Kulturförderung

Steuergelder für Wiener Sexspiele

Pro Helvetia unterstützt den Kunst-Grossverdiener Christoph Büchel mit 15 000 Franken für sein Swingerklub-Projekt. Nun droht der Schweizer Kulturstiftung erneut eine Budget-Kürzung.

Von Daniel Glaus

Gabi und Michael Högler sind zwei Wiener Mittvierziger, haben zwei Töchter und betreiben einen Swingerklub. Wegen des verschärften Tabakgesetzes müssen sie in ihrem Klub an der Kaiserstrasse eine Glastrennwand einbauen. Jetzt steht das ganze Interieur des Klubs «Element 6» im traditionsreichen Museum Secession: Sofas, Bar, Sadomaso-Zimmer mit Gynäkologiestuhl, Sauna, Kleenex-Boxen.

Tagsüber gehen die Besucher an den leeren Sofas und Séparées vorbei zu Gustav Klimts Beethoven-Fries. Abends kommen die Swinger. Eintritt: Für Single-Herren 42 Euro, für Single-Damen 6, Paare bezahlen 15. Das ist Schweizer Kunst von Christoph Büchel, 44, aus Basel. Der Arbeitstitel: «Volksbad». Die Secession überliess ihm Teile des Hauses, Büchel installierte an der Fassade Plakate mit bezahlter Werbung für Hygieneartikel und quartierte den Swingerklub ein. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützte die Secession mit 15 000 Franken.

Politiker in Österreich und der Schweiz erröteten. «Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90 000 Euro unterstützt», sagte Heinz-Christian Strache, Bundesparteiobmann der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). «Es ist absolut jenseits, dass Pro Helvetia eine derart geschmacklose Kreation mitfinanziert», fand CVP-Präsident Christophe Darbellay. Für Nationalrat Christoph Mörgeli (SVP, ZH) ist die Installation ein «Zeichen fortschreitender Verblödung».

Der Wiener Gemeinderat diskutierte am vergangenen Freitag eine parlamentarische Anfrage des Bündnisses Zukunft Österreich (BZÖ). Der sozialdemokratische Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny verteidigte das Projekt; für Büchels Ausstellung habe die Secession keine Staatsgelder erhalten. Der Rückforderungsantrag war hinfällig.

Fakt ist: Pro Helvetia trägt das Projekt mit. Die Secession bezifferte das Gesamtbudget im Antrag an die Pro Helvetia auf 150 000 Franken. Die Schweiz finanziert also einen Zehntel der Büchel-Ausstellung. Aber wofür verwendet die Secession die Schweizer Subvention? Museumssprecherin Urte Schmitt-Ulms schweigt. Die Zügelaktion und den originalgetreuen Nachbau des Klubs im Untergeschoss hätten private Sponsoren getragen, sagt sie einzig. Und der Betrieb des Swingerklubs sei gedeckt über Eintrittspreise und Getränkeverkauf, sagt Chef-Swingerin Gabi Högler.

Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel sagt, die 15 000 seien für die Kosten des Künstlers gedacht, «also Reisen, Material etc.».

Der Betrag ist bescheiden, verglichen mit dem Jahresbudget 2010 der staatlichen Kulturförderstiftung von 34 Millionen Franken. Dennoch hat Knüsel am Dienstag eine Einladung erhalten, die eher eine Vorladung ist: Die nationalrätliche Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) wolle mit ihm «diskutieren», sagt WBK-Präsident Lieni Füglistaller (SVP, AG). «Wenn Herr Knüsel nicht schlüssig erklären kann, weshalb der Steuerzahler diese Kunst unterstützen soll, kann das Parlament die Gelder der Pro Helvetia kürzen», so Füglistaller.
Der Fall um den Künstler Thomas Hirschhorn lässt grüssen: Eine Million Franken strich das Parlament aus dem Pro-Helvetia-Budget 2005. Sie hatte eine Installation unterstützt, in der ein Schauspieler auf ein Bild des damaligen Bundesrats Christoph Blocher urinierte.

