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10.03.2010, Ausgabe 10/10

Kommentar

Fahrlässiger Flirt

Der Internationale Währungsfonds möchte eine höhere Inflation. Mit dieser Zündelei bedroht er Renten und Erspartes. Die Politik reagiert erstaunlich wortkarg.

Von Peter Keller

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Wissen Sie, wie hoch die Inflation im letzten Jahr war? Oder 2008? War ein Kilogramm Schwarzbrot vor drei Jahren günstiger als heute? Wahrscheinlich schon, mutmassen Sie. Aber Genaueres können Sie nicht sagen.

Ihre Unbekümmertheit ist ein gutes Zeichen. Dass Sie praktisch keine Gedanken an steigende Preise verschwenden – Inflation bedeutet nichts anderes als Teuerung –, ist Ausdruck der herrschenden Preisstabilität in der Schweiz. Das Brot kostet heute ungefähr gleich viel wie morgen. Und auch die Butter und der Schinken und das Auto. Dass in Ihrem Lieblingscafé der Espresso mal 20 Rappen aufschlägt, ärgert Sie. Aber der Unmut wird bald abgelöst durch die täglichen Freuden und Sorgen.

Seit vielen Jahren gelingt es der Schweizerischen Nationalbank (SNB), dass sich die Inflation dank ihrer umsichtigen Geldpolitik bei einem Prozent einpendelt. Auch die Europäische Zentralbank und das amerikanische Fed streben mit rund zwei Prozent ein tiefes Inflationsziel an. Exakt diesen bewährten Konsens stellt nun der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, in Frage. Er schlägt vor, das Inflationsziel auf vier Prozent zu verdoppeln.

Das tönt alles furchtbar abstrakt. Was aber hiessen vier Prozent Inflation für das Portemonnaie? Wer im Monat 3000 Franken für den Lebensunterhalt (von der Miete bis zur Zahnpasta) zur Verfügung hat, bekommt für das gleiche Geld vier Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Das macht im Monat 120 Franken, im Jahr rund 1500 Franken. Dieses Geld fehlt. Für Ferien oder mal ein feines Nachtessen auswärts. Nicht wenige müssten sich den Betrag am Mund absparen. Da die Inflation auch im nächsten Jahr vier Prozent beträgt, würden aus den 1500 Franken bald 3000 usw.

Vorbei wäre die Zeit der Sorglosigkeit, was die Preise von Waren und Gütern betrifft. Wird mir der Arbeitgeber die Teuerung Ende Jahr ausgleichen? Wie kann ich das Ersparte vor der Entwertung in Sicherheit bringen? Wie wirken sich die vier Prozent Teuerung auf die Hypothekarzinsen meines Wohneigentums aus?

Auch die Wirtschaft verlöre das Vertrauen in die staatliche Geldpolitik. Heute vier Prozent Inflation – und morgen? «Wer mit der Inflation flirtet», warnte der ehemalige Präsident der Deutschen Bundesbank, Otmar Emminger, «wird von ihr geheiratet.» Dann bestimmt die Inflation die Geldpolitik – nicht umgekehrt.

Die Weimarer Republik versuchte nach dem Ersten Weltkrieg durch höhere Inflation der Schuldenfalle zu entkommen. Die Reichsbank druckte massenhaft Geld, noch schneller verfiel dessen Wert. Auf dem Höhepunkt mussten die Leute mit der Schubkarre voller Notenbündel in die Bäckerei fahren. Das ist alles längst Geschichte? 2002 erwischte es Argentinien. Rezession und hohe Verschuldung führten zu einer massiven Abwertung des Pesos. Das Bruttoinlandprodukt sank im Krisenjahr um 21 Prozent. Das Land verarmte auf einen Schlag.

Das ist alles weit weg? 2007 traf die Finanzkrise Europa mit voller Wucht. Am 16. Oktober 2008 musste Island seine Zahlungsunfähigkeit erklären. Mit den Worten «Gott segne Island» schloss Ministerpräsident Geir Haarde seine Rede an die Nation. Vom Sommer 2007 bis Sommer 2008 halbierte sich der Wert der Krone gegenüber dem Euro. Hier fand kein Flirt, keine Ehe mit der Inflation statt, sondern eine Zwangsheirat.

Expansive Schuldenpolitik

IWF-Chefökonom Blanchard will also vier Prozent Inflation. Politiker und Medien reagierten erschreckend wortkarg auf die Zündelei. Für Staatschefs hochverschuldeter Länder wie die USA oder Frankreich ist die Versuchung tatsächlich gross, durch Geldentwertung das Schuldenproblem zu lösen. Auch der frühere SP-Präsident Peter Bodenmann fand in seiner letzten Weltwoche-Kolumne Gefallen an dem Gedanken, durch Inflation «die Schuldenberge real abschmelzen zu lassen». Dass gleichzeitig auch die Sparbüchlein der kleinen Leute real abschmelzen, scheint den Sozialdemokraten weniger zu stören.

Am Sonntag lehnte die Schweizer Bevölkerung die Senkung des BVG-Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,4 Prozent ab. Die Linke mobilisierte erfolgreich gegen den «Rentenklau». Gleichzeitig begrüsst Peter Bodenmann die Inflationsfantasien des IWF, und seine Partei heizt die expansive Schuldenpolitik des Staates weiter an. Die Hintertür Geldentwertung wird so immer weiter aufgestossen.

Volkswirtschaftsprofessorin Monika Bütler von der Hochschule St. Gallen kann über diese fahrlässige Inkonsequenz nur staunen. Wer mit der Inflation liebäugle, betreibe nicht nur «Rentenklau», sondern Rentenraub: «Eine Erhöhung der durchschnittlichen Inflationsrate auf vier Prozent bringt die Rentner um einen Viertel ihrer Pensionen.» Faktisch würde der Umwandlungssatz von 6,8 auf 5,1 Prozent gesenkt. Die Kaufkraft der Renten fiele Jahr um Jahr und Inflationsprozent um Inflationsprozent. Laut BVG müssen die Pensionskassen die Teuerung der Altersrenten nur «im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten ausgleichen». Was bei der prekären Lage vieler PK ein frommer Wunsch bliebe.

Gut, kann die Schweizerische Nationalbank unabhängig handeln. Während die Politik sich um klare Worte drückt, erteilte SNB-Präsident Philipp Hildebrand allen Inflationsgelüsten umgehend eine Absage: Die Argumente für eine höhere Inflation seien «schlicht und einfach falsch».

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 10/10
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Kommentare

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Markus Steiner     11.03.10 10:26    

Dieser Artikel ist schonungslos offen und beängstigend zugleich. Während die Linken noch im vermeintlichen Sieg des letzten Abstimmungswochenendes hin und her taumeln, braucht SP-Fehr im NR bereits i.Z. mit der Arbeitslosengeld-Debatte den Begriff Taggeldklau (nach Rentenklau). Die Linke tut so, wie dass AL-Geld wie Manna einfach vom Himmel fallen würde. Und der SP-Vordenker Bodenmann ergötzt sich darin, der Geldentwertungsmanie Inflation das Wort zu reden. Wenn sich dessen und die IWF-Vorstellungen durchsetzen, werden die Sparer "geklaut", wie sie sich das nie hätten vorstellen können.

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