Meryl Streep
Die Nominierung für ihre Rolle als Fernsehköchin Julia Child, die in den sechziger Jahren die Amerikaner für französische Küche begeisterte, war Streeps sechzehnte – ein absoluter Rekord. Und angemessen für eine Schauspielerin, die seit Jahrzehnten eine Liga für sich ist. Aber Dauersieger sind bei Oscar-Übertragungen Quotengift. Wer schaltet noch ein, wenn Meryl Streep für jeden Film eine Statue bekommt, für den sie eine verdient? Schade. Niemand hält lustigere Dankesreden als Streep. Und sie weint nie.
Sandra Bullock
Streeps schärfste Konkurrentin, Sandra Bullock, hat am Sonntag prächtige Chancen. Denn bei den Oscars geht es nicht nur um Talent, sondern mindestens so sehr um Sympathien. Und Bullock ist eine der beliebtesten und witzigsten Grossverdienerinnen Hollywoods. Ausserdem hätte sie als Komödiantin längst einen Oscar verdient. Aber was tut die Academy, die eine unerklärliche Abneigung hat, komische Filme auszuzeichnen («The Hangover», weltweit ein Erfolg, wurde locker übersehen)? Sie nominiert Sandra Bullock für eine gutgemeisterte ernsthafte Rolle. Gut gemeistert sollte nicht gut genug sein für einen Oscar. Aber es werden sich alle freuen, wenn Sandy gewinnt.
Colin Firth
Bekannt ist der Brite seit langem, vor allem als korrekter, etwas langweiliger Stoffel aus den «Bridget Jones»-Filmen. In seinen Szenen mit Hugh Grant war unübersehbar, dass er in Sachen Komik seinem Landsmann leider hoffnungslos unterlegen ist. Als Hauptdarsteller von Ex-Designer Tom Fords erstem Film «A Single Man» bringt man Colin Firth dafür kaum wieder aus dem Kopf: ein Mann, den nach dem Tod seiner grossen Liebe nur noch die Makellosigkeit seiner Erscheinung und seiner Umgebung zusammenhält. Ästhetik als männliches Korsett gegen Trauer hat man im Kino nicht oft gesehen. Und nie so gut. Firth Chancen auf einen Oscar als bester Hauptdarsteller sind trotzdem gering. Es ist das Jahr von Jeff Bridges und George Clooney. Macht seine Leistung nicht weniger grossartig.
Jeff Bridges
Wer zu denen gehört, die «The Big Lebowski» auswendig können – hello, ewige Buben! , sollte die Oscar-Nacht vor dem Fernseher verbringen. Für seine Rolle als heruntergekommener Countrysänger in «Crazy Heart» hat der Dude bisher alle Preise abgeräumt, die in den letzten Monaten vergeben wurden. Die Academy wird wohl keine Ausnahme machen. Und Bridges ist gut, weiss Gott, aber wann war Jeff Bridges in einer Rolle nicht gut? Wie kam die Academy dreissig Jahre lang an diesem Schauspieler vorbei? «Crazy Heart» wird keine Filmgeschichte schreiben, ist aber ein solcher Herzwärmer, dass das egal ist. Übrigens: Bridges’ Sänger-Konkurrent in dem Film, der erst gegen Schluss auftritt, wird in der Besetzungsliste nicht aufgeführt, obwohl ihn jeder Kinogänger kennt. Fröhliche Überraschung, und singen kann er besser als Bridges.
Jeremy Renner
Man sieht im Kino jedes Jahr neue Schauspieler, die sehr gut sind. Aber nur selten walzen sie einen platt. Wie Russell Crowe in «Gladiator». Ein geplagtes Muskelpaket, dessen Stärke nicht das Reden war. Er kriegte einen trotzdem sofort, weil sein Gesicht und seine Gesten erzählen konnten, wofür er keine Worte hatte. Jeremy Renner ist das erste unbekannte Gesicht seit Crowe, das einen in zwei Minuten packt. Mit dem Unterschied, dass «The Hurt Locker» kein erfundener Heldenschinken ist, sondern der bisher mit Abstand wildeste amerikanische Film über den Irakkrieg. Der Film hält sich von Ideologien fern und interessiert sich nur für die Sichtweise eines Teams von amerikanischen Bombenentschärfern, deren Chef Jeremy Renner spielt. Der Newcomer hat kaum Oscar-Chancen. Aber möglicherweise gewinnt «The Hurt Locker» als bester Film gegen «Avatar». Ein Rennen so absurd, als würde «Apocalypse Now» gegen «E. T.» antreten.
Emily Blunt
Erinnern Sie sich an die ewig beleidigte zweite Assistentin in «The Devil Wears Prada», die sagte, sie sei «nur noch eine Darmgrippe von meinem Idealgewicht entfernt»? Die Rolle war klein, das Gesicht blieb im Kopf. In diesem Jahr ist die hervorragende britische Schauspielerin für ihre Rolle in «The Young Victoria» nominiert: eine streitbare – Männer würden zickig sagen – und unerfahrene Königin, die gegen unsinnige Konventionen anrennt. Blunts Chance, zu gewinnen, ist klein, weil Amerikaner sich begrenzt für ausländische Historiendramen interessieren. Macht nichts. Emily Blunt legt gerade erst los.
