Gabi und Michael Högler sind zwei Wiener Mittvierziger, haben zwei Töchter und betreiben einen Swingerklub. Wegen des verschärften Tabakgesetzes müssen sie in ihrem Klub an der Kaiserstrasse eine Glastrennwand einbauen. Jetzt steht das ganze Interieur des Klubs «Element 6» im traditionsreichen Museum Secession: Sofas, Bar, Sadomaso-Zimmer mit Gynäkologiestuhl, Sauna, Kleenex-Boxen.
Tagsüber gehen die Besucher an den leeren Sofas und Séparées vorbei zu Gustav Klimts Beethoven-Fries. Abends kommen die Swinger. Eintritt: Für Single-Herren 42 Euro, für Single-Damen 6, Paare bezahlen 15. Das ist Schweizer Kunst von Christoph Büchel, 44, aus Basel. Der Arbeitstitel: «Volksbad». Die Secession überliess ihm Teile des Hauses, Büchel installierte an der Fassade Plakate mit bezahlter Werbung für Hygieneartikel und quartierte den Swingerklub ein. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützte die Secession mit 15 000 Franken.
Politiker in Österreich und der Schweiz erröteten. «Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90 000 Euro unterstützt», sagte Heinz-Christian Strache, Bundesparteiobmann der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). «Es ist absolut jenseits, dass Pro Helvetia eine derart geschmacklose Kreation mitfinanziert», fand CVP-Präsident Christophe Darbellay. Für Nationalrat Christoph Mörgeli (SVP, ZH) ist die Installation ein «Zeichen fortschreitender Verblödung».
Der Wiener Gemeinderat diskutierte am vergangenen Freitag eine parlamentarische Anfrage des Bündnisses Zukunft Österreich (BZÖ). Der sozialdemokratische Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny verteidigte das Projekt; für Büchels Ausstellung habe die Secession keine Staatsgelder erhalten. Der Rückforderungsantrag war hinfällig.
Fakt ist: Pro Helvetia trägt das Projekt mit. Die Secession bezifferte das Gesamtbudget im Antrag an die Pro Helvetia auf 150 000 Franken. Die Schweiz finanziert also einen Zehntel der Büchel-Ausstellung. Aber wofür verwendet die Secession die Schweizer Subvention? Museumssprecherin Urte Schmitt-Ulms schweigt. Die Zügelaktion und den originalgetreuen Nachbau des Klubs im Untergeschoss hätten private Sponsoren getragen, sagt sie einzig. Und der Betrieb des Swingerklubs sei gedeckt über Eintrittspreise und Getränkeverkauf, sagt Chef-Swingerin Gabi Högler.
Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel sagt, die 15 000 seien für die Kosten des Künstlers gedacht, «also Reisen, Material etc.».
Der Betrag ist bescheiden, verglichen mit dem Jahresbudget 2010 der staatlichen Kulturförderstiftung von 34 Millionen Franken. Dennoch hat Knüsel am Dienstag eine Einladung erhalten, die eher eine Vorladung ist: Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) wolle mit ihm «diskutieren», sagt WBK-Präsident Lieni Füglistaller (SVP, AG). «Wenn Herr Knüsel nicht schlüssig erklären kann, weshalb der Steuerzahler diese Kunst unterstützen soll, kann das Parlament die Gelder der Pro Helvetia kürzen», so Füglistaller.
Der Fall um den Künstler Thomas Hirschhorn lässt grüssen: Eine Million Franken strich das Parlament aus dem Pro-Helvetia-Budget 2005. Sie hatte eine Installation unterstützt, in der ein Schauspieler auf ein Bild des damaligen Bundesrats Christoph Blocher urinierte.
SVP will wieder eine Million streichen
Die Secession verteidigt Büchel mit dem Verweis auf Klimts Beethoven-Fries: nackte Frauen an den Wänden des Museums. Das war ein Skandal – das war 1902. Aber ein Swingerklub heute? Die Politiker mögen sich empört zeigen, doch voyeuristische Reportagen aus Swingerklubs zeigten Privatsender schon vor zehn Jahren. Was ist am Sex-Treff im Museum so provokativ und förderungswürdig?
«Die Idee der Ausstellung wurde beschrieben mit Fragen zu Hygiene und Reinheit, Demokratie und dem Phänomen, dass sich heute Kulturhäuser kommerziell vermarkten müssen, um zu überleben», begründet Pro-Helvetia-Stiftungsrat Cäsar Menz, der das Gesuch mit der fünfköpfigen Gruppe Visuelle Künste bewilligt hatte.
Der Kulturkommission wird diese Erklärung kaum reichen. Denn im Antragsdossier der Secession war keine Rede vom Betrieb des Swingerklubs ab 21 Uhr. Wofür die Pro Helvetia Steuergelder bewilligt, entspricht oft nicht exakt dem, was die Künstler umsetzen. Das sei normal, sagt Stiftungsrat Menz. Ob er dem Projekt inklusive Sexbetrieb zugestimmt hätte, will er nicht sagen.
Allein mit dem Argument der künstlerischen Freiheit wird Direktor Knüsel seine Pro Helvetia kaum vor einer neuen parlamentarischen Budgetstrafe retten. Denn Christoph Büchel ist bekannt als provokativer Installationskünstler, das Echo war programmiert. Pro Helvetia wusste, auf wen sie sich einliess.
Zudem: Christoph Büchel ist kaum auf die Steuerfranken angewiesen. Für seine Werke kassiert er teils mehrere hunderttausend Franken. 2006 hob ihn die Bilanz auf Platz eins ihres Ratings der Gegenwartskünstler. Muss der Staat einem solchen Kunst-Grossverdiener Flugtickets und Klebstoff vergüten?
Das Parlament wird wieder einmal über diese Fragen streiten dürfen: Bis heute Donnerstag will die SVP eine Motion einreichen: Die Pro Helvetia soll dauerhaft eine Million Franken weniger erhalten pro Jahr.













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