Wintersport

Ich bleibe bei der Wollmütze

Im Allgemeinen sind die Skigebiete in den Alpen nicht gefährlicher als früher. Woher kommt also das Bedürfnis, neuerdings nur noch mit Helm über die Pisten zu kurven?

Von Boris Johnson

«Glänzende Kaulquappen»: Helm-Verweigerer Johnson.

Wie bitte?» Ich konnte es nicht glauben. Während der Bus sich langsam die Strasse von Moûtiers hinauf in Richtung Skigebiet quälte, verrieten mir meine Sitznachbarinnen eine atemberaubende Neuigkeit. Sie betraf die Skiausrüstung ihrer Männer, zweier Freunde von mir. Ich war so perplex, als hätten sie mir gerade erklärt, dass sie gepolsterte Büstenhalter und Spitzenhöschen tragen. Ich kenne diese Leute doch seit Jahrzehnten! Unzählige Male sind wir zusammen Ski gefahren. Und stets haben die beiden Herren dabei einen enormen Wagemut an den Tag gelegt. Meist waren sie die Letzten, die sich kurz vor Sonnenuntergang und nach Schliessung der Lifte mit lautem Gegröle irgendeinen Steilhang hinunterwarfen. Und wenn man ein paar Verrückte durch den Neuschnee nahe an einem Abhang brettern sah – es waren garantiert sie!

Vernünftig oder lächerlich? Sagen Sie uns Ihre Meinung zum Skihelm!

Hätte man zwei Menschen gesucht, die immun sind gegen den Sicherheitswahn unserer Kultur – ich hätte in ihre Richtung gezeigt. Männer, schnell wie Adler und stark wie Löwen. Und jetzt: In diesem Jahr, verrieten meine Reisebegleiterinnen, würden ihre Männer Sturzhelme tragen. «Sturzhelme?», fragte ich. «Beim Skifahren?» Meinten sie tatsächlich solche Helme, wie sie Kinder beim Fahrradfahren aufsetzen? «Ganz richtig», erwiderten sie. Und ob ich nicht mit gutem Beispiel vorangehen und ebenfalls so ein Ding aufsetzen würde?

Was Boris Johnson zum Thema Velohelm zu sagen hat

Nein, vielen Dank! Meine nunmehr 35 Jahre andauernde Skikarriere ist zwar geprägt von nachhaltiger Unfähigkeit. Ich habe einige der dämlichsten Stürze hingelegt, die man auf Skipisten je gesehen hat. Habe mich reihenweise von schwarzen Pisten katapultiert und dabei jede Art von Prellung erlitten. Habe mir einen Daumen bei Les Menuires und eine Rippe bei Courchevel gebrochen. Aber nie wäre es mir trotz Überschlägen und verknoteten Skiern in den Sinn gekommen, einen Kindersturzhelm zu tragen. Skibrillen? Ja, natürlich! Eine Wollmütze? Sicher, auch das! Aber einen Sturzhelm? Nicht um alles in der Welt!

Ich vertrat meine Haltung auch gegenüber den Damen – so höflich, wie ich eben konnte. Doch als wir schliesslich an der Piste angelangt waren, wuchs meine Verwunderung. Etwas Sonderbares schien da im vergangenen Jahr passiert zu sein. Es war, als hätten sich Sturzhelme in den Skigebieten fortgepflanzt wie ein fieberhafter Bazillus. Überall, wo man hinschaute: Tausende Sportler mit albernen Kopfbedeckungen, die sie aussehen liessen wie glänzende Kaulquappen. Und es waren nicht meine Freunde, die plötzlich deplatziert und lächerlich aussahen. In Wahrheit war ich es . . .

Immerhin: Nach ein paar Tagen begann ich, das Phänomen langsam zu verstehen. Natürlich handelt es sich hier auch um eine Modeerscheinung – Sturzhelme sind in, wie Halskrausen, Latzhosen oder Zylinder einst modern waren. Sie sind ein Must-have-Accessoire – oder mit den Worten von Skilehrer Etienne ein Produkt von «le marketing». Tatsächlich sind inzwischen mit Pelz gefütterte Helme erhältlich oder auch solche mit eingebauten Kopfhörern. Und die Skigeschäfte freuen sich über den neuen Boom.

