Pfoten auf Abwegen

Die Tierschützer von «Vier Pfoten» nehmen in der Schweiz Millionen an Spendengeldern ein. Hinter den rührenden Geschichten um gerettete Tiere sieht es allerdings eher unerfreulich aus: Die Organisation ist geprägt von Ineffizienz, Inkompetenz und Mobbing.

Von Alex Reichmuth

Ohne Emotionen geht es bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten nicht. In Broschüren oder beim Internetauftritt wird man mit Geschichten konfrontiert, denen man sich gefühlsmässig nur schwer entziehen kann: Löwen, die unter unhaltbaren Bedingungen in osteuropäischen Zoos lebten, führen jetzt in einem südafrikanischen Park ein artgerechtes Leben. Ehemalige Tanzbären, die jahrelang gequält wurden, erholen sich in einem für sie geschaffenen «Bärenwald». Herrenlose Streunerhunde werden von Vier Pfoten versorgt und gepflegt. Dazu gibt es rührende Bilder: ein herziges Hündchen mit treuem Blick, ein zufriedener Eber in einem Suhlbad, ein unschuldiges Orang-Utan-Baby mit Kulleraugen.

Die Missstände bei der Tierhaltung, wie sie von Vier Pfoten geschildert werden, und die beschriebenen Rettungsaktionen gehen ans Herz und ans Portemonnaie: Schweizerinnen und Schweizer spenden der Organisation jedes Jahr Millionen. Gemäss dem Geschäftsbericht von 2008 nahm Vier Pfoten in der Schweiz 7,3 Millionen Franken ein. Wie Vier Pfoten auf Anfrage schreibt, stammten 95 Prozent davon von privaten Spendern, der Rest setzte sich aus Erbschaften, Legaten und Zuwendungen von Stiftungen zusammen. Vier Pfoten Schweiz ist somit nur wenige Jahre nach der Gründung im Jahr 2000 zu einer der drei grössten Tierschutzorganisationen der Schweiz geworden – neben dem Schweizer Tierschutz (STS) und dem Zürcher Tierschutz. Wer Vier Pfoten spendet, ist überzeugt, damit selbstlose Tierschützer zu unterstützen, die ihr Geld direkt für misshandelte Bären, geschundene Löwen und gequälte Stopfgänse einsetzen.

Massive Kritik von Ex-Mitarbeitern

Ein ganz anderes Bild von Vier Pfoten bekommt man aber, wenn man mit ehemaligen Mitarbeitern spricht. Sie kritisieren die Organisation zum Teil massiv: Spendengeld werde ineffizient verwendet, die Arbeit erfolge unprofessionell, und der Betrieb sei von Intrigen und Mobbing geprägt. Bei manchen von ihnen haben sich die Emotionen während ihrer Arbeit für Vier Pfoten völlig gewandelt: Stand am Anfang Empörung über Missstände im Tierschutz, war es am Ende vor allem Empörung über interne Missstände.

Konkret hatte die Weltwoche Kontakt mit fünf ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Drei von ihnen äussern massive Kritik an der Organisation. Die anderen beiden sind zurückhaltender, sehen aber auch Missstände. Alle fünf bestehen auf absolutem Quellenschutz: Nur wenn ihr Name nicht genannt wird, sind sie zu Aussagen bereit. Vor allem diejenigen, die scharf kritisieren, fürchten ansonsten juristische Auseinandersetzungen mit der internationalen Zentrale der Organisation in Wien.

Ein deutliches Anzeichen für interne Missstände bei Vier Pfoten sind aus Sicht vieler Ex-Mitarbeiter die zahlreichen Wechsel beim Personal. «Wer es dort ein Jahr aushält, gehört schon zu den Altgedienten», meint einer der ehemaligen Mitarbeiter. Besonders in den Jahren 2004, 2006 und 2009 hätten viele Mitarbeiter Vier Pfoten verlassen – sowohl bei der Schweizer Sektion als auch bei der Zentrale in Wien. Massiv verschlechtert habe sich das Arbeitsklima vor allem nach einer Reorganisation im Sommer 2006: Damals schaffte Helmut Dungler, Chef von Vier Pfoten International, die Geschäftsleitungen in den Ländern ab. Seither führt er die Organisation, die mittlerweile in zehn europäischen Ländern aktiv ist, zentral von Wien aus. Das bedeutet gemäss den Informanten, dass die Mitarbeiter von Vier Pfoten Schweiz noch mehr mit dem autoritären Stil von Dungler und dessen – Zitat «Vetterliwirtschaft» konfrontiert sind.

