Literatur

«Giftiger Schmetterling»

Carl Schmitt war ein brillanter Denker. Um ganz nach oben zu kommen, diente er sich den Nazis an. Heute boomen die Bücher über Hitlers «Kronjuristen».

Von Hans-Peter Kunisch

Carl Schmitt ist ein offensichtliches Ärgernis. Schwer zu sagen, worin das grösste Skandalon liegt: Einer der bekanntesten Rechtsprofessoren und Regierungsberater der Endphase der Weimarer Republik, der konservativ, aber auch Hitler-skeptisch war – «man weiss nicht, ist er eine Taube oder eine Schlange», schrieb Schmitt noch am 20. März 1933 in sein Tagebuch –, schloss sich dem ins Amt eingesetzten ehemaligen österreichischen Gefreiten eiligst an, brach über Nacht mit jüdischen Freunden, sprach in seinem Kommentar zum berühmten «Ermächtigungsgesetz» vom 24. März 1933 in der Deutschen Juristen-Zeitung vom «Sieg der nationalen Revolution».

Im April wurde Schmitts Aufstieg sichtbar: Diesmal war sein Kommentar dem «Reichsstatthaltergesetz», das die «Gleichschaltung der Länder mit dem Reich» festlegte, offiziell beigegeben. Schmitt geriet zum «Kronjuristen» des Führers, rechtfertigte am 30. Juni 1934 die Ermordung konservativer Gegner Hitlers, wie General von Schleicher: «Der Führer schützt das Recht.» Dabei war jetzt selbst deutschnationalen Bürgern klar, wen man sich da herangezogen hatte. Thomas Mann gestand gar «Hoffnung, Befriedigung, Erleichterung»: Der «Hitlerismus» habe sich endgültig als «das Letzte an Niedrigkeit, entarteter Dummheit und blutiger Schmach erwiesen».

Umso überraschender, dass Schmitt nach dem Krieg zwar keine Professur mehr erhielt und gemieden wurde, aber über halbprivate Kreise allmählich wieder zu einem der intellektuell einflussreichsten Juristen werden konnte, im Ausland so gut wie in der BRD, von weit rechts bis weit nach links. Das Stigma seiner Existenz wurde zum Enigma, der Mann, der in seinem westfälischen Geburtsstädtchen Plettenberg zurückgezogen lebte, zum schillernden Rätsel. Bedeutende Historiker wie Reinhart Koselleck oder der Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde zählten zu Schmitts neuen Schülern, Schmitts «Theorie des Partisanen» wurde bis in die ausserparlamentarische Opposition der 68er hinein gelesen, und heute muss man sagen: Schmitt boomt. Der Katalog der Berliner Staatsbibliothek verzeichnet sechzehn im Jahr 2008 erschienene Bücher, in denen das Werk des charismatischen, mit 1.60 Meter Grösse kleinen Mannes Thema ist.

All dies erreichte der 1985 mit 97 Jahren verstorbene Jurist durch seine stilistisch-gedankliche Brillanz, die vielleicht das grösste Skandalon darstellt. Es war kein Dummkopf, der da den Nazis verfiel. Schmitt hielt Vorträge auf Französisch, Italienisch, Spanisch. Arbeiten wie «Der Begriff des Politischen» (1927) oder auch «Legalität und Legitimität» (1932) können in ihrer analytischen Eleganz noch heute inspirierend wirken. Schriften wie die «Politische Romantik» (1919) gehen erst recht über den Horizont der Fach-Juristerei hinaus. Karl Loewenstein, Legal Adviser der amerikanischen Militärregierung, der nach dem Krieg mit dafür verantwortlich war, dass Schmitt vorübergehend inhaftiert wurde, nannte ihn «a man of near-genius rating».

Das alles kann man jetzt bei Reinhard Mehring nachlesen, der die erste wirklich umfassende Biografie («Carl Schmitt: Aufstieg und Fall») verfasst hat. Möglich wurde sie auch durch die in den letzten Jahren veröffentlichten Tagebücher Schmitts, die ihn als obsessiven Erotiker und ständig mit dem Zeitgeschehen, der eigenen Psyche und Geldnot befassten Intellektuellen zeigen. Mehring, der sich seit einem Vierteljahrhundert mit Schmitt beschäftigt, hat alle Dokumente gelesen und bringt eine gute Mischung aus Distanz und Nähe mit. Er kennt jedes Detail, doch die erste Faszination ist vorbei. Was dazu führt, dass sich Mehring manchmal in Einzelheiten verliert, aber auch dazu, dass er kritische Fragen stellen kann, ohne gleich mit dem grossen polemischen Hammer agieren zu müssen, der bei der eigenwilligen Figur von Schmitt nicht trifft.

