Literatur

Fernduell

Die Weltwoche enttarnte den Holocaust-Schwindler Wilkomirski. Benjamin Stein verarbeitet die Geschichte in seinem Roman «Die Leinwand». Viel zu unkritisch.

Von Hans-Peter Kunisch

Ein Roman, den man immer mal wieder umdrehen sollte, weil er auf beiden Seiten des Buches beginnt und in der Mitte doppelt endet? Tatsächlich. Benjamin Stein erzählt in «Die Leinwand» schon auf den ersten Blick zwei Geschichten mit zwei Ich-Erzählern von zwei Seiten her und gibt, auf beiden Seiten, den Hinweis: «Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman.» Zwecks Erreichen des Hauptwegs könne man der einen Erzählung «bis zur Mitte des Buches folgen, es dann wenden». Wer sich für Nebenwege interessiere, wende das Buch nach jedem Kapitel, «Sie können sich jedoch auch ihren ganz eigenen Weg suchen.»

Scherz, Ironie, tiefere Bedeutung? Die Geschichte dieses Buchs ist nicht einfach und vielleicht sogar komplizierter, als sein Autor glaubt. Doch vorerst nehmen wir diese ersten Sätze mal als souveräne Anleitung zum Gebrauch kleinerer Freiheiten. Natürlich entscheide ich mich für den eigenen Weg. Will ich am Ende eines Kapitels weiterlesen, tue ich das. Verführerisch ist nur, dass es mir oft so geht. Aber dann verliere ich den Faden der anderen Geschichte! Wobei diese zwei Romane in einem ja zusammengehören, aber wie?

Steins List ist, dass man genau dies lange nicht merkt. Beide Erzähler sind observante Juden, sonst verbindet sie wenig. Amnon Zichroni wächst in Mea Schearim auf, dem orthodoxesten aller Viertel Jerusalems, aus dem jene Männer mit breitrandigen schwarzen Hüten und weissen Hemden kommen, die am Vorabend des Sabbats das junge Partyvolk, das auch in Jerusalem herangewachsen ist, bis tief in den Morgen hinein ergänzen. Doch Zichronis Vater, kein ganz Strenggläubiger, zieht mit der Familie ins Nachbarviertel Geula. Amnon soll noch weiter weg. Eines Tages wird er in der Schule erwischt, wie er «Das Bildnis des Dorian Gray» liest, das er in der verschlossenen Bibliothek des Vaters fand. Er wird nach Zürich geschickt, wo ein an westlicher Kultur interessierter Onkel wohnt.

Eine geografische Annäherung an den zweiten Erzähler, Jan Wechsler, der als Journalist und Verleger in München lebt, eine Frau, zwei Kinder hat und wie ein Alter Ego des Autors wirkt. Wie Stein (1970 geboren) hat er vor längerer Zeit seinen Erstling veröffentlicht («Das Alphabet des Juda Liva», Ammann, 1995), wie Stein ist er in Ostberlin aufgewachsen.
Doch stimmt das mit der DDR? Wechsler erzählt Geschichten vom Vater, der Buchhändler in Berlin-Friedrichshagen war; davon, dass er alles lesen konnte, davon, dass es in der DDR sogar Orangen gab (vor Weihnachten, aus Kuba), gelegentlich Bananen und Mandarinen.

Trotzdem: Irgendetwas stimmt nicht. Es scheint einen zweiten Jan Wechsler zu geben, dessen schwarzer Pilotenkoffer eines Tages beim Erzähler Wechsler angeliefert wird. Auch der Kofferbesitzer ist Autor, hat mit dem Buch «Maskeraden» den Skandal um Minsky, einen Holocaust-Schwindler, aufgedeckt, ist aber mit der Mutter aus Israel in die Schweiz gekommen. Umso seltsamer, dass der Erzähler Wechsler im anderen Buch eigene Erlebnisse findet, so das freche Ausleihen eines Gedichtbands von E. E. Cummings in der amerikanischen Botschaft in Ostberlin.

Das gibt es kein zweites Mal. Der Erzähler ist verwirrt. Hat er einen Teil seines Lebens vergessen, hat der andere Wechsler einen Teil gestohlen? Die Frau des Erzählers, die durch das Koffer-Etikett in der Schrift ihres Mannes misstrauisch geworden ist, will wissen, wen sie vor sich hat.

Zerbrechlicher Mann

Da geht es ihr ähnlich wie dem Leser. Die von Stein vorgeschlagene Methode des individuellen Springens erweist sich als sanft perfide. Hat die Irritation ob der zwei Wechsler-Lebensläufe damit zu tun, dass ich alle paar Kapitel das Buch umdrehe und zu Zichroni wechsle, der in Pekesville, Baltimore, eine jüdische Hochschule besucht, Medizin studiert? Wie steht es mit der Verbindung der Geschichten? Bisher hat sich nur eine ergeben: Zichroni liebt, wie beide Wechslers, die Mikwe, das rituelle Tauchbad, dem magische Heilkraft zugesprochen wird. Und tatsächlich ist dies wichtig, denn Stein geht es um das Thema «gesund/krank», und zwar pikanterweise anhand eines beinahe in Vergessenheit geratenen Literaturskandals. Minsky, der als Zichronis Patient auch in dessen Geschichte gerät, ist auf einer zweiten Ebene Binjamin Wilkomirski, also jener legendäre Schweizer Bruno Grosjean, der durch Adoption Bruno Doessekker wurde und als Wilkomirski kurze Zeit Literaturgeschichte schrieb. Erst Autor einer autobiografischen KZ-Kindheitsgeschichte, dann, als Daniel Ganzfried in der Weltwoche vom 27. 8. 1998 den Wahrheitsgehalt der Geschichte schlüssig widerlegte, zumindest als bedauernswerter Schwindler.