Dungler wird als «launiger Alleinherrscher» und «Sonnenkönig» bezeichnet als jemand, der keine starken Persönlichkeiten neben sich duldet und alles kontrollieren muss. Die Mitarbeiter würden gegeneinander ausgespielt. Wer Kritik übe, dem werde sofort gekündigt. Es herrsche eine hire and fire-Politik. Gleichzeitig seien Helmut Dungler und seine Entourage mit dem Führen der Organisation überfordert: «Von Betriebswirtschaft haben die keine Ahnung.»

Auch bei der Anstellung von neuem Personal zählten Qualifikationen nichts: «Wichtig ist nur, dass es Veganer oder wenigstens Vegetarier sind.» Trotzdem hätten immer wieder hervorragende Leute bei Vier Pfoten angeheuert, erzählt einer der Ex-Mitarbeiter: «Aber die waren jeweils bald wieder weg.» Für die meisten der kontaktierten ehemaligen Mitarbeiter sind die beschriebenen Missstände bei Vier Pfoten nicht einfach eine interne Angelegenheit, die die Öffentlichkeit nichts angehe. Denn wegen des schnell wechselnden Personals und der permanenten Überwachung durch die Wiener Zentrale sei es unmöglich, kompetente und kontinuierliche Tierschutzarbeit zu leisten – was sicher nicht im Sinne der Spender sei.

Auch viele Kampagnen von Vier Pfoten seien von Ineffizienz und Inkompetenz geprägt, kritisieren ehemalige Mitarbeiter: Immer wieder würden Projekte, die mit viel Pomp lanciert wurden, bald nach dem Start wieder abgebrochen. Ein Beispiel sei dasjenige gegen den Handel mit Welpen aus Osteuropa, das bald im Sand verlaufen sei. Es gehe vor allem darum, mit Aktionen «viel Lärm, viel Wind» zu machen, aber kaum je um nachhaltigen Tierschutz. Viele Kampagnen würden unsorgfältig durchgeführt. Und es fehle immer wieder an Sachkenntnissen im Kerngeschäft, dem Tierschutz: «Zur Nutztierhaltung ist bei Vier Pfoten Schweiz schlicht kein Fachwissen vorhanden», sagt einer der Kritiker.

«Zu 100 Prozent intransparent»

Das Spendengeld versickere nicht nur in ineffizienten Kampagnen, sondern auch in einem übermässigen Reiseaufwand: Weil alles zentralisiert sei, müssten Schweizer Mitarbeiter immer wieder nach Wien fliegen, auch für kurze Sitzungen. Unnötig viel gereist werde auch bei Kampagnen im nahen und fernen Ausland. Da flögen oft viele Mitarbeiter mit, die dem Projekt keinen erkennbaren Nutzen brächten. «Noch etwas Safari in Afrika machen», vermutet einer der Ex-Mitarbeiter als Motivation dahinter. Auch von aufwendigen Teambildungsveranstaltungen auf Kosten des Unternehmens ist die Rede.

Stossend sei dazu der riesige Anteil des Budgets, den Vier Pfoten aufwende, um weitere Spenden zu generieren. Dieser Fundraising-Aufwand wird von einigen auf über 50 Prozent geschätzt. Einer bezeugt gar, dass in gewissen Jahren 80 Prozent des Budgets und mehr ins Fundraising geflossen seien.

Genaue Zahlen kennen aber nur wenige. «Vier Pfoten ist zu 100 Prozent intransparent», meint ein Kritiker. Ausserhalb des engen Führungszirkels um Helmut Dungler wisse keiner genau, wofür wie viel Geld ausgegeben werde. Aber auch sonst: «Niemand weiss, wer eigentlich was macht.» In Projekten und Kampagnen seien die Kompetenzen oft unklar geregelt, dazu interveniere und entscheide die Wiener Führung immer wieder willkürlich. So hätten die Schweizer Mitarbeiter einmal nur durch Zufall von einer Stand-Aktion für Vier Pfoten im eigenen Land erfahren, erzählt einer der Ex-Mitarbeiter. Die Aktion war offenbar von Wien aus organisiert worden, ohne dass die Zuständigen in der Schweiz darüber informiert worden waren.

