Leibesübungen sind seine Spezialität: «Bitte in der Nase bohren!», wünscht sich der Künstler Erwin Wurm besonders oft. Und besonders gerne von seinen Ausstellungsbesuchern. Werkstoff des zu verwirklichenden Werks: der Mensch, der sich die Hand in den Schritt steckt, die schlaffe Zunge aus dem Mund hängen lässt, die blanke Stirn gegen eine Stuhllehne presst genau sechzig Sekunden lang. «One Minute Sculptures», heisst das Resultat, Situationen, in denen sich der Mensch in eine Skulptur verwandelt oder, um es anders zu sagen, zum Affen macht.
Zum Affen macht wie das altdeutsche Möbel hier. Denn die österreichische Verwurmung hat um sich gegriffen und sich eines besonderen Werkstoffes bedient, Claudia «vom Niederrhein» Schiffer, Lagerfelds einträglichste Kreation und des Deutschen schönstes Pferdegebiss. Claudia Schiffer ist, wenn Sauberkeit nach Geld riecht.
Auch «Clodia» hat sich einer Wurm-Kur unterzogen. Eigentlich schon letzten November, für die deutsche Vogue, und wir, im März, meinten, die Sache sei längst vergessen und stilvoll ad acta gelegt. Damals hatte der Künstler die Schiffer in eine Situation gebracht wie andere x-beliebige Menschen, die sich für ihn bäuchlings auf den Bürgersteig legen, den Kopf in eine Schüssel stecken, in der Nase bohren . . . Mit dem einen Unterschied: Die Schiffer ist kein x-beliebiger Mensch. (Zwar: Sie hielt George Bush für einen grossen Mann und ist, noch immer, katholisch.)
Doch von Vergessen keine Spur. Das Ergebnis der novembrigen Blasphemie ist noch einmal ans Tageslicht gekommen, und das ist nicht (nur) unsere Schuld. Anzukreiden ist es dem Hamburger Haus der Photographie in den Deichtorhallen. Dort nämlich zeigt die Ausstellung «Visual Leader» (bis 11. April 2010) das vermeintlich Beste, was in deutschen Zeitschriften 2009 erschienen ist. Zu sehen sind rund 200 Fotoserien, Magazinbeiträge, Anzeigen und Websites, die Spitzenprodukte der deutschen Kreativszene. Mit dabei: Erwin Wurms Zurichtung von Claudia Schiffer und anderen verholzten Geräten. Die Bildstrecke ist sogar ausgezeichnet worden, und zwar in der Kategorie «Mood- und Modefotografie».
Das bringt einen in the mood für eine andere Frage: «Was soll das, bitte schön?» Diese wurmstichigen Symbole deutscher Gemütlichkeit verletzen unseren Schönheitssinn empfindlich. Und dass das unlockere Ding einen Stock im Hintern hat, das war ja schon immer klar. Aber wollen wir den Beweis auch sehen?













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