Euro

Fröhliches Schuldenmachen

Die europäische Einheitswährung hat den Härtetest in der Krise nicht bestanden.

Von René Lüchinger

Der Euro «wird weiterhin gut funktionieren», prophezeit der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt in seinen soeben publizierten «Jahrhundert-Gesprächen» mit dem Geschichtsprofessor Fritz Stern. Fast triumphierend schiebt er nach: «Es ist immerhin ein Novum in der Weltgeschichte, dass viele souveräne Staaten eine Währung gemeinsam haben.» So reden Politiker. So wie jene Staatschefs, die nach dem Mauerfall um jeden Preis die europäische Einheitswährung wollten. Der Franzose François Mitterrand, weil er angesichts eines wieder erstarkenden Deutschlands die Dominanz der Mark brechen wollte. Der Deutsche Helmut Kohl, weil er als Kanzler der Einheit sich vor der Geschichte auch noch die Medaille der Einheitswährung umhängen wollte. So viel persönliche Motivation unterhöhlt jeden währungspolitischen Sachverstand.

Dabei haben damals die Ökonomen bereits gewarnt, dass es genau dies nicht geben kann: mehrere souveräne Staaten und eine Einheitswährung. Der Grund ist simpel wie einleuchtend. Ohne politische Union gibt es keine währungspolitische Disziplin. Ökonomisch gilt: ein Staat, eine Währung, und dass diese Gleichung wohl unumstösslich ist, beweist nicht zuletzt der Euro. Jedes EU-Land setzte ungeachtet der Einheitswährung seine eigenen finanz- und wirtschaftspolitischen Beschlüsse um, und das hiess in den meisten Fällen fröhliches Schuldenmachen.

Der sogenannte Euro-Stabilitätspakt, der für einen stabilen Euro sorgen und die Neuverschuldung der Mitgliedstaaten begrenzen sollte, war das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben stand. Er besagt beispielsweise, dass die Neuverschuldung eines Euro-Landes die Marke von drei Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) nicht übersteigen darf. Nicht einmal die geistigen Gründerländer des Euro, Deutschland und Frankreich, haben sich daran gehalten, sondern diese Marke in den Jahren 2002/03 durchstossen. Und jetzt, in der Krise, erfüllen 20 von 27 EU-Staaten die Stabilitätskriterien nicht mehr.

Besonders im Fokus sind die grössten Sünder der Vergangenheit und die grössten Problemfälle der Gegenwart, die sogenannten «Schweine»-Staaten («PIGS») Portugal, Irland, Griechenland und Spanien, deren voraussichtliches Haushaltsdefizit im laufenden Jahr zwischen acht und knapp fünfzehn Prozent des BIP betragen wird. Wundert sich da noch einer, dass die internationale Spekulanten-Kamarilla mittlerweile auf einen fallenden Euro-Kurs wettet und damit den freien Fall des Euro zusätzlich beschleunigt?

Jetzt sind die Euro-Länder gefangen in ihrem eigenen System. Wo früher am Ende einer ungezügelten Schuldenwirtschaft die Abwertung der eigenen Währung stand, fehlt heute dieses disziplinarische Moment. Eine direkte finanzielle Stützung Griechenlands verbieten die europäischen Währungsverträge. Nun geht es den Hellenen ans Eingemachte. Die Mehrwertsteuer soll erhöht, Benzin, der geliebte Ouzo oder auch Luxusautos teurer werden.

Es gäbe freilich auch andere Möglichkeiten der Krisenbewältigung. Griechenland führt seine Drachme wieder ein und wertet diese so weit ab, bis sie wieder der Wirtschaftskraft des Landes entspricht in Besinnung auf die währungspolitische Eigenverantwortung Es wäre freilich auch das Eingeständnis, dass das Konstrukt Euro in dieser Form keine Zukunft hat. Vor allem, wenn Politiker von Athen bis Dublin sich hartnäckig weigern, ein simples Wort mit sechs Buchstaben zu verinnerlichen. Es lautet: «sparen».

