Der Franken gewinnt gegenüber dem Euro ständig an Wert. Soll und kann die Notenbank den Trend umkehren?
Das wird schwierig sein. Die Europäische Währungsunion leidet an strukturellen Problemen, an einer sehr heterogenen Zusammensetzung und an unterschiedlichen Vorstellungen über Inflationsziele oder Ausgabedisziplin der öffentlichen Haushalte. Das führt unweigerlich zu Zerreissproben innerhalb der Währungsunion. Und deshalb steigt der Frankenkurs gegenüber dem Euro.
Wie lange hält die Euroschwäche Ihrer Meinung nach noch an?
Was wir sehen, ist erst der Anfang. Wenn sich die Situation im Euroland dramatisch entwickelt, könnte im Extremfall eine Situation wie in den 70er Jahren entstehen. Damals stieg der Franken durch spekulative Kapitalzuflüsse dramatisch an. Sollte sich das wiederholen, würde das die schweizerische Geldpolitik vor sehr heikle Entscheidungen stellen . . .
. . . weil die Aufwertung einen Export- und Beschäftigungseinbruch auslösen könnte. Wie könnte die Notenbank dies verhindern?
Sie hat zwei Optionen. Sie könnte versuchen, sich einer dramatischen Aufwertung entgegenzustemmen, indem sie auf dem Markt Euros kauft. Wenn sie die Aufwertung auf diese Weise verhindert, nimmt sie aber eine anziehende Inflation in Kauf. Die Notenbank kann anderseits an ihrem Ziel der Preisstabilität festhalten. Dann müsste sie eine gewisse Aufwertung akzeptieren.
Was würden Sie ihr empfehlen?
Ich habe Verständnis, dass die Nationalbank an ihrem expansiven Kurs festhalten will, solange das Ausland sehr expansiv bleibt. Solange der wirtschaftliche Erholungsprozess nur langsam vorankommt und der Aufwertungsdruck auf den Franken hoch ist, muss die Politik der Nationalbank flexibel bleiben. Sie sollte aber unbedingt ihr Inflationsziel von null bis zwei Prozent beibehalten. Ich bin froh, dass sich die Leitung der Nationalbank deutlich für dieses Ziel ausgesprochen hat.
Der Chef des Internationalen Währungsfonds sieht das anders. Er spricht sich für eine höhere Inflation aus, um die Konjunktur wieder in Gang zu bringen
Die gegenwärtige Diskussion im Ausland, die eine Anhebung der Inflationsziele auf vier oder sogar noch mehr Prozent fordert, um die Konjunktur zu beleben, erachte ich als gefährlich, ja fahrlässig. Ich traue der Schweizerischen Nationalbank am ehesten zu, auf dem richtigen Kurs zu bleiben, der uns eine Inflation erspart. Die Europäische Zentralbank will das zwar auch. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie vom politischen Umfeld unterstützt wird. Noch weniger Vertrauen habe ich in die amerikanische Geldpolitik. Die USA haben eine riesige Innen- und Aussenverschuldung. Die Versuchung, das Schuldenproblem zumindest teilweise über die Inflation zu lösen, ist enorm hoch. Was dem Franken weiteren Auftrieb geben wird.
Der Aussenwert des Frankens soll also nicht künstlich beeinflusst werden?
Nur ausnahmsweise. Sollte ein dramatischer Aufwertungsdruck auf den Franken zukommen und der Euro gegenüber dem Franken zum Beispiel auf 1,3 fallen, wird die Gefahr für die Arbeitsplätze so gross, dass man in einem gewissen Ausmass die Aufwertung dämpfen muss, selbst wenn dadurch ein Inflationspotenzial geschaffen wird. Das Abwägen der Vor- und Nachteile sowie der Entscheid, wann der Aufwertung entgegenzutreten ist, braucht viel Fingerspitzengefühl.
Wo liegt die Schmerzgrenze für den Franken-Euro-Kurs, ab der die Ausfuhren deutlich leiden?
Wenn der Franken gegenüber dem Euro weiter zulegt, wird sich der Wechselkurs negativ auf die Ausfuhren auswirken, vor allem, wenn die Aufwertung in einem kurzen Zeitraum erfolgt. Die Schweizer Wirtschaft war stets in der Lage, das gut zu verkraften, solange der Anstieg nicht allzu schnell erfolgte.
Wäre es nicht einfacher, den Franken durch den Euro zu ersetzen oder an ihn zu koppeln, um den Wechselkursrisiken auf den Exportmärkten auszuweichen?
Das hätte grosse Nachteile. Wenn man die Autonomie aufgibt, gibt man sehr viel an geldpolitischer Reputation und Glaubwürdigkeit auf, also all das, was man in langen Jahren aufgebaut hat. Zudem würde der Zinsbonus des Frankens wegfallen, und zwar endgültig. Das würde sich negativ auf die Investitionen auswirken.
Die Zinsen werden so oder so steigen?
Noch im Verlauf dieses Jahres. Denn die Nationalbank muss die Liquiditätsflut, die sie geschaffen hat, rechtzeitig wieder abschöpfen. Ein starker Franken ist zwar ungünstig für die Exportbranchen. Für die schweizerischen Konsumenten aber ist er ein Plus. Er ist zudem ein sehr wertvolles Symbol für den schweizerischen Finanzplatz, eine Art Markenzeichen. Die Verankerung des Finanzplatzes in einer der stabilsten Währungen der letzten hundert Jahre ist ein grosser Vorteil.













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