mit nach Biel in die Moschee zu kommen. Es handelte sich um die Arrahmen-Moschee – und um Nicolas Blancho.
Die junge Frau war begeistert. Abdullah sei «sehr gescheit und sanftmütig» gewesen: «Ein gebildeter, belesener Mensch, der meine Sprache sprach.» Er konnte den halben Koran auswendig und beeindruckte sie mit seinem Wissen über den Islam. Sie fasste Vertrauen in ihn, jeder Zweifel war wie weggefegt: «Alles, was er sagte, setzte ich sofort in die Tat um.»
Monika nannte sich jetzt «Marwa», jeden Samstag reiste sie nach Biel in die Moschee, um sich, zusammen mit anderen Frauen, von acht bis zwölf Uhr von Blancho unterrichten zu lassen. Für Marwa, seine begabteste Schülerin, liess er «ganze Türme» von Kleidern aus Saudi-Arabien kommen. Frauen, die ihr Gesicht verschleierten und nur die Augen zeigten, erhielten von Gott dereinst mehr «Lohn», versprach er.
Marwa glaubte ihm alles. Dass die Schweizer «Rassisten» seien. Dass überall «Sünden» lauerten. Dass sie sofort heiraten müsse. Jeder Muslim, sagte er, sei wichtiger und stehe ihr näher als ihre Eltern und ihre Freunde. Die Bekehrte mied die Berührung mit Männern, Alkohol, Tabak, Schweinefleisch. Sie verhüllte ihren Körper und brach die Schule ab: «Ich glaubte selber, dass Frauen keine Ausbildung brauchen», sagt Wyss heute. Sie entfernte und entfremdete sich von ihrem Umfeld, verschanzte sich in ihrer Wohnung. Auf der samstäglichen Zugfahrt nach Biel schloss sie sich im WC ein, um nicht den «Blicken der Schweizer» ausgesetzt zu sein.
Eine Art «Gehirnwäsche»
Grundlage der Unterweisungen waren ein vom Ministerium für Islamische Angelegenheiten des Königreichs Saudi-Arabien herausgegebener Koran sowie die «Auszüge aus dem Sahih Al-Buharyy», eine Sammlung verbindlicher Überlieferungen über Handlungen und Anweisungen des Propheten aus dem 9. Jahrhundert. Jeden Monat liess Blancho die Frauen eine Prüfung schreiben, die er wie in der Schule benotete. In einer Aufgabe ging es darum, richtige Aussagen über Engel anzukreuzen. Monika meinte, sie seien aus «Licht und Feuer». Blancho schrieb dazu: «Falsch, die Dschinn sind aus Feuer!» Trotzdem reichte es für die Note 5,02.
In einer anderen Lektion mussten die Frauen die «Zeichen» auswendig lernen, mit denen Allah auf das baldige Kommen des Jüngsten Tages hinweise. Dazu gehöre, dass «Frauen die Männer nachmachen und umgekehrt», die «Verbreitung der Homosexualität», dass «Frauen angezogen sind und trotzdem nicht», dass sie an Festen tanzen und singen, dass «Unzucht betrieben wird ohne Scham», dass der Alkohol zirkuliert, «als wäre es normal».
Sie sei überzeugt gewesen, dass dieser urtümliche Islam die einzige Wahrheit sei und dass sie «verloren» wäre, wenn sie nicht alles mache, was Blancho verlange, sagt Monika Wyss. Der Zustand dauerte fast ein Jahr. Erste Zweifel kamen ihr, als sie verkuppelt werden sollte – Versuche, die sich wiederholten. «Dagegen regte sich Widerstand in mir, die letzten Reste der Selbstbestimmung.» Sie wurde unsicher, reiste für zwei Wochen ins Ausland, blieb der Moschee und Blancho fern. Es sei gewesen, als ob ihr «altes Hirn» wieder zu arbeiten beginne: «Mein wirkliches Ich kam wieder zum Vorschein.» Im Rückblick spricht Wyss von einer «Gehirnwäsche» und den «Mechanismen einer Sekte». Sie lebt heute anonym in einer anderen Stadt.
