Tim Burton war das Kind, das darauf wartet, bis es nachts dunkel wird: Dann kriechen unter seine Bettdecke seine heimlichen Freunde, die Monster. Andere Menschen träumen sie mit Schrecken, er aber lud sie zu sich ein, die Ungeheuer, die tags keinen Platz unter den Lebenden finden und nach dem Lichterlöschen nur von einsamen Kindern Gewogenheit erfahren und Liebe. Denn sie kennen Dantes Hölle, die mit anderen Worten Kindheit heisst.
So geschehen in einer kalifornischen Vorstadt in den sechziger Jahren: Das Kind Tim Burton spielte mit den Monstern, da es hören konnte, was sie ihm zuriefen: «Sieh mich!» Denn jeder Dämon, auf den ein liebender Blick fällt – verwandelt sich in einen schönen Menschen.
«Sieh mich!», flehten damals Burtons Fantasien. «Trink mich!», bittet heute in «Alice im Wunderland» die Zauberflasche, und «Iss mich!», begehrt der Wunderkuchen. Und Tim Burton, der inzwischen ein Regisseur geworden ist kometenhaft aus den Niederungen der Popkultur in die Beletage des New Yorker MoMA aufgestiegen und in den Status eines Kultregisseurs avanciert –, hat gelernt, dass Aufforderungen von Dingen wie Backwaren ernst zu nehmen sind.
Tim Burton ist Alice (Mia Wasikowska) gewogen, denn auch er, wie jedes grosse Kind, hat eine Alice-Seele. Er wird also nichts unversucht lassen, damit sie «Wunderland» ein zweites Mal besuchen kann. Zumal ihre Reise dieses Mal eine Flucht ist vor eigennützigen und eitlen Elternplänen! Alice soll verheiratet werden, und zwar mit dem wohlhabenden, doch langweiligsten Lord im ganzen viktorianischen England.
«Trink mich!» und «Iss mich!» sind die rettenden Zauberworte. Der fantastische Trunk und der sonderbare Kuchen, die sie einmal klein und einmal riesig gross machen, werden ihr helfen, einem unwürdigen Eheleben zu entkommen. Sie wird durch die Tür gehen und wieder den Monstern begegnen, die «Wunderland» bewohnen – doch nicht jene von Lewis Carroll dieses Mal, sondern die Ungeheuer von Tim Burton: cineastische Wachträume, technisch animiert und neu geträumt in einer fernen Galaxie visueller Effekte. Alice hat sie als Mädchen bereits einmal getroffen, doch als Teenager scheint es ihr, als sähe sie sie zum ersten Mal: die Rote Königin (Helena Bonham Carter) mit dem übergrossen Kopf, die Sacharin-süsse Weisse Königin (Anne Hathaway), den verrückten Hutmacher (Johnny Depp), die zwillingshaften Schrumpf-Formen Tweedledee und Tweedledum (Matt Lucas), die Wasserpfeife rauchende Raupe Absalom, die Grinsekatze . . .
Man kann sich Tim Burton als seine eigene Fantasie vorstellen; als bleichen Jüngling mit traurigen Augen und Händen, die in scharfe Klingen münden. Sie sind dazu verdammt, Figuren zu erfinden, in deren Adern schwarzes Blut fliesst, Wesen von Grimms Brüdern, geimpft mit dem bösen Virus des Doktor Caligari. Burtons Alpträume haben die verschreckten Augen verstörter Kinder, die nachts zu oft alleine sind. Doch wer genauer hinsieht, wird hinter ihrer Grausamkeit Unschuld entdecken und in ihrer Schrecklichkeit die Bitte, unsere Freunde zu sein.













Kommentare