 

SVP will wieder eine Million streichen

Die Secession verteidigt Büchel mit dem Verweis auf Klimts Beethoven-Fries: nackte Frauen an den Wänden des Museums. Das war ein Skandal – das war 1902. Aber ein Swingerklub heute? Die Politiker mögen sich empört zeigen, doch voyeuristische Reportagen aus Swingerklubs zeigten Privatsender schon vor zehn Jahren. Was ist am Sex-Treff im Museum so provokativ und förderungswürdig?

«Die Idee der Ausstellung wurde beschrieben mit Fragen zu Hygiene und Reinheit, Demokratie und dem Phänomen, dass sich heute Kulturhäuser kommerziell vermarkten müssen, um zu überleben», begründet Pro-Helvetia-Stiftungsrat Cäsar Menz, der das Gesuch mit der fünfköpfigen Gruppe Visuelle Künste bewilligt hatte.

Der Kulturkommission wird diese Erklärung kaum reichen. Denn im Antragsdossier der Secession war keine Rede vom Betrieb des Swingerklubs ab 21 Uhr. Wofür die Pro Helvetia Steuergelder bewilligt, entspricht oft nicht exakt dem, was die Künstler umsetzen. Das sei normal, sagt Stiftungsrat Menz. Ob er dem Projekt inklusive Sexbetrieb zugestimmt hätte, will er nicht sagen.
Allein mit dem Argument der künstlerischen Freiheit wird Direktor Knüsel seine Pro Helvetia kaum vor einer neuen parlamentarischen Budgetstrafe retten. Denn Christoph Büchel ist bekannt als provokativer Installationskünstler, das Echo war programmiert. Pro Helvetia wusste, auf wen sie sich einliess.

Zudem: Christoph Büchel ist kaum auf die Steuerfranken angewiesen. Für seine Werke kassiert er teils mehrere hunderttausend Franken. 2006 hob ihn die Bilanz auf Platz eins ihres Ratings der Gegenwartskünstler. Muss der Staat einem solchen Kunst-Grossverdiener Flugtickets und Klebstoff vergüten?
Das Parlament wird wieder einmal über diese Fragen streiten dürfen: Bis heute Donnerstag will die SVP eine Motion einreichen: Die Pro Helvetia soll dauerhaft eine Million Franken weniger erhalten pro Jahr.

Kommentare

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  • Christine Joos
  • 09.03.10 | 07:26 Uhr

Kleine Richtigstellung, Markus: Nicht die Anderen, Alle kennen das Leben, weil sie es leben.

Was ist Kunst? 2.Regel: Kunst ist, Kunst als Kunst zu verkaufen. Und wie untermalt man das am Besten? Indem man dem Intellekt den Instinkt zwischen die Beine wirft, die Synapsen mit Perplexität verwirrt und den dadurch entstandenen Hohlraum mit Geld auffüllt. Je mehr, umso Kunst. Jetzt nenne mir jemand die 1.Regel.

Uebrigens, die Freuden des kleinen Geistes teilt Jeder: Die Ekstase der erschummelten 50 Rappen Parkgebühr, die Verzückung des Foifers, der den Bückreflex auslöst.

  • Markus Spycher
  • 08.03.10 | 08:47 Uhr

Es gibt Menschen, die kennen das Leben aus literarischen Werken. Die anderen kennen das Leben, weil sie es leben. Und es gibt Leute, die lassen sich vom Film "Alice im Wunderland" bezaubern. Dann gibt solche, die erleben ihre Wunder in den dark rooms der anderen Art (daneben gibt's noch die eher kleinen Geister, die sind mit der Hege und Pflege ihrer persönlichen Steuerhinterziehung bereits beinahe ausgelastet).

So, und jetzt führe ich mir im Ledersessel die "G'schichten aus dem Wienerwald" von Robert Stolz zu Gemüte.

  • Christine Joos
  • 08.03.10 | 07:29 Uhr

@Markus.