Es geht um den Zustand der Welt

Meist wird das Argument der «Sicherheit» genannt. Es gehe darum, das Verletzungsrisiko zu verringern. Ach ja? Ich glaube, dass hier inmitten der Alpen ein Schaustück der menschlichen Panik zu beobachten ist. Ein Exempel dafür, wie vernünftige Leute plötzlich bei der Einschätzung von Risiken alles Mass verlieren können. Skifahren ist ja nicht gefährlicher geworden. Im Gegenteil: Die ständige Verbesserung von Skiern und Bindungen haben den Sport sicherer gemacht. Natürlich gab es den traurigen Fall der Natasha Richardson, getötet bei einem verrückten Unfall auf einem Anfängerhügel. Skifahren ist eben nicht ganz ohne Risiko. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es schmerzhafter ist, von einem ausser Kontrolle geratenen Skifahrer gerammt zu werden, der einen schwarzen Prellbock auf dem Kopf trägt, als von einem, der keinen trägt.

Nein, das Ganze hat mit dem Zeitgeist zu tun. Es scheint sich um mehr zu drehen als um Mode oder Verletzungsrisiko. Es geht um den psychologischen Zustand der westlichen Welt im Würgegriff der Wirtschaftskrise. Man hat gesehen, was mit den Bankern geschieht, die allzu sehr in das Risiko verliebt sind. Man hat gesehen, wie der Himmel über der kapitalistischen Marktwirtschaft zusammenbrach. Das Bedürfnis, seinen Kopf auf der Skipiste unter einem Helm zu verstecken, scheint mir nun Ausdruck einer «Sicherheit zuerst»-Mentalität zu sein, die uns alle ergriffen hat.

Ich sage ja nicht, dass es grundsätzlich falsch ist, einen Helm zu tragen. Und ich ahne ja jetzt schon, wie viele böse Briefe ich von Menschen bekommen werde, deren Angehörige Kopfverletzungen erlitten haben. Aber können Sie sich James Bond mit Sturzhelm auf dem Haupt vorstellen, während er im Dienste Ihrer Majestät Bösewichtern auf der Skipiste hinterherjagt? Schauen Sie sich nur die vergilbten Fotografien der britischen Alpinismuspioniere an: zwei Meter lange Skier mit lebensgefährlichen Bindungen. Sturzhelme? Fehlanzeige!

Beim Skifahren geht es um Wind im Haar und Sonne im Gesicht, während man mit atemberaubender Geschwindigkeit die Konturen der schneebedeckten Berge nachzeichnet. Das ist für viele fast so schön wie fliegen! Ich bin überzeugt davon, dass man dort draussen so weit wie möglich mit der Natur verschmelzen sollte. Und für mich bedeutet das: keinen Helm! Ehrlicherweise sollte ich hinzufügen, dass ich neulich bei der Abfahrt tatsächlich in einen Baum gerauscht bin. Allerdings mit der Nase zuerst. Ein Sturzhelm hätte da ja auch nichts geholfen . . .

 

Kommentare

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  • Walter Weiss
  • 01.03.10 | 16:20 Uhr

Es ist mir eigentlich gleichgültig ob Herr Johnson einen Helm tragen will oder nicht. Mein Anliegen ist ein gänzlich anderes. Er ist ein so vorzüglicher, origineller Kolumnist, dass ich der Weltwoche für diese Beiträge danken möchte. Obwohl seine Texte recht gut übersetzt werden wäre es für alle, die des englischen mächtig sind ein "treat" auch Zugang zum englischen Originaltext zu haben. Wäre das nicht vielleicht online möglich ?

  • Florian Richter
  • 28.02.10 | 21:36 Uhr

Die Freiheit, sich einem Risiko auszusetzen, ist eine Freiheit, die man sich nicht verbieten lassen sollte. Wo zieht der schützende Bruder die Grenze? Brauche ich einen Vormund?
Gottseidank gibt es noch alte Knaben wie diesen Bürgermeister, die ihren Lebensgenuß nicht dem Sicherheitswahn opfern.
Falls sich Krankenkassen beklagen, soll man doch einen Zuschlag für helmloses Fahren errechnen. Ich bin schon gespannt, wie das errechnet wird und was das kostet.