Der Fall ist insofern typisch, als viele, die zum Islam übertreten, aus einer Lebens- und Identitätskrise heraus handeln (siehe Interview links). Natürlich gehört es zu den Errungenschaften des liberalen Rechtsstaats, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann, Irrtümer inklusive. Problematisch aber wird es, wenn diese jungen Leute dazu gebracht werden, ihre Ausbildung abzubrechen. Oft leben sie dann von der Sozialhilfe.
Bin Laden als Bildschirmschoner
Noch beunruhigender scheint ein anderer Fall aus Biel zu sein. Ein Junge, nennen wir ihn Ali, aus einer alevitischen Familie macht nach der Schule eine Lehre als Polymechaniker. Zusammen mit anderen ehemaligen Klassenkameraden besucht er die Moschee, an der Nicolas Blancho lehrt und wirkt. Der Bursche wird radikalisiert, auf seinem Laptop erscheinen Bilder von Osama Bin Laden. Der Oberterrorist wird zu seinem Idol, er benützt sein Konterfei als Bildschirmschoner. In der Familie kommt es deswegen zu Auseinandersetzugen, Ali läuft von zu Hause weg und wird von Nicolas Blancho betreut und beherbergt.
Beeinflusst von seinem islamistischen Umfeld, bricht der junge Mann die Lehre ab. Und plötzlich ist er verschwunden. Die Familie macht eine Vermisstenanzeige. Es stellt sich heraus, dass er nach Ägypten geflogen wurde. Elf Monate später telefoniert Ali aus dem Schweizer Konsulat in Kairo und sagt, er möchte heimkehren. Die Eltern überweisen tausend Franken für den Rückflug. Als ihr Sohn ankommt, wiegt er bei einer Körpergrösse von 1.80 Meter ganze 38 Kilogramm. Er ist völlig verstört und beansprucht psychiatrische Behandlung.
Was ist in Ägypten genau geschehen? Der Fall bleibt undurchsichtig. Der Vater sagt aus, Ali sei in ein Terroristenausbildungscamp geschickt worden. Dort habe er gesehen, wie Leute erschossen und erhängt worden seien. Nicolas Blancho, mit diesen Vorwürfen konfrontiert, wollte gegenüber der Weltwoche keine Stellung nehmen, Anfragen liess er unbeantwortet. Dem Bieler Lehrer und grünliberalen Stadtrat Alain Pichard, der ihn seit seiner Geburt kennt, ist es gelungen, mit Blancho zu sprechen. Gemäss seiner Version habe eine türkische Organisation Ali ein Studium an einer Schule in Kairo finanziert. Er sei ein guter Schüler gewesen, habe dann aber die Kurse geschwänzt und sei rausgeworfen worden.
Unbestritten bleibt die Tatsache, dass Ali Sympathien für Bin Laden bekundete, dass er von Blancho geschützt wurde und dass man ihm Flug, Ausbildung und Unterhalt in Ägypten finanzierte. Für Lehrer Pichard ist dieses Verhalten «nicht nachvollziehbar». Auch wenn er bezweifle, dass es sich wirklich um ein Terroristencamp gehandelt habe, bleibe es «beunruhigend genug, dass Jugendliche mitten in Biel aus dem Berufsleben gerissen und in so famose arabische Schulen nach Ägypten geschickt werden». Nicolas Blancho hat bisher nichts getan, um die Sache aufzuklären.
Es bleibt der Eindruck, dass sich der Islamische Zentralrat im Zweifelsfall nicht nur für die Scharia, sondern auch für Gewalttaten im Namen Allahs starkmacht. Blanchos Kollege und IZRS-Pressesprecher Patric «Qaasim» Illi, auch er ein Konvertit, ehemaliger Techno-DJ und im Jahr 2002 neben SVP-Jungpolitiker Lukas Reimann Mitveranstalter einer Kundgebung gegen den Uno-Beitritt der Schweiz, hat mehrfach öffentlich Selbstmordattentate bejubelt.
Auf seiner Homepage Pro-PLO.org notierte er beispielsweise am 31. August 2004: «Heute Nachmittag zwei Linienbusse voll mit Zionisten-Besatzungs-Bastarden gesprengt. Die Brüder erlegten mindestens 16 Zionisten und mehr als 91 wurden verletzt.» Verschiedentlich rief der Zentralrats-Sprecher in Nazi-Manier «zum Boykott» jüdischer Produkte auf.