Nirgends zu Hause

Aber wie konnte es dazu kommen, dass dieser Mensch von intellektuellem Format auf die Nazis hereinfiel? Das erste Indiz klingt vielleicht dünn, ist aber nicht unwichtig: Schmitt war ein ehrgeiziger Kleinbürgersohn aus der Provinz. Schon damit war er, soziologisch gesehen, ein vielversprechendes «Opfer» der Nazi-Ideologie. Um Arbeiter mussten sich Nationalsozialisten mit Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten streiten, während sich das liberale Bürgertum mit ihnen teilweise arrangierte, für die lauten Emporkömmlinge aber wenig Begeisterung zeigte. Das hatte seinen Grund: Es hielt diese Leute nicht nur für pöbelhaft, sondern begriff, dass sie seine eigene Vormachtstellung, die sich seit der Französischen Revolution herausgebildet hatte, aber in der Weimarer Republik schon aufzulösen begann, ganz zerstören wollten.

Schmitt dagegen war als Mann zwischen den Schichten nirgends ganz zu Hause. Gerade arriviert, wollte der Ex-Underdog, der oft um finanzielle Unterstützung hatte betteln müssen, nicht auf Ruhm verzichten. Detailliert beschreibt Mehring, wie schon Schmitts Christentum, zu dem ihn die Verzweiflung nach dem Kriegstod seines jüdischen Studienfreunds Fritz Eisler brachte, für den Aufstiegswilligen wieder zum Karrieretreibstoff verkam. Er sei «kein Christ», notiert er und zeigt sich im katholischen Bonn, an dessen Universität er in den zwanziger Jahren unterrichtet, von Nonnen freundlich umringt.

Eine schöne, tragikomische, Schmitts oft naive Geltungssucht illustrierende Geschichte entwickelt sich in seiner Beziehung zu Pabla von Dorotic, die er 1912 in einem Münchner Nachtlokal als «spanische Tänzerin» kennenlernte: Pabla gibt sich ihm als kroatische Adlige zu erkennen. Schmitt ist überrumpelt, verachtet all seine bisherigen Freundinnen: «Oh Cari», schreibt er und schwärmt: «Du bist mir so rein.» Er war verliebt, auch in ihren Adel, mit dem sich renommieren liess. Den «Wert des Staates» widmet er «Pabla v. Dorotic», «Die Diktatur» hat dann schon Carl Schmitt-Dorotic verfasst.

Nicht ungewöhnlich. Pikant nur, dass dieses Buch 1921 erschien, zwei Jahre vor der Scheidung, bei der Schmitt endlich zweifelsfrei erfuhr, dass er einer Hochstaplerin aufgesessen war. «Cari» war als uneheliches Kind der Augusta Schachner in Wien-Gumpendorf geboren und nachträglich vom aus Agram (Zagreb) stammenden Spenglergehilfen Johann Dorotic legalisiert worden. Keine ehrenrührige Sache, aber Pabla hatte wohl gespürt, dass sich Schmitt, Referendar ohne Gehalt, von einer Frau «mehr versprach». Doch sie, die sich auch als notorische Diebin herausstellte, wurde, wie Mehring schreibt, zu Schmitts «giftigem Schmetterling».

 

Die Macht setzt das Recht

Doch so aussagekräftig die Ironie dieses Aufeinandertreffens von nach oben wollendem Mann und Hochstaplerin sein mag, wichtiger ist etwas anderes: dass Schmitt, der sich in seiner Abhandlung über den «Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen» von 1914 noch deutlich von der reinen Machttheorie absetzt, ihr faktisch zunehmend verfällt. Ohnehin dezidiert antiliberal und dem Staat ergeben, bestätigt er durch sein eigenes Verhalten, was er 1914 als Hypothese annimmt: «Wenn die Meinung, alles Recht sei nur ein Ergebnis tatsächlicher Machtverhältnisse und beruhe letzten Endes auf der Gewalt [. . .].»

Schmitt, scharfer Differenzierer und Freund einer klaren Freund-Feind-Theorie, wirkt selber am Ende eher standpunktlos. Er entscheidet sich für das Opportune. Seinen tiefsitzenden Antisemitismus, der sich in den Tage- büchern zeigt, lässt er an die Oberfläche, wenn es passt. Dass Schmitt 1936 bei Hilter Persona non grata wurde, hat er in den Verhören, die Robert Kempner, der stellvertretende amerikanische Hauptankläger in Nürnberg, mit ihm durchführte, und auch später immer wieder hervorgehoben, aber der eigene Sturz war, wie Mehring zeigt, nicht Schmitts Verdienst. Er fiel innernazistischen Intrigen zum Opfer, die ihm, noch eine Ironie der Geschichte, seinen Umgang mit Juden in der Weimarer Republik vorwarfen.

Schmitt bleibt aber auch eine Schlüsselfigur dafür, wie sich die Intelligenz zum Nationalsozialismus verhalten hat. Seinem Biografen Reinhard Mehring gehört das Verdienst, diesen «Fall», trotz aller Detailfreudigkeit, deutlich exponiert zu haben. Dabei wollte dieser «intellektuelle Abenteurer», wie Schmitt sich im Verhör durch Kempner nannte, oft nur «faul» im Bett liegen und ein berühmter Schriftsteller werden. Dann denkt er am 13. Januar 1914: «Es ist alles eitel. Auch der schöne Ruhm. Ich las im Bett noch Tagebuch und wunderte mich über mein Leben.»

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