  • Peter Schlegel
  • 28.02.10 | 11:32 Uhr

@Martin Schneeberger:

95% aller Unfälle auf Skipisten sind Selbstunfälle. Nur bei 5% der Unfälle gibt es eine Fremdbeteiligung.

Aufgrund der kürzeren Skis und der oft schlechten Technik vieler Skifahrer und Skifahrerinnen vermehren sich Stürze auf den Hinterkopf. Bei kürzeren Skis ist es noch wichtiger das die Position über dem Ski stimmt.

Kommt hinzu, dass die Geschwindigkeit auch bei schlechtem Können zugenommen hat. Dies wird auch begünstigt durch die immer (zu) perfekt präparierten Pisten.

Helme haben auch Nachteile: Einschränkung Sichtfeld und Geräuschempfinden, das stimmt!!!

  • Peter Schlegel
  • 28.02.10 | 11:16 Uhr

Ich möchte Herrn Johnson nicht zu nahe treten aber er hat offensichtlich die rasante Materialentwicklung im Skisport nicht mitbekommen. Das ist der Hauptgrund, dass viele Leute heute Helme tragen. Die Geschwindigkeit ist heute wesentlich grösser.

Das sieht man auch bei den Profis. Früher fuhren Zurbriggen und Co. beim Riesenslalom immer ohne Helm. Die heutigen Riesenslalom-Fahrer sind aber aufgrund der taillierten Skis wesentlich schneller unterwegs und Helme sind heute obligatorisch.

Helme haben natürlich auch Nachteile: v.a. Einschränkung des Blickfeldes!

  • Christine Joos
  • 26.02.10 | 08:31 Uhr

Der Verunfallte griff sich an den Schädel und zog mit beiden Händen den Helm vom Kopf, "gut, dass mir nichts passiert ist".

Es blieben seine letzten Worte, denn die Schädeldecke kam mit.

.. ich weiss heute noch nicht, ob die Geschichte wahr ist.

  • Stefan Wolff
  • 26.02.10 | 03:57 Uhr

..an der Realität vorbei!!..

Der Bericht sagt, dass die Verbesserung von Skis und Bindungen zu mehr Sicherheit geführt haben..das bestreite ich wehement, denn die Carving-technik führt zu einem anderen Fahrstil wie das früher der Fall war. Skifahrer sind heute mit höheren Geschwindigkeiten unterwegs und ziehen teilweise sehr grosse Bögen. Ich bin ebenfalls ein Carver der die halbe Piste benötigt und ich weiss dass es sehr gefährlich ist..(ich fahre deshalb mit Helm) Der Helm ist ein Minimalschutz um bei den heutigen überfüllten Pisten doch noch seine Kurven ziehen zu können....

  • Meinrad Odermatt
  • 25.02.10 | 18:58 Uhr

Helm ist gut, Helmzwang ist schlecht. Bergsteiger sind auch nicht ständig angeseilt. Ein bisschen Raum zum selber denken sollte man dem Menschen schon lassen. Sonst wird er tatsächlich so blöd, wie unsere "Eliten" ihm bereits unterstellen zu sein...

  • Martin Schneeberger
  • 25.02.10 | 18:12 Uhr

Endlich steht mal jemand zu seiner Ansicht. Die Bedenken sind berechtigt. Was nützt ein Helm? Schlagschutz von oben, also von Skistöcken etc., die jemand erzieherisch benützt. Seitliche Schläge (z.B. Zusammenstösse) verursachen weniger Defekte am Schädel, dafür mehr an der Wirbelsäule. Helme engen das Gesichtsfeld ein und verändern das Geräuschempfinden. Wie oft werde ich fast gerammt, weil der andere mich zu spät wahrnimmt? Habe noch keine Statistik gesehen, die Verletzungen aufführt, die infolge des Helmtragens schwerer ausfallen. Wäre interessant.

 
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