Vor ein paar Wochen noch war die Kampfzone um einiges übersichtlicher: Solange sich der Missbrauch an jungen Menschen hinter Klostermauern abspielte und die Szenerie von Weihrauch durchtränkt war, richtete sich die Empörung geschlossen gegen die katholische Kirche. Unmittelbare Auslöser waren Vorwürfe gegenüber Jesuitenpatres, die sich am Berliner Canisius-Kolleg an mehreren Dutzend Zöglingen vergangen hatten. Weitere Fälle in ganz Deutschland wurden publik, in Pfarrgemeinden, Internaten, Schulen.
Eine Erklärung für die Untaten war schnell zur Hand: Der Zölibat – Eheverbot und Keuschheitsgelübde – führe zwangsläufig zum brutal aufbrechenden Triebstau im Klerus. Es stehe ausser Zweifel, schrieb der Spiegel, dass «dieses Klima der unterdrückten Sexualität» Übergriffe auf Kinder befördere. Dagegen sprechen allerdings nur schon die Fakten: Drei von vier pädophilen Tätern sind weder Fremde noch Geistliche, sondern Väter, Onkel, Nachbarn.
Inzwischen ist die konfessionelle Schuldzuweisung längst von neuen Schlagzeilen überholt worden. Ins Blickfeld rückte die Odenwaldschule, eine reformpädagogische Vorzeigeeinrichtung ohne jeglichen kirchlichen Hintergrund. In dieser deutschen Privatschule mit Internat und 68er Prägung sollen Schüler regelmässig sexuell missbraucht worden sein. Von bis zu 100 Opfern ist bereits die Rede. Zwischen 1972 und 1985 habe unter der Leitung Gerold Beckers eine Atmosphäre geherrscht, in der sexuelle Handlungen zwischen Lehrern und den ihnen auch nachts anvertrauten Schülern toleriert worden sei. Pikant daran ist: Becker ist der Lebensgefährte von Hartmut von Hentig, der grossen Nachkriegsgestalt der Reformpädagogik.
Gestelzter Marmor
Wie üblich, hat sich die Debatte schnell von den Opfern weg in den ideologischen Nahkampf verlagert. In einem Tages-Anzeiger-Essay meldete sich der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg zu Wort. Er spricht von einem «Hexengericht» gegen den ehemaligen Leiter der Odenwaldschule und verteidigt «die freie Praxis der Erziehung» – auch was die Erotik betreffe, die laut Muschg immer eine Grenzüberschreitung sei. «Es ist nur die Frage, ob sie uns willkommen ist oder nicht.»
Muschg weiss die Worte zu setzen. Was aber bleibt, wenn sein gestelzter Marmor abblättert? Die Autorin Amelie Fried, selber Absolventin der Odenwaldschule, erzählt, wie sich ihr «Familienvater» in den Mädchen-Duschraum gedrängt und sie zu Strip-Poker-Runden genötigt habe. Sie erinnert sich an die Andeutungen über die Vorliebe des Direktors Gerold Becker für kleine Jungs, wie ihre Kameraden morgens von der «Hand unter der Bettdecke» geweckt worden seien. Warum spricht Muschg von erotischen Grenzüberschreitungen, wo alles auf profane Fummeleien zur eigenen Befriedigung hindeutet?
Es ist also mit Muschg zu fragen, ob uns eine erotische Grenzüberschreitung willkommen sei oder nicht. Doch wie soll ein Jugendlicher einer solchen Problematik begegnen? Man wollte nicht glauben, sagt Amelie Fried, dass ein Lehrer, der ja ein Vorbild sei und ansonsten auch ein netter Kerl, etwas Unrechtes tue. «Lieber gibt man sich selbst die Schuld.» Exakt auf diese Weise wirken Abhängigkeitsverhältnisse. Zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Lehrern und Schülern.
Kriminelles Treiben
Amelie Fried beschreibt das perfide Schönreden sexueller Ausbeutung durch den Rückgriff auf die Antike. Man habe damals gern das Ideal der griechischen Knabenliebe bemüht, um dem kriminellen Treiben «gewissermassen die höheren Weihen» zu verleihen.
Wo höhere Weihen im Spiel sind, ist Adolf Muschg nicht weit. Auch er merkt mit humanistisch geschultem Gestus an: «Die Grundlegung des ‹pädagogischen Eros› findet sich in den Schriften Platons, die vom Körperlichen der Lehrer-Schüler-Beziehung durchaus nicht absehen.» Um sogleich auf die nächste Autorität überzuleiten: «War Sokrates ein Päderast? Eine solche Frage ist wie ein roher Griff, der jeden delikaten Stoff unkenntlich macht.» Wohl eher andersrum: Der rohe Griff macht den delikaten Stoff erst recht kenntlich. Oder wie es Alice Schwarzer formuliert: Was heute endlich als Missbrauch benannt wird, hiess bei den Anhängern der sexuellen Befreiung «Kinderliebe», und Pädophile waren «Kinderfreunde».
Tatsächlich forderten die deutschen Grünen noch 1985 die Entkriminalisierung von Sex mit Minderjährigen. Im Schweizer Szenemagazin Focus veröffentlichte der mehrfach verurteilte Pädosexuelle Peter Schult 1979 ein hymnisches Gedicht auf die Knabenliebe. Daniel Cohn-Bendit plauderte 1975 über seine erotischen Erlebnisse mit Kindern: «Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen.» Mehrmals hätten ihm Kinder seinen Hosenlatz geöffnet und «angefangen, mich zu streicheln». Wenn sie darauf bestanden, habe er zurückgestreichelt.
Erotik ist immer eine Grenzüberschreitung, schreibt Adolf Muschg 2010, Nähe sei ein «Lebensmittel», kein Missbrauch. Einmal mehr wird, in diesem Fall besonders wortreich gedrechselt, aus dem Täter ein Opfer gemacht. Die sexuelle Integrität von Kindern sollte jedoch kein Anlass für germanistische Spitzfindigkeiten sein.













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