Steins leichtfüssiges Literatur-Spiel wird zum unkonventionellen Schlüsselroman. Zichroni ist ein Stellvertreter Elitsur Bernsteins, jenes Psychiaters, der Doessekker ermunterte, seine Kindheit aufzuschreiben. Koffer-Wechsler hingegen ist eine Art Schatten Ganzfrieds, mit dem sich aber auch der andere Wechsler/Stein identifiziert.

Womit wir jene drei beisammenhätten, die im Herbst 1995 ihren ersten «jüdischen» Roman veröffentlichten: Stein («Das Alphabet»), Doessekker/Wilkomirski («Bruchstücke») und Ganzfried («Der Absender»). Stein hatte sogar einen gemeinsamen Auftritt mit Wilkomirski, was man seiner Website «Der Turmsegler» entnehmen kann: «Kennengelernt habe ich Binjamin Wilkomirski auf der Leipziger Buchmesse 1996. [. . .] Es war offensichtlich, wie weit dieser zerbrechliche Mann von einem seelischen Gleichgewicht entfernt war, dass er voller Ängste und Nöte steckte.»

Stein besuchte den noch unentdeckten Doessekker danach in der Schweiz. Und er ist noch heute davon «überzeugt», dass dieser «an seine Version der Rekonstruktion seiner Kindheitsleiden glaubte. Sie war ganz offenbar seiner Seele die passendste Metapher für das, was ihm widerfahren war.» Doessekker sei ein verletztes Kind geblieben. Doch da beginnen die Probleme mit diesem Buch, das eine «Leinwand» für viele Projektionen ist. Denn so antiideologisch es sich zuerst liest, auf der Schlüsselroman-Ebene, die für sein Entstehen wie für sein volles Verständnis unabdingbar ist, übernimmt es im Wesentlichen jene Lesart, auf die sich der Literaturbetrieb nach Stefan Mächlers Studie «Der Fall Wilkomirski» geeinigt hat. Sie bestätigt, dass Wilkomirski Doessekker war, legt aber auch nahe, dass Doessekker kein planvoller Verschleierer sei, sondern, unter dem Einfluss von Bernstein und der «Recovered Memory Theory», Fälle von Missbrauch, die er als Kind bei den Adoptiveltern erlebt hatte, aus der Schweiz nach Polen übertragen habe, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Komplizenschaft

Dem widerspricht Daniel Ganzfried noch heute entschieden: «Die Sache ist einfach: Die Bezirksanwaltschaft Zürich hat damals abschliessend den Tatbestand des Betrugs verneint. Begründung: Ein Betrug lag nicht vor, weil es keine Betrogenen gab. Diese hätten sein können: der Verlag (Suhrkamp), die Agentur (Liepmann). Alle Beteiligten hätten aber, schlussfolgert die Bezirksanwaltschaft, von Anfang an um den wahren Sachverhalt gewusst. Und genau das stützte meine These, die ich von Anfang an vertrat: Verlag, Autor und Agentur handelten in Tateinheit. Es war eine Komplizenschaft. Wilkomirski war ein Produkt der Literaturindustrie.» Auch der Psychologe Bernstein «gehöre», so Ganzfried, «dazu». Er habe Doessekker «nie behandelt, sondern ihm beim Verfassen des Buches zur Seite gestanden, bei der Vermarktung mitgeholfen». Selbst Mächler, der als unabhängig galt, stecke mit drin. «Statt die Komplizenschaft herauszuarbeiten, hat Mächler sie vernebelt. Im Auftrag und unter Bezahlung der Agentur Liepmann, also eines der handelnden Komplizen des Falles. Seine Aufgabe war es, darzustellen, wie kompliziert der Fall sei, und wie unmöglich für die Beteiligten, ihn zu durchblicken.»

Fürs Erste kann man wohl sagen: Der Vorhang schien geschlossen. Steins Roman versucht jetzt, ihn auf seine Weise wieder aufzuschütteln. In seinen Augen sind einige alte, längst gelöste Fragen noch immer offen. Er wirbelt die verschiedenen Positionen mit einigem literarischem Geschick neu durcheinander. Wobei: Auch Steins anfangs so sanftes Buch, das Minsky von aller Schuld befreien möchte, läuft, von zwei Seiten her, auf ein mörderisches Duell an einer israelischen Heilquelle zu: Wechsler vs. Zichroni.

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