Ja, dem Künstler darf nicht vorgeschrieben werden, wie er die Gelder künstlerisch zu verwenden hat. Der Punkt ist, w e r Gelder erhält.

Gestaltete i c h ein Volksbad, liesse ich hundert Menschen mit nackten Beinen durch's Wattenmeer stapfen. Aehnlich dem Swingerclub, flattierte dies nebst der Gesundheit ganz ungemein auch dem sinnlichen Wohlgefühl. Für Subventionen, allerdings, müsste nebst den Beinen auch der restliche Mensch nackt stapfen. Denn Inszenierung ist alles. Oder nichts. Denn Christos Bäume Verhüllung ist grande Inszenierung. Aber sie ist NICHTS.

  • Markus Spycher
  • 07.03.10 | 17:10 Uhr

Speziell für Christine ein Link der aufzeigt, dass in einer freien Gesellschaft - im Gegensatz zu totalitären Staaten - dem Künstler nicht vorgeschrieben wird, was er mit den erhaltenen Subventionen zu tun hat.
http://de.wikipedia.org/wiki/Happening

  • Christine Joos
  • 06.03.10 | 23:53 Uhr

Genau, F. Nassauer, solange ausgabenseitig veruntreut wird, ist es inakzeptabel, dass auf der Einnahmenseite mit Kanonen auf Hinterziehungsspatzen geschossen wird. Da es Steuergelderveruntreuung immer geben wird, ist sie gleichsam die Legitimation für unseren Steuerhinterziehungsartikel. Grobe Vergehen dagegen werden heute sowieso schon ähnlich dem Betrug geahndet.

Die FDP tut recht, die Staatsklage gegen D durchzuziehen. F. Leuteneggers Aussagen treffen sich mit den meinen hier bereits gemachten: Deutschlands kriminelles Handeln hat negative Auswirkungen auf alle Länder, speziell der EU.

  • Markus Spycher
  • 06.03.10 | 11:21 Uhr

Man ist versucht zu glauben, einige saubere Bürger seien frustriert, weil Christoph Büchel seine Installation im Ausland aufgebaut hat und nicht in der Schweiz. Im Inland hätte Pro Helvetia nix bezahlen müssen und es wäre ein dark room mehr in der Nähe gewesen . . .

  • Fredi Nassauer
  • 05.03.10 | 23:22 Uhr

Solche immer wieder kehrenden Skandale zeigen, dass die Ideologie der Staatskultur einfach nicht funktioniert. Der Skandal besteht für mich nicht in der Darstellung der Hurerei, sondern in der Veruntreuung von Steuergeldern. Darin kann der eine oder andere sicherlich das Pendant zum Steuerbetrug sehen, oder gar dessen Legitimation. Die Relation zwischen Puff und Demokratie ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollte der Künstler ja zeigen, dass sie sich prostituiert hat? Zum Nachdenken anregen muss erlaubt sein, aber nicht mit „meinem“ sauer verdienten Geld. Steuern nur für Kernaufgaben des Staates!

  • Sergio Frei
  • 04.03.10 | 08:35 Uhr

da war doch ein abwart namens couchepin welcher schon seinerzeit mit seinen "kulturellen" aufträgen brillieren wollte. geld ist kein problem, preise werden verteilt (schweizer kino-award solothurn etc.).
gerne treten wir CH-kulturschaffende an kuba ab!
kultur muss ja kein geld generieren.. , art de vivre etc. ,heisst's ja von den "kulturschaffenden".
der beitragszahler (wer wohl?)soll per abendkasse den erfolg freiwillig bestätigen..! signale richtung sozialismus und verteilermentalität.
nur der bundesrat und schönfärberparteien wissen was aufzuoktruieren ist! das volk bleibt der dumme

  • heinz kost
  • 04.03.10 | 08:03 Uhr

da gibt es noch viele betätigungsfelder die unterstützungwürdig wären: da fallen mir ein betrug, raub, entführung etc. fällt doch alles unter kunst, nicht?

 
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