Dokumentarfilm

Urchig-moderne Symphonie

Mit den Füssen lässt sich Musik machen. Auf der Bühne und am Volksfest. Der Film «Bödälä» reisst mit.

Von Peter Keller

Verbindung von Tanz und Takt: Irish Dance an der Rojahn Academy. Bild: Columbus Film AG

Sie wusste gar nichts vom heimischen Bödälä, von diesem perkussiven Volkstanz, wie er im Toggenburg und in den Urkantonen gepflegt wird, wo der Mann im Takt und in schweren Schuhen um die Frau kreist, sie umwirbt, seinen Übermut durch die Füsse in die Welt stampft, den Rhythmus auf den Boden – darum der Begriff Bödälä – überträgt.

Wie sollte die Filmemacherin Gitta Gsell auch davon erfahren. Sie wuchs in der Stadt Zürich auf, Kreis 3, Arbeitermilieu, mit Schlagern und Vico Torriani. Dann entzog sie sich schon als junge Frau der Schweiz, ging 1979 für zehn Jahre nach New York, wo sie vor allem im Theater arbeitete. Nach ihrer Rückkehr begann Gsell erste kleinere Videoproduktionen zu drehen, später längere Werke, auch Spielfilme. Nun hat sie mit «Bödälä – Dance the Rhythm» einen hinreissenden Musik- und Tanzfilm fürs Kino gemacht.

Der Mensch ist sich selber ein Instrument. Nicht nur wegen der Stimme, auch dank der Hände und der Füsse. Zuerst einmal braucht Elias Roth die Hände, allerdings zum Schaffen. Der Toggenburger steht in seiner Werkstatt und präpariert die Schuhe. Er versieht den hinteren Teil mit einem Holzabsatz. Dieser wird dann auf den Boden aufschlagen, den Rhythmus formen, wenn der junge Bauer zu bödälä beginnt. Elias Roth ist eine der Hauptpersonen im Film. Einer, der vom Handwerker zum Fusswerker wird, zum Tänzer, der von seinem Glück erzählt, wenn nur noch die Musik da ist, die Partnerin, der Boden.

Innige Umarmung

Dieses Gefühl hat Gitta Gsell wunderbar eingefangen. Auch technisch. Ein Tanzfilm lebt von der Musik. Mit bis zu sechzehn Mikrofonen machten die Tonleute den Rhythmus, die schnellen Schrittfolgen hörbar. Solche Nähe ist nur möglich, wenn die Intimität der Tänzer gewahrt bleibt. Das nötige Vertrauen hat sich die Regisseurin erarbeitet. «Ich habe nicht nur etwas abgefilmt und bin dann wieder gegangen.» Vor fünf Jahren hatte die Zürcherin eine Stepptanzschule besucht und war sofort fasziniert von dieser Verbindung aus Tanz und Takt. In der Ost- und Innerschweiz fand sie Parallelen – und sie fand Menschen.

Zum Beispiel Claudia Lüthi aus dem sankt-gallischen Hemberg, Bauerntochter, blonde Locken, strahlende Augen. Auch sie bödälät, mitten unter Männern. Den Frauen fehle meistens der Mut, meint sie. Ihr nicht. Sie lächelt alle Widerstände weg. So wie der ganze Film Gräben zuschüttet. Die Schweizer Kunstszene ist der eigenen Volkskultur lange nur mit Verachtung begegnet. Dann fand eine allzu innige Umarmung statt. Gsell versöhnt die Lager, indem sie Verbindungen zwischen urbaner Kultur und Landschaft, zwischen Modernisierern und Traditionalisten offenlegt, ohne je didaktisch zu werden.
Grossartig ist der Berufstänzer Lukas Weiss, den die Kamera begleitet, wie er durchs Laub steppt, eine grüne Sitzbank betanzt, sich erst die Töne und Klänge des Materials mit den Füssen ertastet und sie dann zusammenfügt, rhythmisiert, mit urchigen Elementen vermischt. «Ich bin in der Schweiz geboren und betrieb Stepptanz aus Amerika», erzählt Weiss. Da habe sich die Frage zwangsläufig aufgedrängt, ob es auch hier Formen eines Stampftanzes gebe. Wie Gsell landete Lukas Weiss beim Bödälä.

Der Film geht über das rein Dokumentarische hinaus. Er erzählt kleine Geschichten, wie die der Hotelfachfrau Sabrina Wüst aus der 3000-Seelen-Gemeinde Klingnau, die sich in ihrer Freizeit bis an die Weltmeisterschaften für Irish Dance in Belfast tanzt. Gleichzeitig sind diese Miniaturporträts verdichtete Charakterstudien. Wenn etwa Ania Losinger von ihren inneren Kämpfen mit der machistischen Flamenco-Kultur berichtet, bis sie sich schliesslich durchrang, etwas Eigenes zu schaffen. Daraus entstand ein metergrosses Boden-Xylophon, das sie mit ihren Füssen und mit Stäben bespielt. Losinger denkt den Flamenco zwinglianisch weiter. Streng, knochig, radikal. Ein klangliches wie tänzerisches Ereignis.

Ohne pädagogische Peitsche

Selbst der experimentelle perkussive Tanz führt immer zurück zu seinen archaischen Ursprüngen. Ob in Irland, den USA oder der Schweiz. Was bedeutet einer urban geprägten Künstlerin wie Gitta Gsell Tradition? «Ich reise viel und stelle fest, wie sich alle Grossstädte gleichen. Man könnte eigentlich zu Hause bleiben.» Daher die Suche nach dem Eigenen und Unverfälschten. Was unterscheidet uns? Wo wird in der Schweiz noch ungezähmte Volkskultur gelebt? Wohin darf, wohin soll sich die Tradition entwickeln? Zu diesen Fragen stösst die Filmerin vor, ohne voreilige Antworten zu liefern. Die Mündigkeit des Publikums bleibt unangetastet.

Es ist diese Zurückhaltung, die «Bödälä – Dance the Rhythm» auszeichnet und dem Film den Publikumspreis der Solothurner Filmtage 2010 einbrachte. Statt mit der pädagogischen Peitsche zu arbeiten, lässt Gitta Gsell die Musik sprechen. Am Schluss fliessen die Tänze, Klänge, Rhythmen, Bilder ineinander. Volksfest und Hochkultur vereinigen sich in einer mitreissenden Symphonie.

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