Thiel

Peter und der Tod

 Freund Hein schaut beim Frühstück vorbei, tischt einiges auf, und Peter gibt den Löffel trotzdem nicht ab. Ein Lustspiel in einem Akt.

Von Andreas Thiel

Der Tod: Guten Morgen.
Peter Kurer: Huch! Haben Sie mich aber erschreckt!
Der Tod: Ich wollte nur kurz vorbeischauen, um hallo zu sagen.
Kurer: Später, ich bin beim Frühstück.
Der Tod: Sie haben nicht viel Zeit.
Kurer: Stimmt. Zeit ist Geld.
Der Tod: Aber Geld ist nicht Zeit. Ich sehe, Sie essen mit goldenem Besteck?
Kurer: Ja. Morgenstund hat Gold im Mund.
Der Tod: Aber Sie essen ja nur das Gelbe vom Ei!
Kurer: Das ist meine Weissgelbstrategie. Das Weisse bleibt auf dem Tisch, das Gelbe vom Ei muss weg.
Der Tod: Verinnerlichen Sie Strategien immer mit dem Löffel?
Kurer: Weisheit ist essbar.
Der Tod: Und Wissen kann man trinken.
Kurer: Stimmt, deswegen spricht man ja auch vom Wissensdurst.
Der Tod: Und wer dumm ist, verhungert.
Kurer: Ich sehe, wir verstehen uns.
Der Tod: Und wenn ich Ihnen eine bittere Wahrheit serviere?
Kurer: Mir können Sie auftischen, was Sie wollen. Ich habe hier eine grosse Zuckerdose . . .
Der Tod: . . . mit der Sie sich
auch bittere Medizin ver-
süssen können?
Kurer: Ich löffle alles aus.
Der Tod: Mit einem ver-
goldeten Löffel.
Kurer: Und was haben Sie da
für ein Ding?
Der Tod: Das hier? Das ist
eine Sense.
Kurer: Sind Sie der neue
Gärtner?
Der Tod: Nein, der neue
Chauffeur.
Kurer: Und wie heissen Sie?
Der Tod: Hein Klapperbein.
Kurer: Sehr schön, aber Sie stören mich beim Frühstück, Hein.
Der Tod: Kein Problem. Behalten Sie den Löffel nur gleich in der Hand. Den können Sie nachher abgeben.
Kurer: Wieso? Wird gepfändet?
Der Tod: Haben Sie Schulden?
Kurer: Nicht dass ich wüsste.
Der Tod: Was sagt Ihr Gefühl?
Kurer: Kann man Schulden fühlen?
Der Tod: Schuldgefühle . . .
Kurer: Kann ich mir nicht leisten.
Der Tod: Schuldgefühle sind ein Luxus, den Sie sich nicht leisten können?
Kurer: Gefühle können einen in meinem Beruf teuer zu stehen kommen.
Der Tod: Gut, dann will ich Ihnen mal die Rechnung präsentieren, heute ist Zahltag.
Kurer: He! Was soll das? Nehmen Sie die Sense runter!
Der Tod: Sie werden abberufen.
Kurer: Entlassen?
Der Tod: Sozusagen.
Kurer: Aber ich habe doch schon gekündigt . . .
Der Tod: Sie werden verabschiedet. Verabschiedet aus dem Leben.
Kurer: Moment! «Hein Klapperbein» sagten Sie? Sind Sie der Tod?
Der Tod: Ja. Soll ich tanzen?
Kurer: Nein, halt, warten Sie! Ich habe ein Jahr Kündigungsfrist.
Der Tod: Was? Wieso das?
Kurer: Das steht in meinem Vertrag.
Der Tod: Sie haben das schriftlich?
Kurer: Ja hier, bitte.
Der Tod: Ha! Die Handschrift kenne ich. Haben Sie mit dem Gesellen öfter Geschäfte gemacht?
Kurer: Anwaltsgeheimnis.
Der Tod: Und was hat er für das Jahr Galgenfrist verlangt?
Kurer: Nichts.
Der Tod: Nichts?
Kurer: Er hat es mir einfach so gegönnt.
Der Tod: Dann muss er Sie mögen.
Kurer: Er war in der Tat erstaunlich freundlich.
Der Tod: Gut, dann komme ich halt in einem Jahr wieder.
Kurer: Überarbeiten Sie sich nicht.
Der Tod: Stehen Ihre Kollegen auch im Pakt mit diesem Gesellen?
Kurer: Wir haben für unsere Branche einen Gesamtarbeitsvertrag.
Der Tod: Ich habe Zeit. Wir sehen uns, wenn der Vertrag abgelaufen ist.
Kurer: Moment, warten Sie! Eine Frage noch: Gibt es eine Abgangsentschädigung?
Der Tod: Ja, aber Sie können sie nicht mitnehmen.

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  • Andreas Thut
  • 19.03.10 | 14:44 Uhr

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