Kommentare

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  • Rainer Selk
  • 23.03.10 | 17:46 Uhr

Michael Hartmann 23.03.10 07:36
Ist bereits im Gang, lieber Hartmann, noch nicht bemerkt? Auch die 64 mia $ Schulden die GR bei der CH hat, werden wohl 'flöten' gehen. Und dann, lieber Hartmann, höhere Steuer gefällig, gnitter, gnitter!
NUR: das rücklaufende Schwarzgeld wird an dem verantwortungslosen Verhalten der EU + einzener Mitglieder nichts ändern. Auch das D Gold nicht. Sobald der Rubel wieder rollt, geht es unheilvoll so weiter. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.
Apropos: schwacher EURO Kurs trotz Geldrückfluss. Seltsam, seltsam....

  • Michael Hartmann
  • 23.03.10 | 07:36 Uhr

"Es gäbe freilich auch andere Möglichkeiten der Krisenbewältigung."

Man hole das Geld auf den Schweizer Banken! Ganz einfach.

  • Rainer Selk
  • 22.03.10 | 16:17 Uhr

Rainer Selk 21.03.10 12:34
Friedrich Lorenz 21.03.10 07:45
Die EU will mehr Hoheit über die Budgets der Mitglieder. Wie verlogen. Man hätte einige Länder garnicht aufnehmen dürfen, weil die die Masstricht Kriterien nicht erfüllen! Aufnahmeeuphorie vs. Vernunft! Diese Ignoranz will nun auch noch mehr Macht? Das führt in einen EU Zentralmoloch, mit der Tendenz der kathastrophalen Umverteilung, die zu nichts führt, ausser noch mehr Schulden....., denn die Wertvorstellungen in der EU können gegensätzlicher nicht sein. Und 'ewig' wird D nicht für die gesamte EU 'malochen'.

  • Rainer Selk
  • 21.03.10 | 12:34 Uhr

Friedrich Lorenz 21.03.10 07:45
Die EU ist kein Staat! Da macht jeder was er will. Und das macht dann auch die Währung. Das Beispiel betr. Jura trifft daneben. Würde indessen der Kanton Jura eine Wildwuchs in den Finanzen zulassen, würde der Bund eingreifen, wie es die Kantone bei Gemeinde machen. Und genau das geht in der EU nicht. War aber ja von Anfang an klar. Kommt dazu, dass vor allem D die EU finanziert und die Fi.-+Wirtschaftkrise 'Kohlenmangel' hervorruft. Also, lieber F. Lorenz, das wird noch 'luschtig'.

  • Friedrich Lorenz
  • 21.03.10 | 07:45 Uhr

Da läuten einige etwas verfrüht das Totenglöcklein für den EURO.
Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb einer Währungszone: das gibt es doch nun weissgott auch im nationalen Rahmen überall auf der Welt. Der Kanton Jura hat auch andere Wirtschaftsdaten als der Kanton Zürich. Beide haben aber den Franken. Es könnte ja Delsberg den Jura-Franc einführen und diesen dann abwerten ?

  • Rainer Selk
  • 20.03.10 | 08:23 Uhr

Studer, Papier ist geduldig und der Tag lang...., stimmt, aber D befindet sich in einer verkappten psychosommatisch romantsichen extremen Tieflinkskurve im Denken + Handeln. Wieso der EURO in D eingeführt wurde (werden musste) will ich hier nicht weiter vertiefen.... Tatsache ist: Die EU wird sich an den Finanzen entscheiden + der EURO spielt dabei eine entscheidende Rolle, BIP Zahlen hin oder her. Wir leben in Zeiten, in denen 'über Nacht' alles möglich ist. Der 'Schuldenerlass' könnte sich auch noch ganz anders ereignen, vor allem in D.....,aber das ist 'noch' sehr 'politisch'...

  • Marianne Studer
  • 19.03.10 | 22:29 Uhr

Selk - Papier ist geduldig und der Tag lang. Deutschland als Hauptprofiteur des Euro wird ganz sicher nicht die Mark wieder einführen, das ist Blödsinn, sonst wär's über Nacht vorbei mit dem komparativen Vorteil im Export. Auch GR wird kaum aus dem Euro geschmissen, obschon eine abgewertete Drachme die Probleme GR's schneller lösen würde. Man nehme bitte zur Kenntnis, dass die Staatsschulden Japans und der USA bei deutlich über 200%, resp. gegen 150% des BIP liegen, deutlich höher als alls PIGS ! In welcher Reihenfolge kommen die Übel: Währungskrisen, Schuldenerlass, Inflation usw. ?

