Medizin

Bundesrat mit Nebenwirkungen

Homöopathie ist Voodoo-Medizin aus Wasser und Zucker. Die Schweiz verankert diesen Aberglauben im staatlichen Gesundheitswesen.

Von Beda M. Stadler

Dürfen Ärzte im Rahmen des staatlichen Gesundheitswesens den Patienten «Medikamente» verschreiben, die bloss aus reinem Wasser oder Zucker bestehen? Dürfen Homöopathen den Leuten Wasser und Zucker als Heilmittel andrehen und über die obligatorische Grundversicherung abrechnen? Da dies eine heikle Frage ist, erstaunt es nicht, wenn sich Interessenvertreter aus dem Parlament heimlich beraten, wie man Wasser und Zucker trotzdem als «Medikamente» verkaufen könnte. Peinlich allerdings wird es, wenn unser Gesundheitsminister Didier Burkhalter, wie die Nachrichtensendung «10 vor 10» aufgedeckt hat, ebenfalls zu einem Geheimtreffen mit Komplementärmedizinern einberuft. Denn es ist ein offenes Geheimnis: Die allermeisten homöopathischen «Medikamente» sind so stark verdünnt, dass in den Wässerchen mit absoluter Sicherheit kein einziges wirksames Molekül mehr enthalten ist.

Auch wenn die Politiker dies noch nicht bemerkt haben, für die Homöopathie wurde am 22. Februar 2010 das Ende eingeläutet. Ohne Geheimtreffen, in aller Öffentlichkeit. Die parlamentarische Kommission für Wissenschaft und Technologie in England hat an dem Tag ihren Bericht über «Medikamente» aus reinem Wasser und Zucker veröffentlicht. Die zuvor durchgeführten Hearings waren öffentlich und machen die Runde auf Facebook und Youtube. Sie haben Unterhaltungswert, trotz dem nüchternen Resultat: «Homöopathie wirkt nicht, ausser dass sie wie ein Placebo ‹wirkt›. Die Behauptungen, warum die Homöopathie wirken solle, sind nicht einleuchtend. Es gibt keinerlei Grund, weitere klinische Studien im Zusammenhang mit Homöopathie durchzuführen.» Homöopathische Spitäler seien zu schliessen. Die Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency (entspricht unserer Swissmedic) dürfe keine homöopathischen Medikamente mehr zulassen, welche medizinische Versprechungen ohne Evidenz für die Wirkung aufwiesen. Das ist das Ende der staatlichen Zulassungsverfahren für homöopathische Produkte.

Wirkstoff «psychosozialer Kontext»

In Grossbritannien gibt es also Parlamentarier, die endlich und nach 200 Jahren ergebnisloser Homöopathie-Forschung zur Einsicht gelangt sind, dass man diesem Voodoo ein Ende setzen soll. Und bei uns? Hier verlangen Ständeräte wie Rolf Büttiker (FDP/SO), dass nun endlich der Volkswille umgesetzt werde. Schliesslich hätten 67 Prozent der Leute sich zur Alternativmedizin bekannt. Die Forderung geht sogar weiter als das, was man in England endlich hinauskippen will. Hierzulande soll die Alternativmedizin nämlich Bestandteil des normalen Mediziner-Curriculums werden. Weil kein rationaler Professor diese «Lehre», oder besser Leere, bieten kann, würden wir neu eine stattliche Anzahl von Alternativmedizin-Lehrstühlen brauchen.

 

Selbstverständlich gibt es auch in der Schweiz vereinzelte Parlamentarier, die es wagen, die Wirkungsweise der Homöopathie anzuzweifeln. Gemäss SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi besteht keinerlei Handlungsbedarf: Kein homöopathisches Medikament werde die Zulassung erhalten, schliesslich hätten wir im Artikel 32 des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung die Auflage, dass die Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein müssen. Warten wir es ab! Da die Wissenschaft weiss, dass die Homöopathie nicht wirksam ist, geht es in der Schweiz von nun an wahrscheinlich nur noch um Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit. Die Wirksamkeit verkommt zur Bagatelle.

Tatsächlich sind viele Menschen mit der Homöopathie zufrieden. Nicht nur die 67 Prozent, die der Volksinitiative für die Komplementärmedizin zugestimmt haben, auch in ausländischen Umfragen sind es fast 70 Prozent der Leute. Dass die meisten homöopathischen Wässerchen bloss reines Wasser sind, wollen diese Leute nicht wissen. Zudem glauben sie, der Placeboeffekt sei eine Wirkung über die Wirkung hinaus. Dazu ist eben im Lancet eine Studie erschienen, die eine neue Dimension des Placeboeffekts aufzeigt: Es gehe nicht bloss darum, ob Pillen rot oder die Nadel dick ist, sondern der «psychosoziale Kontext» sei quasi ein zusätzlicher «Wirkstoff». Daher weigern sich Homöopathen, Doppelblindstudien zu machen, weil ohne Suggestion beim Patienten nichts läuft. Zumindest muss er dran glauben, Wasser könne sich an Wirkstoffe erinnern!