Seit 2006 die Geschäftsleitungen in den Ländern aufgehoben wurden, liefen in der Schweiz auch kaum mehr konkrete Tierschutzprojekte, wird weiter kritisiert. «Für Wien ist die Schweiz nur noch eine Geldmaschine», sagt einer der Ehemaligen. In der Schweiz sei die Bereitschaft, Tieren zu helfen, gross, und hier hätten viele Leute auch die Mittel, um zu spenden. Noch 2004 habe es in der Schweiz ein Netzwerk von 600 Freiwilligen gegeben, mit denen Vier Pfoten Projekte habe durchziehen können: «Dieses Netzwerk wurde dann aber ‹eingestampft›.»

Zwei ehemalige Mitarbeiter kritisieren Vier Pfoten zurückhaltender. Einer meint, viele Aktionen der Organisation seien zwar sinnvoll, etwa diejenigen zugunsten von Tanzbären oder Streunerhunden. Bei anderen Projekten fehle für ihn aber der nachhaltige Nutzen: «Löwenbabys einzeln in einen Park in Südafrika zu bringen, ist aus meiner Sicht ein unverhältnismässiger Aufwand.» Ein anderer Ex-Mitarbeiter sieht Mängel bei der Führung und der Organisationsstruktur von Vier Pfoten. Dazu seien viele Kampagnen nicht genügend ausgereift und teilweise unprofessionell geführt. Es handle sich insgesamt aber um interne Probleme, wie sie wohl bei jeder grossen Organisation aufträten.

 

Drohung mit rechtlichen Schritten

Mit den teilweise massiven Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiter konfrontiert, weist Vier Pfoten sämtliche Kritik zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme schreibt Katharina Beriger von Vier Pfoten Schweiz, es sei «leicht erkennbar», dass ehemalige Mitarbeiter unwahre Zahlen und Behauptungen über Vier Pfoten verbreiten würden. Vier Pfoten arbeite nicht nur auf den Schutz einzelner Tiere hin, sondern strebe generelle Verbesserungen im Tierschutz an. Es gebe keine Kampagnen, die kurz nach dem Start abgebrochen würden. Was das Fachwissen der Mitarbeiter angehe, schreibt Beriger, so sei dieses in «Kompetenzzentren» gebündelt und darum nicht bei allen Landesvertretungen gleich stark vertreten. Die Aussagen, der Fundraising-Aufwand bei Vier Pfoten sei überaus hoch, seien falsch und rufschädigend. Die Organisation werde von Wirtschaftsprüfern und der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht kontrolliert. Es werde immer korrekt abgerechnet, dazu seien die internen Abläufe transparent. Auch die Vorwürfe, die Führung von Vier Pfoten sei autoritär und in vielen Aspekten inkompetent, weist Katharina Beriger zurück. Die Bereiche Finanzen und Administration würden von «erfahrenen Akademikern» geleitet. Im Übrigen habe Helmut Dungler als Chef von Vier Pfoten für seine Tierschutzarbeit das «Silberne Verdienstkreuz der Republik Österreich» verliehen bekommen.

Aber auch Vertreter anderer Tierschutzorganisationen beurteilen Vier Pfoten kritisch. In Frage gestellt wird, ob die Organisation mit ihren Methoden den Tieren nachhaltig nützen kann. Bei Vier Pfoten stehe offenbar «das Spektakel vor der Sache». Skeptisch beurteilt werden auch die zentralistische Organisation sowie die hohe Personalfluktuation. Namentlich genannt sein will aber keiner dieser auswärtigen Beobachter. Warum, wird mit der schriftlichen Stellungnahme von Vier Pfoten an die Weltwoche klar. «Sollten unwahre, rufschädigende, bzw. kreditschädigende Aussagen gegenüber Vier Pfoten getätigt werden, sehen wir uns gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten», schreibt Katharina Beriger. Die Drohung ist offensichtlich nicht nur an den Journalisten gerichtet, sondern auch an die ehemaligen Mitarbeiter und sonstigen Kritiker.

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