Eines muss man den Gelehrten lassen, die unter der Aufsicht des bekannten Kriminologen Martin Killias (SP) kürzlich eine Langzeitstudie über Familiendramen in der Schweiz* veröffentlicht haben: Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie Munition liefern wollen für die Kampagne gegen die liberalen Waffengesetze der Schweiz. Wie im Vorwort zu lesen ist, gab eine zufällige, medial zu einem Phänomen hochgestemmte Folge von Familiendramen in den Jahren 2005 und 2006 den Anlass zur Studie. Das vom Nationalfonds finanzierte Unternehmen hat denn auch ein klares Ziel: «Die statistische Analyse der Fälle wird man gebrauchen, um festzustellen, ob das Schweizer Waffengesetz geändert werden sollte oder nicht.» Für die Autoren ist die Antwort klar: «Ein strengeres Waffengesetz würde in einem grossen Mass dazu beitragen, die Zahl von Mitnahmesuiziden in der Schweiz zu verringern.»
In Tat und Wahrheit sind die Autoren weit davon entfernt, diese Prognose mit ihren Erhebungen zu belegen. Bei einer kritischen Lektüre zeigt die Studie vielmehr, dass tödliche Familiendramen hierzulande im internationalen Vergleich sogar sehr selten sind. Und: Gemessen an der Gesamtzahl der Tötungsdelikte im Land, spielen die Armeewaffen eine marginale Rolle. Alles andere sind Mutmassungen oder Behauptungen, bei denen sich die Autoren auf andere Erhebungen berufen, die man erst hinterfragen müsste. Doch der Reihe nach.
In der Studie werden 75 sogenannte Mitnahmesuizide «zwischen 1981 und 2004» ausgewertet, wobei nicht klar wird, wie die Jahre gezählt wurden (die Autoren nennen einen Zeitraum von 23 Jahren). Erfasst wurden angeblich «alle» Fälle, bei denen ein Täter zuerst seine Opfer und dann sich selber richtete, in neun Kantonen, die rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung beherbergen. Man kann die Fallzahlen demnach auf die ganze Schweiz extrapolieren, indem man sie verdoppelt. In 57 Fällen (drei Viertel der 75 Mitnahmesuizide) kamen Schusswaffen zum Einsatz. In 14 Fällen – also 19 Prozent vom Total beziehungsweise 25 Prozent der Tötungen mit Schusswaffen – kam gemäss der Studie eine Armeewaffe zum Einsatz.
Eine kritische Analyse zeigt, dass sich bei 3 dieser 14 Fälle nur der Täter selber mit der Armeewaffe richtete - seine Opfer tötete er mit einer anderen Waffe. In einem weiteren Armeewaffen-Fall geht es um ein Ehepaar, das einen gemeinsamen Suizid beging und das sich zugleich vergiftete. Es bleiben damit gerade noch 9 Fälle übrig, in denen die Armeewaffe aus der Sicht der Opfer von entscheidender Bedeutung war. Und: Allein in 2 dieser Fälle waren die Täter weniger als 32 Jahre alt und mit Sicherheit noch dienstpflichtig.
Gewiss, jedes Familiendrama ist eines zu viel. Doch just zur Frage, ob eine Entwaffnung der Eidgenossen nützen würde, bringt die Studie ernüchternde Erkenntnisse. Hochgerechnet auf die ganze Schweiz, kommt es (gemäss den Zahlen der Autoren) zu 1,2 Mitnahmesuiziden pro Jahr, bei denen eine Armeewaffe eine Rolle spielt. Das ist bei mindestens einer Million Soldaten, die im fraglichen Zeitraum Dienst leisteten, und bei 2,2 Millionen Dienstwaffen, die zurzeit im Umlauf sind, sogar extrem wenig. Die Zahlen deuten eher darauf hin, dass die Täter erstaunlich selten zur Armeewaffe greifen. Selbst dort, wo sie eine solche zur Verfügung hätten, bevorzugen sie oft andere Methoden.
Dafür gibt es eine Erklärung: Tödliche Familiendramen bauen sich in aller Regel über Monate auf, sind von langer Hand geplant und gehen selten auf einen spontanen Entschluss zurück. Ein Tatwerkzeug – es muss nicht unbedingt eine Feuerwaffe sein, wie gerade die vorliegende Studie zeigt – findet sich immer. Wer geübt ist im Umgang mit der Armeewaffe, hat möglicherweise sogar eine besondere, antrainierte Hemmschwelle, diese gegen sich selbst oder Angehörige einzusetzen. Das Paradox ist bekannt aus der Erziehung: Wer will, dass sich sein Kind verletzt, der halte es fern von Messern – vernünftige Eltern lehren ihre Schützlinge, mit scharfen Messern umzugehen.
Tatsache ist: Gemäss der vorliegenden Studie beträgt die Quote der Mitnahmesuizide weltweit zwischen 0,19 und 0,5 auf 100 000 Einwohner pro Jahr. Extrapoliert man die Zahlen aus der Studie auf die ganze Schweiz (150 Fälle in 23 Jahren), kommt man auf eine extrem niedere Quote von 0,09 Fällen auf hunderttausend Einwohner. Mit rund 200 Tötungsdelikten im Jahr ist die Schweiz ohnehin relativ sicher, wobei gegen 60 Prozent der Täter Ausländer sind und kaum Zugriff auf Ordonnanzwaffen haben. Rund ein Prozent der Geschädigten fallen einem Mitnahmesuizid durch eine Armeewaffe zum Opfer. Wegen ihnen soll nun die ganze männliche Nation unter Generalverdacht gestellt und entwaffnet werden.













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