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Von Daniele Muscionico

Tarnwäsche in Hochmooren und Vogelschutzgebieten: Schauspielerin Tilda Swinton, für Pringle fotografiert von Ryan McGinley. Bild: Ryan McGinley (for Pringle of Scotland)

Als sich Tilda Swinton wieder einmal satthatte, befahl sie einer Fliege, sich auf ihre Brustwarze zu setzen. «Young Adam» hiess der Film, und die Gemeine Stubenfliege einen halben Drehtag lang hatte man ihre Punktlandung geprobt war auserwählt für den radikalsten Imagebruch einer Schauspielerin in der Geschichte des modernen Kinos: Tilda Swinton hatte die Vergleiche über mit lebenden Renaissancegemälden und ätherischen Elfen. Sie wollte sein wie wir, sterblich.

Natürlich stand das Biest der Beauty aus dem schottischen Hochadel viel zu gut zu Gesicht. Viel zu sexy war das und frei von jeder sodomitischen Allüre. Tildas Versuch, sich ordinär zu geben, scheiterte in splendider Schönheit. Denn alles, was sie in die Hände nimmt, ist verurteilt zu strahlen.

Nimm eine Frau! Gib ihr eine Leinwand! Zwei Stunden und zwanzig Minuten! Und schau dieser Frau zu, wie sie einfach ihr Ding macht! So funktioniert das mit Tilda Swinton, der Schauspielerin mit dem «magic sparkle» und der Liebe zur Anarchie. Ein Beispiel? Swinton zeigt ihren Geschlechtsgenossinnen, wie eine Frau Männer nicht hintereinander begehren kann, sondern nebeneinander. Sie liebt offiziell den schottischen Vater ihrer Zwillinge, und sie liebt offiziell den jungen deutschen Maler Sandro Kopp.

Und was ist subversiver: mit Derek Jarman Filme zu drehen wie «The Last of England», ein politisches Leinwandgedicht gegen die intellektuelle Stagnation der Thatcher-Politik? Oder in einem Mainstream-Film wie «Michael Clayton» eine Konzernsprecherin mit Angstschweissflecken auf der Seidenbluse darzustellen? Subversiv, zumal für eine Oscar-Preisträgerin, ist es auf jeden Fall, sich für ein Label als Botschafterin zu verpflichten, das vor allem Grossmütter bestrickt: Pringle of Scotland.

Pringle ist in allem das Gegenteil von Tilda Swinton. Es ist zwar schottisch, doch das ist denn auch ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Die Pullover und Cardigans fielen bisher nur darin auf, dass sie nicht auffielen; dass man in ihnen in Hochmooren und Vogelschutzgebieten Gefahr läuft, erlegt zu werden. Denn so ein Pringle ist Tarnwäsche.

Mit dem neuen amerikanischen Fotostar Ryan McGinley streift Tilda Swinton unbeschuht durch schottische Wälder, erklimmt Ruinen und verschwindet schliesslich in der Brandung der See. Eine Bitte an die schöne Lady: Für die Berlinale möge sie sich umziehen, die Frau von der freien Wildbahn.

Kommentare

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  • Markus Spycher
  • 20.02.10 | 12:14 Uhr

Eine Berner Tageszeitung zeigt momentan Bild-Porträts von Polit-Kandidaten, alle vor einem neutralen, weissen Hintergrund. Das ist gut so, sonst macht man sich über deren Background bloss irrige Vorstellungen. Ein von ihm geliebtes Selbstporträt des Basler Malers Böcklin zeigt ihn vor einer griechischen Säule – damit der Betrachter gleich sieht, was dem Mann davor wichtig ist. Eine schottische Aristokratin vor dem Hintergrund gut humifizierten, von geringer biologischer Aktivität gekennzeichneten sauren und nassen Lebensraumes eines Deckenmoores (blanket bog) abzulichten, ist eine gute Idee. Und in solcher Umgebung kommt funktionale Unterwäsche von Pringle so richtig zum Tragen. Gut geworben, Ryan McGinley!

 
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