  • Rainer Selk
  • 19.03.10 | 12:13 Uhr

Marianne Studer 19.03.10 11:20
N. m. Wissen sind in den USA zw. den Staaten Ausgleichszahlungen möglich, nicht aber in der EU. Der $ ist Spiegelbild der US Wirtschaftsverfassung, der EURO ist eine künstliche geschaffene Quarschnittswährung. Sollte D die D-Mark über Nacht wieder einführen - man munkelt's - wird der EURO in alle Tiefen absausen + die EU einen Schock erleben. Entlässt man GR aus dem EURO folgt die massiv abgewertete Drachme: fürchterliche Teuerung in GR, aber Exportchancen bei Zitrusfrüchten etc. SP+I wird's 'freuen'. Der perfekte Dominoeffekt! Bleibt spannend

  • Marianne Studer
  • 19.03.10 | 11:22 Uhr

/2

China muss aufwerten sonst nehmen die globalen Ungleichgewichte weiter zu mit einem imminenten Kollaps der globalen Finanzmärkte.

  • Marianne Studer
  • 19.03.10 | 11:20 Uhr

Wir können nur hoffen, dass der CHF nicht zum Spekulationsobjekt der Hedge Fundis wird. Eine weitere massive Aufwertung wäre Gift und die SNB wäre gezwungen durch Interventionen die Geldmenge aufzublähen mit späterer Inflation. Die Euro Krise ist mE übertrieben. Kalifornien ist auch pleite und wiegt wirtschaftlich 10 mal mehr als Griechenland! Die massiven Staatsschulden in USA, Europa und Japan rufen mittelfristig nach einer Währungsreform, sprich weitere Abwertung. China wird ihren Währungspeg zum USD aufgeben müssen und deutlich aufwerten.

  • Hanspeter Bühler
  • 18.03.10 | 20:17 Uhr

Nur wird der Schweizer Franken global nie eine führende Rolle übernehmen können, weil die Geldmenge das nie zulassen wird. Langfristig wird es wohl der USDollar bleiben.

  • heinz kost
  • 18.03.10 | 15:16 Uhr

lieber mediabühler

nach GS Kupfer und Oel, meiner meinung nach gold physisch und real estate

  • Karin-Maria Schäfer
  • 18.03.10 | 13:41 Uhr

Wenn die gebeutelten konkursiten Länder der EU wieder ihre Landeswährungen einführen, findet über den leicht zu korrigierenden Wechselkurs auch wieder ein gesünderer Wettbeweb statt. Nicht nur die Touristen würde dies freuen. Nur ist dies niemals im Interesse der USA, welche über die Einheitswährung Euro die Welwährung Amro anstrebt. Es ist ganz klar, dass unter diesem Gesichtspunkt der Schweizer Franken ein eiternder Dorn im Fleisch der USA und der EU ist. Nun schliesst sich der Kreis und die Angriffe auf den Schweizer Finanzplatz machen endlich tieferen Sinn.

  • Sergio Frei
  • 18.03.10 | 12:45 Uhr

was lief bei den "pigs" die letzten 30jahre ? entweder revoluzion od. sozialstaat. danke. was nicht sein soll, ist nicht, so einfach !
die konsequenz wird sein, dass alle ihrem "ethos" (nationlastaat und epen fröhnen) und deutschland soll ...mit was? die löcher stopfen.
es ziehen massiv schwarze wolken auf, früher waren's "braune" - hier braucht's keine politische erklärung mehr, wer verursacher und profiteur mit 68sprüchen ist.defakto , von dieser ecke hört man schon seit 20jahren keine brauchbaren ansätze mehr.

  • Hanspeter Bühler
  • 18.03.10 | 08:52 Uhr

Eine starke Inflation wird wohl nicht ausbleiben - auch wenn das die führenden Politiker noch vehement bestreiten. Aber die Überschuldung der EU-Staaten wird wohl nicht abgebaut werden können ohne dass die Druckereien Überzeit mit dem Herstellen von EURO-Banknoten machen müssen. Die stark abnehmende Zahl von Sparern wird gut daran tun, ihr Geld anders anzulegen - die Frage ist nur wie.

 
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