Wie bitte?» Ich konnte es nicht glauben. Während der Bus sich langsam die Strasse von Moûtiers hinauf in Richtung Skigebiet quälte, verrieten mir meine Sitznachbarinnen eine atemberaubende Neuigkeit. Sie betraf die Skiausrüstung ihrer Männer, zweier Freunde von mir. Ich war so perplex, als hätten sie mir gerade erklärt, dass sie gepolsterte Büstenhalter und Spitzenhöschen tragen. Ich kenne diese Leute doch seit Jahrzehnten! Unzählige Male sind wir zusammen Ski gefahren. Und stets haben die beiden Herren dabei einen enormen Wagemut an den Tag gelegt. Meist waren sie die Letzten, die sich kurz vor Sonnenuntergang und nach Schliessung der Lifte mit lautem Gegröle irgendeinen Steilhang hinunterwarfen. Und wenn man ein paar Verrückte durch den Neuschnee nahe an einem Abhang brettern sah – es waren garantiert sie!
Vernünftig oder lächerlich? Sagen Sie uns Ihre Meinung zum Skihelm!
Hätte man zwei Menschen gesucht, die immun sind gegen den Sicherheitswahn unserer Kultur – ich hätte in ihre Richtung gezeigt. Männer, schnell wie Adler und stark wie Löwen. Und jetzt: In diesem Jahr, verrieten meine Reisebegleiterinnen, würden ihre Männer Sturzhelme tragen. «Sturzhelme?», fragte ich. «Beim Skifahren?» Meinten sie tatsächlich solche Helme, wie sie Kinder beim Fahrradfahren aufsetzen? «Ganz richtig», erwiderten sie. Und ob ich nicht mit gutem Beispiel vorangehen und ebenfalls so ein Ding aufsetzen würde?
Was Boris Johnson zum Thema Velohelm zu sagen hat
Nein, vielen Dank! Meine nunmehr 35 Jahre andauernde Skikarriere ist zwar geprägt von nachhaltiger Unfähigkeit. Ich habe einige der dämlichsten Stürze hingelegt, die man auf Skipisten je gesehen hat. Habe mich reihenweise von schwarzen Pisten katapultiert und dabei jede Art von Prellung erlitten. Habe mir einen Daumen bei Les Menuires und eine Rippe bei Courchevel gebrochen. Aber nie wäre es mir trotz Überschlägen und verknoteten Skiern in den Sinn gekommen, einen Kindersturzhelm zu tragen. Skibrillen? Ja, natürlich! Eine Wollmütze? Sicher, auch das! Aber einen Sturzhelm? Nicht um alles in der Welt!
Ich vertrat meine Haltung auch gegenüber den Damen – so höflich, wie ich eben konnte. Doch als wir schliesslich an der Piste angelangt waren, wuchs meine Verwunderung. Etwas Sonderbares schien da im vergangenen Jahr passiert zu sein. Es war, als hätten sich Sturzhelme in den Skigebieten fortgepflanzt wie ein fieberhafter Bazillus. Überall, wo man hinschaute: Tausende Sportler mit albernen Kopfbedeckungen, die sie aussehen liessen wie glänzende Kaulquappen. Und es waren nicht meine Freunde, die plötzlich deplatziert und lächerlich aussahen. In Wahrheit war ich es . . .
Immerhin: Nach ein paar Tagen begann ich, das Phänomen langsam zu verstehen. Natürlich handelt es sich hier auch um eine Modeerscheinung – Sturzhelme sind in, wie Halskrausen, Latzhosen oder Zylinder einst modern waren. Sie sind ein Must-have-Accessoire – oder mit den Worten von Skilehrer Etienne ein Produkt von «le marketing». Tatsächlich sind inzwischen mit Pelz gefütterte Helme erhältlich oder auch solche mit eingebauten Kopfhörern. Und die Skigeschäfte freuen sich über den neuen Boom.
Es geht um den Zustand der Welt
Meist wird das Argument der «Sicherheit» genannt. Es gehe darum, das Verletzungsrisiko zu verringern. Ach ja? Ich glaube, dass hier inmitten der Alpen ein Schaustück der menschlichen Panik zu beobachten ist. Ein Exempel dafür, wie vernünftige Leute plötzlich bei der Einschätzung von Risiken alles Mass verlieren können. Skifahren ist ja nicht gefährlicher geworden. Im Gegenteil: Die ständige Verbesserung von Skiern und Bindungen haben den Sport sicherer gemacht. Natürlich gab es den traurigen Fall der Natasha Richardson, getötet bei einem verrückten Unfall auf einem Anfängerhügel. Skifahren ist eben nicht ganz ohne Risiko. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es schmerzhafter ist, von einem ausser Kontrolle geratenen Skifahrer gerammt zu werden, der einen schwarzen Prellbock auf dem Kopf trägt, als von einem, der keinen trägt.
Nein, das Ganze hat mit dem Zeitgeist zu tun. Es scheint sich um mehr zu drehen als um Mode oder Verletzungsrisiko. Es geht um den psychologischen Zustand der westlichen Welt im Würgegriff der Wirtschaftskrise. Man hat gesehen, was mit den Bankern geschieht, die allzu sehr in das Risiko verliebt sind. Man hat gesehen, wie der Himmel über der kapitalistischen Marktwirtschaft zusammenbrach. Das Bedürfnis, seinen Kopf auf der Skipiste unter einem Helm zu verstecken, scheint mir nun Ausdruck einer «Sicherheit zuerst»-Mentalität zu sein, die uns alle ergriffen hat.
Ich sage ja nicht, dass es grundsätzlich falsch ist, einen Helm zu tragen. Und ich ahne ja jetzt schon, wie viele böse Briefe ich von Menschen bekommen werde, deren Angehörige Kopfverletzungen erlitten haben. Aber können Sie sich James Bond mit Sturzhelm auf dem Haupt vorstellen, während er im Dienste Ihrer Majestät Bösewichtern auf der Skipiste hinterherjagt? Schauen Sie sich nur die vergilbten Fotografien der britischen Alpinismuspioniere an: zwei Meter lange Skier mit lebensgefährlichen Bindungen. Sturzhelme? Fehlanzeige!
Beim Skifahren geht es um Wind im Haar und Sonne im Gesicht, während man mit atemberaubender Geschwindigkeit die Konturen der schneebedeckten Berge nachzeichnet. Das ist für viele fast so schön wie fliegen! Ich bin überzeugt davon, dass man dort draussen so weit wie möglich mit der Natur verschmelzen sollte. Und für mich bedeutet das: keinen Helm! Ehrlicherweise sollte ich hinzufügen, dass ich neulich bei der Abfahrt tatsächlich in einen Baum gerauscht bin. Allerdings mit der Nase zuerst. Ein Sturzhelm hätte da ja auch nichts geholfen . . .













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