Im Schweizer Fernsehen versuchte Illi die Aussagen mit dem Hinweis darauf zu entkräften, dass sie bereits ein paar Jahre zurücklägen. Das wirkt allerdings wenig glaubhaft. Was sei denn schon dran, eine israelische Flagge zu verbrennen, fragte Illi noch vergangene Woche in die Kamera. Und an der Uni Bern, wo er wie Blancho Islamwissenschaft studiert, boykottiert er den Persischunterricht – weil der Dozent ein iranischer Jude ist. Farshid Delshad, Assistent für Iranistik, sagt dazu: «Man kann mit diesen Leuten keine Diskussion auf rationaler Basis führen.»
Unvereinbar mit dem Rechtsstaat
Wie ist das alles einzuschätzen? Persönlich-biografisch mag die Hinwendung von jungen Menschen wie Nicolas «Abdullah» Blancho oder Patric «Qaasim» Illi zum islamischen Fundamentalismus mit klassischer Sinnsuche im Pubertätsalter erklärbar sein. Doch dem Einfluss und der politischen Sprengkraft ihrer Bewegung würde diese psychologische Erklärung nicht gerecht. Aus den pubertären Flausen und dem Flaum von damals ist längst grimmiger, bärtiger Ernst geworden. Die Fälle von Monika Wyss und erst recht von Ali offenbaren die Unvereinbarkeit zwischen den Werten und Gesetzen der Schweiz und den Vorstellungen der Islamisten. Zumal Ali kein Einzelfall ist: Wie die Weltwoche in Erfahrung brachte, sind allein aus Biel zwei weitere Jugendliche in die obskure Schule in Kairo verfrachtet worden. Einer ist mittlerweile zurück, ein anderer ist noch dort.
Im Gespräch mit Lehrer Pichard, der ihn «menschlich mag», aber seine Überzeugungen «mit allen Mitteln bekämpft», sagte Blancho, dass er öfter nach London reise. Ihm gefalle, dass sich in der englischen Hauptstadt muslimische «Parallelgesellschaften» etabliert haben. Dasselbe schwebe ihm für die Schweiz vor. Die Glaubensbrüder sollten unter sich verkehren: der muslimische Taxifahrer, der muslimische Bäcker, der muslimische Händler – ein einziges islamisches Netzwerk, abgeschirmt und geschützt vor dem Kontakt mit den Unreinen und Ungläubigen.
Es gehört zu den deklarierten Zielen des Zentralrats, auf Schweizer Boden islamistische Schulen zu gründen. «Für eine Gemeinschaft, die nicht bereit ist, ihre religiöse Observanz einer neuen Säkularisierungswelle zu opfern, bleibt nur der Ausweg, eigene Schulen zu etablieren», heisst es lapidar.
Damit kommt eine gern verdrängte Frage aufs Tapet: Ist der Islam, insbesondere in der populären und wirkungsmächtigen Form des Islamismus, überhaupt mit demokratischen Spielregeln vereinbar? Der Schweizer Lukas Wick hat darüber eine vielbeachtete Dissertation verfasst, die das Problem grundsätzlich beleuchtet («Islam und Verfassungsstaat», 2009). Auf der Basis einer exzellenten Kenntnis der arabischen Quellen kommt er zum Schluss, dass der Islam mit dem liberalen Rechtsstaat kaum kompatibel sei. Besonders die «Identifikation mit der islamischen Urzeit», wie sie bei frommen Muslimen ausgeprägt ist, führe zu unauflösbaren Widersprüchen zur politischen Moderne, sagt Wick im Gespräch.
Noch sträuben sich viele gegen die ernüchternde Einsicht, sei es aus politischer Korrektheit, sei es aus Naivität oder aus falsch verstandener Toleranz. Gefragt, was sie davon halte, dass sie von Blancho und Illi nicht gegrüsst wird, weil sie eine Frau ist, antwortete eine Kommilitonin der Schweizer Islamisten: «Es steht ihnen immer noch frei, wen sie grüssen wollen und wen nicht. Das ist ihre Art, mir ihren Respekt zu erweisen.»
Man kann das auch so sehen.













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