Das Geheimtreffen der Alternativmediziner mit unserem Bundesrat ist ein eindeutiger «psychosozialer Kontext». Je mehr Würdenträger in unserem Land sich über die evidenzbasierte Medizin lustig machen und ihren persönlichen Glauben als Stand des Wissens betrachten, desto mehr werden sie zu Helfershelfern des Placeboeffekts. Sollte die persönliche Zufriedenheit eines Bundesrats zum Argument für die Wirksamkeit werden, dann wird der Bundesrat zum Beipackzettel für homöopathische Mittel. Swissmedic müsste logischerweise einen Warnhinweis für Globuli verlangen: «Achtung. Dieses Präparat enthält absolut keine Wirkstoffe und hat somit keine Wirkung. Sollten Sie eine Wirkung verspüren, liegt es an Ihrem Glauben. Sie waren nicht krank, leiden jetzt aber unter einem Wahn. Zu weiteren Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bundesrat.»

Kommentare

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  • Küdde Rechsteiner
  • 20.03.10 | 06:26 Uhr

herr egli: contergan, trauriges kapitel natürlich. es waren glaubs 10'000 kinder betroffen.

aus einer anderen sicht betrachtet: wievielen menschen wurde durch die schulmedizin geholfen? das werden weltweit dutzendende millionen gewesen sein. wenn wir dies abwägen, gibt es eine riesen positive liste.

  • Fabio Valeri
  • 18.03.10 | 19:40 Uhr

Frau Kägi, es sind die Homöopathen, die immer noch beharren, dass die Erde flach ist, während die Schulmediziner davon ausgehen, dass sie rund ist und nun versuchen, die Erde noch besser zu verstehen. Nochmals: Homöopathie heilt nicht.

  • Carla Kägi
  • 16.03.10 | 15:52 Uhr

Herr Valeri, es gab mal eine Zeit da konnte man sich nicht vorstellen die Erde sei rund. Also beharrte man drauf sie sei eine flache Scheibe und alle mussten dran glauben!
Jetzt kann man nicht akzeptieren, dass etwas das man nicht medizinisch, wissenschafltich nachweisen kann, trotzdem heilt, also macht man es lächerlich. Alle Heilerfolge die durch die Homöopathie (Voodoo?) erzielt werden zählen nicht, weil sie nach den Masstäben der Schulmedizin nicht erfolgt sein können ???
Kriterium Wirksamkeit? Beweise? Nochmal: Wer heilt hat recht.
Sei es traditionell oder alternativ.

  • Fabio Valeri
  • 16.03.10 | 13:51 Uhr

@Kägi
Und welche Methoden sollen von der Kasse rückvergütet werden? Voodoo-Puppen-Stechen, Aderlass, Schröpfen, Homöopathie? Da gehen Sie vermutlich mit mir einig, dass es ein Kriterium braucht für die Vergütung. Und es liegt wohl nahe, dass Kriterium Wirksamkeit über dem Placeboeffekt hinaus wohl die höchste Priorität besitzt. Das ist der Grund, warum Homoöpathie nicht aufgenommen werden sollte, da sie trotz hunderten von Studien bisher den Beweis nicht erbracht hat, das sie wirkt. Abgesehen davon ist sie aus auch wenig plausibel.

  • Andreas Egli
  • 16.03.10 | 09:31 Uhr

Andreas Egli 16.03.10

Wer vom hohen Ross herab die Anhänger der Homöopathie lächerlich macht, sollte zuerst vor der eigenen Türe wischen und auch die Fehllei-
stungen der klassischen Medizin in Betracht ziehen. Man denke z.B. an die
verstümmelten Menschen, deren Mütter während der Schwangerschaft das
Contergan-Schlafmittel geschluckt haben.

  • Carla Kägi
  • 15.03.10 | 22:05 Uhr

Alter Grundsatz: Wer einen Kranken heilt hat ( ihn betreffend) recht.
Mir sind etwa zu gleichen Teilen Heilungserfolge von schweren Krankheiten durch Homöopathische Medizin wie durch Schulmedizin bekannt. Genauso weiss ich von Todesfällen infolge erfolglosen Anwendungen der einen wie der anderen Heilmethode.
Was soll also die Diskussion? Ist der Patient nicht berechtigt selber zu bestimmen wie er behandelt werden will & hat er nicht das Recht, die Behandlung die er wählt von seiner Krankenkasse rückvergütet zu bekommen? Wofür zahlt er denn die Beiträge? Um sich bevormunden zu lassen?

  • Peter Forster
  • 14.03.10 | 22:36 Uhr

Ich bin mit Ihnen der Meinung, dass Homöopathie eine Placebobehandlung ist. Wie kommt es aber zum Kontrast zwischen der Abstimmung über die Komplementärmedizin und der wissenschaftlichen Evidenz?
Es wäre sinnvoller:
* eine Differenzierung zwischen banalen / schwerwiegenden, akuten / chronischen Erkrankungen und Präventivmedizin zu diskutieren und
* zu erörtern, weshalb die "Komplementärmedizin" vom Placeboeffekt profitiert während die "Schulmedizin" unter dem Noceboeffekt leidet.
Peter Forster, Naturarzt

  • Sergio Frei
  • 11.03.10 | 08:19 Uhr

die realität würde spreu von weizen trennen. aber man hat's ja schon abgestimmt und will sich (wie chinesische mentalität) alle "götter" offen lassen.
würde kein geld gesprochen , müssten sich diese behaupten - so würden sich die bi-ärzte blitzartig aus der homeopathie zurückziehen.
nichtsdesto trotz hat sie ihre berechtigung - dies kann aber nicht von krankenkassen stimuliert werden. die leute müssen schon selber wählen : will ich's riskieren /versuchen oder hat heilung um's "verrecken" blitzartig vorrang - oder hauptsache kasse zahlt?

 
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