Was für ein Wurm

Von Daniele Muscionico

Wurmstichige Symbole deutscher Gemütlichkeit: Claudia Schiffer als Kunstobjekt. Bidl: Erwin Wurm (Shotview, Vogue, Deichtorhallen Hamburg)

Leibesübungen sind seine Spezialität: «Bitte in der Nase bohren!», wünscht sich der Künstler Erwin Wurm besonders oft. Und besonders gerne von seinen Ausstellungsbesuchern. Werkstoff des zu verwirklichenden Werks: der Mensch, der sich die Hand in den Schritt steckt, die schlaffe Zunge aus dem Mund hängen lässt, die blanke Stirn gegen eine Stuhllehne presst genau sechzig Sekunden lang. «One Minute Sculptures», heisst das Resultat, Situationen, in denen sich der Mensch in eine Skulptur verwandelt oder, um es anders zu sagen, zum Affen macht.

Zum Affen macht wie das altdeutsche Möbel hier. Denn die österreichische Verwurmung hat um sich gegriffen und sich eines besonderen Werkstoffes bedient, Claudia «vom Niederrhein» Schiffer, Lagerfelds einträglichste Kreation und des Deutschen schönstes Pferdegebiss. Claudia Schiffer ist, wenn Sauberkeit nach Geld riecht.

Auch «Clodia» hat sich einer Wurm-Kur unterzogen. Eigentlich schon letzten November, für die deutsche Vogue, und wir, im März, meinten, die Sache sei längst vergessen und stilvoll ad acta gelegt. Damals hatte der Künstler die Schiffer in eine Situation gebracht wie andere x-beliebige Menschen, die sich für ihn bäuchlings auf den Bürgersteig legen, den Kopf in eine Schüssel stecken, in der Nase bohren . . . Mit dem einen Unterschied: Die Schiffer ist kein x-beliebiger Mensch. (Zwar: Sie hielt George Bush für einen grossen Mann und ist, noch immer, katholisch.)

Doch von Vergessen keine Spur. Das Ergebnis der novembrigen Blasphemie ist noch einmal ans Tageslicht gekommen, und das ist nicht (nur) unsere Schuld. Anzukreiden ist es dem Hamburger Haus der Photographie in den Deichtorhallen. Dort nämlich zeigt die Ausstellung «Visual Leader» (bis 11. April 2010) das vermeintlich Beste, was in deutschen Zeitschriften 2009 erschienen ist. Zu sehen sind rund 200 Fotoserien, Magazinbeiträge, Anzeigen und Websites, die Spitzenprodukte der deutschen Kreativszene. Mit dabei: Erwin Wurms Zurichtung von Claudia Schiffer und anderen verholzten Geräten. Die Bildstrecke ist sogar ausgezeichnet worden, und zwar in der Kategorie «Mood- und Modefotografie».

Das bringt einen in the mood für eine andere Frage: «Was soll das, bitte schön?» Diese wurmstichigen Symbole deutscher Gemütlichkeit verletzen unseren Schönheitssinn empfindlich. Und dass das unlockere Ding einen Stock im Hintern hat, das war ja schon immer klar. Aber wollen wir den Beweis auch sehen?

Kommentare

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  • Markus Spycher
  • 24.03.10 | 12:21 Uhr

Danke für den Link, Christine.
Jede sieht auf einem Bild vordringlich das, was sie sehen will. Das ist wie beim selektiven Lesen: Was die eigene Meinung bestätigt, wird akzeptiert, das andere wird gerne verdrängt.
Saluti

  • Christine Joos
  • 24.03.10 | 06:56 Uhr

Auch wenn die Interpretation eines hölzern wirkenden Zirkels in seiner Metalligkeit die Wärme des Bildes aufbricht wie die neue Chromstahlliege den alten Sekretär, so verliert das Bild trotzdem nicht an weicher Stimmigkeit.

Und in diese Stimmigkeit, lieber Markus, pflanze ich nun doch noch den Ton, der dieser Weichheit, anders als Dein Hexenbesen, nicht zum Schaden gereicht:
http://ingeb.org/Lieder/HoppHopp.html

  • Christine Joos
  • 22.03.10 | 20:27 Uhr

Mehrere Interpretationsmöglichkeiten, Markus?

Wenn ich bedenke, dass dies ein Studierzimmer ist, übertitelte ich das Bild mit "Der Zirkel im Zirkel".

  • Markus Spycher
  • 22.03.10 | 09:24 Uhr

>> "Jetzt fehlt noch der Ton."

Ein bisschen Nachhilfe, geschätzte Christine: Ein geglücktes photographisches Kunstwerk bedarf (zumindest für einen künstlerisch sensiblen Menschen) keiner zusätzlichen Informationen, weder Text noch Ton. Genausowenig wie ein gelungenes Gedicht seitenlanger Kommentare bedarf (wobei das für Unbedarftere eine willkommene Hilfe sein kann). Ein gültiges Kunstwerk erlaubt auch mehrere Interpretationsmöglichkeiten;deshalb zum aktuellen Bild eine weitere Deutungsmöglichkeit:
Eine äh . . . schöne Deutsche verirrt sich auf ihrem Hexenbesen in ein Studierzimmer.

  • Christine Joos
  • 21.03.10 | 19:30 Uhr

Wir haben das stimmige Bild in warmen Farben, und wir haben die unvergleichliche, köstliche Abhandlung D. Muscionicos.

Jetzt fehlt noch der Ton.

  • Markus Spycher
  • 18.03.10 | 08:30 Uhr

Hier wird auf humorvolle Art und Weise einem Gelehrtenzimmer Besen und Ghüderschaufel beigestellt. Da wird mit der gehobenen Gemütlichkeit und Gelehrsamkeit des deutschen Biedermeier gründlich abgerechnet. Claudia Schiffer mit Hilfe eines Holzknechtes zur Skulptur zu machen, darauf muss einer zuerst kommen (und Wurm heissen). Wer Augen hat, der sehe! Danke für den Beitrag, Daniele Muscionico.

 
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