Penélope Cruz
«Es ist ungerecht, wenn jemand, der so aussieht, auch noch so unglaublich viel Talent hat», feixte Sandra Bullock über ihre Kollegin. Tatsächlich konnte man sich an der Spanierin, die 2009 für «Vicky Cristina Barcelona» einen Oscar bekam, in den letzten Jahren nicht sattsehen. Aber ist ihre Nebenrolle in der unsäglichen Verfilmung des Musicals «Nine» wirklich für eine Nominierung gut? Marion Cotillard, für ihre Rolle als Edith Piaf auch bereits mit einem Oscar ausgezeichnet, wäre die verdientere Kandidatin gewesen. Aber Cruz’ Szenen sind zweifellos sexier. Der Academy gehören vorwiegend ältere Herren an.
Harrison Ford
Fast dreissig Jahre lang war der Mann mit der begrenztesten Mimik, die je einen Schauspieler erfolgreich machte, der Abräumer Hollywoods. «Star Wars» IVI, «Indiana Jones» IIV, «Blade Runner», «The Fugitive», «K19» – es schien kaum ein Popcorn-Movie ohne Harrison Ford zu geben, obwohl seine Stimme so eintönig war wie sein Gesichtsausdruck. Jetzt ist es vorbei mit der Publikumsliebe. «Extraordinary Measures», nicht schlechter als viele andere seiner Filme, wurde in den USA nach zwei Wochen abgesetzt. Dem Mann ist nichts vorzuwerfen: keine peinlichen Couch-Hüpfer wie Tom Cruise, keine Polizeibeschimpfungen wie Mel Gibson. Wir haben uns nur sattgesehen.
Kristen Stewart
Erwachsene interessieren sich nicht mehr für Teenager-Dramen, sobald sie erwachsen sind. Vampire, «Twilight» – please! Für Stewart und ihren «Twilight»-Partner Robert Pattinson sollten sie sich interessieren. Die Schauspieler sind nicht die bebenden Frisurenträger, auf die sie in «Twilight» reduziert werden. Von Stewart wurden an Robert Redfords Sundance Film Festival vor einem Monat zwei Filme gezeigt. Im einen spielt sie eine Hure, «die Lastwagenfahrer erröten lässt», wie ein Kritiker schrieb, im andern eine Punk-Musikerin, die von zu Hause wegrennt. Dass die Academy nichts unter 21 zur Kenntnis nimmt, ist einer von vielen Gründen, warum es schwer ist, sie ernst zu nehmen.
Alec Baldwin
Seit Hollywoods zornigster Schauspieler komische Rollen spielt, wird er mit Preisen überschüttet. Rätselhaft, dass er für «It’s Complicated» nicht als bester Nebendarsteller nominiert wurde. Aber wir bekommen ihn in der Oscar-Nacht trotzdem zu sehen: Baldwin moderiert zusammen mit Steve Martin die Show. Das macht Hoffnung, dass man sich diesmal nicht durchs Programm gähnen muss.
George Clooney
Er wollte nie Shakespeare-Rollen spielen. Dafür reicht seine Bandbreite als Schauspieler nicht aus, und Clooney war immer klug genug, mit dem zu arbeiten, was er beherrscht. Er hätte als «ER»-Arzt in Frieden reich werden können und schied aus, als er berühmt genug war, interessantere Angebote zu bekommen. Er könnte in den nächsten zehn Jahren Danny Ocean spielen und sich mit seinen Filmkollegen amüsieren. Geld hat er genug. Aber Clooney ist ein spannender Schauspieler, der die Aufmerksamkeit, die er als Star sofort bekommt, wenn er auf der Leinwand erscheint, sorgfältig nutzt. Was er in dem für sechs Oscars nominierten Film «Up in the Air» von seiner innerlich leeren Figur preisgibt, ist nie gross in Gesten oder Worten. Aber wer hinschaut und selber ein gehetztes Berufsleben hat, dem er viel Privates hintanstellt, kommt mit trockenem Mund aus dem Kino. Und das Gefühl von Ertapptsein wird danach nicht besser. Das verdient einen Oscar. Aber Jeff Bridges, in «Crazy Heart» auch eine verlorene Seele, ist die versöhnlichere Variante von Krise. Heisst: mit besseren Aussichten, eine Dankesrede zu halten.
Brad Pitt
Für acht Oscars ist Tarantinos «Inglourious Basterds» nominiert. Hauptdarsteller Brad Pitt gehört nicht zu den Nominierten, dafür bekam der Österreicher Christoph Waltz für seine Nebenrolle eine Nominierung. Vielleicht geht der Academy der Brangelina-Zirkus genauso auf die Nerven wie dem Rest der Welt.













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