Film

Schiffbruch im Feuchtgebiet

Funktionieren feministische Filme? Wer sich die «Räuberinnen» anschaut, bekommt Zweifel.

Von Giorgio Girardet

Carla Lia Monti wird die skandalumwitterte und virtuose neue Diva des Schweizer Films sein», orakelte der Tages-Anzeiger vor der Uraufführung der «Räuberinnen» in Solothurn und legte, nachdem der Blick und die Mittellandzeitung empört reagiert hatten, begeistert nach: «Noch ist der Film ganz lang nicht in den Kinos, aber seit dem 18. 01. 09 haben ein paar konservativere Kritiker den Schaum der Empörung vor dem Mund, und gewiss wird auch die SVP bald mitmachen bei einem Bashing ‹grusiger› Kunst.» Als dann im Juni 2009 die «Räuberinnen» endlich in die Kinos kamen, kauften am ersten Wochenende nur 870 Zuschauer ein Billett.

Neun Wochen wartete ein Kinobesitzer in Zürich darauf, dass der Film der «virtuosen neuen Diva» einschlagen möge. Vergebens. Nur 2500 Kinoeintritte realisierten die «Räuberinnen». Jeder Eintritt wurde mit 240 Franken Bundesgeldern, 125 Franken SRG-Gebühren und 600 Franken von Dschoint Ventschr und anderen Filmförderern subventioniert. Macht 965 Franken pro Zuschauer.

Ähnlich kleinlaut war der Theaterdonner um Pipilotti Rists «Pepperminta», dessen Kinostart über Coop- und Migros-Magazin und Das Magazin dem Volk porentief ins Hirn massiert wurde. 15 000 Zuschauer in der Deutschschweiz sind für die gehypte Künstlerin ein mickriges Resultat. Der Geheimtipp «Berg auf, Berg ab», das Leben einer Schächentaler Bauernfamilie auf ihren drei Höfen, zog 2008 45 000 Zuschauer ins Kino.

Nicht nur das Missverhältnis von Medienlärm und Kassenerfolg eint die Werke des «feministischen Hyperrealismus»: Beide werben naiv für eine weiblichere Welt in einer überdrehten Filmsprache. «Pepperminta» macht stilistische Anleihen beim Hippie-Stil der Beatles, «Räuberinnen» versucht den Theaterskandal um die zotigen Kerle Karl Moors, welcher den jungen Schiller über Nacht zum «skandalumwitterten und virtuosen» Theateridol machte, auf einen im anachronistischen Märchenbarock angesiedelten Psychopornomurks umzubiegen.

Männer- statt Frauenhass

Und beide Filme provozieren in ausgetretenen Pfaden: «Pepperminta» lässt ihre Monatsblutung aus dem Kelch trinken – die Kurie schwieg, die Kritik gähnte –, um dem dicklichen Werwen die Lebensangst zu nehmen, und in «Räuberinnen» wird libidofrei an echten und gummigen Geschlechtsteilen gefummelt, gekurbelt und geschnippelt. Frauen, Männer und Tiere werden geschändet. Eine Zunge, zwei Köpfe und ein Gemächt abgehackt. Im Gegensatz zu «Pepperminta» gelingt es dem «Low-Budget-Gesamtkunstwerk» (Annabelle) nicht, eine tragende Kunstebene für den Edeltrash zu finden. Was dem Film dafür mühelos gelang, war der Hürdenlauf durch die Instanzen der Schweizer Filmförderung.

Um einen einheimischen Film zu finanzieren, braucht es: 1. eine private Produktionsfirma, 2. den Segen der Filmredaktion des Schweizer Fernsehens (12 Redaktoren: 6 Männer, 6 Frauen) und 3. das Wohlwollen der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur (BAK) sowie weiteres Fördergeld, das durch den Wink obiger Stellen ausgelöst wird.
Wohl verwarf der Souverän 2001 die Quoteninitiative (mindestens 40 Prozent Frauen in Gremien und Behörden) mit über vier Fünftel der Stimmen, aber Kulturministerin Ruth Dreifuss hatte durch einen faktischen Anstellungsstopp für Männer ab 1994 die 50-Prozent-Quote im BAK schon realisiert.

Auch die SRG SSR idée suisse pflegt das Gender-Mainstreaming. Die SF-Filmredaktion unter Madeleine Hirsiger war sofort vom Originalgenie Monti überzeugt, da sich deren Arbeiten nahtlos ans Credo der Sexismus Productions anschlossen, jenes Künstlerinnen-Trios (Räber, Baldinger, Baumann) dem SF-Filmredaktorin Lilian Räber, welche die Endabnahme der «Räuberinnen» machte, bis 2005 angehörte. Frau strebt einen therapeutischen Sexismus unter umgekehrten Vorzeichen an: provokanten Männer- statt patriarchalen Frauenhass.

Gaby Baldinger beschwört 2002 in der Wochenzeitung den siegreichen «FC Feminismus» als Avantgarde der Powerfrauen, die von der Lichtgestalt Pipilotti angeführt wird. Baldinger verneigt sich vor der nach dem Expo-Flop nach Kalifornien ausgewanderten Kunstikone: «So weiss ich zum Beispiel dank ihr [Pipilotti], dass ich wegen meiner Periode einmal im Monat meine Scheisse mit Blut abwischen kann. Männer können das nur bei Darmkrebs im letzten Stadium. [. . . ] Rist setzte [. . . ] alles auf eine Karte. Auf sich selbst, ihr eigenes Blut und ihre eigene Scheisse.» Hat man die Kotseligkeit dieses geistigen Feuchtgebietes erfasst, wird klar, warum Ingrid Deltenre den Vertrag unterschrieb und warum eine kritische Begleitung der «virtuosen Diva» Carla Lia Monti vom Treatment über Drehbuch zur Qualitätskontrolle und kompetenter Filmkritik von vornherein tabu war.

Die DVD, die diesen «strohdummen Film» (Christoph Egger, NZZ am Sonntag) samt den konzessionswidrigen «sex sekunden» und entlarvendem Making of enthält, ist die unfreiwillig tödliche Realsatire auf die Provinzialität des helvetischen Quotenfeminismus. Das «Fräuleinwunder» des Schweizer Films ist Geschichte, noch ehe es begonnen hat.

Kommentare

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  • Sergio Frei
  • 12.03.10 | 14:26 Uhr

wohin sich die subventionen , dank couchpine, superkultusminister mit rosaroter moritzunterstützung entwickelt hat, sieht man.
man kann sich outen , andere, neue wahrheiten, oder nur anliegen ansprechen - wenn nicht zeitgemäss, sich immer noch beschweren in bern : die subventionen reichten nicht.
wie bei privatisierung des staates und offener markt der bauernbetriebe..muss halt auch der "augenöffner" kultur untendurch. momentan, sollte man meinen, haben andere anliegen vorrang. für einen sonst konfusen BR macht auch dieser schlendrian (ohne führung) sinn! hereinspaziert.

 
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