Politik

Der Pakt

Die Verhandlungen zwischen Christoph Blocher und Thomas Minder, dem Initianten der «Abzocker»-Initiative waren ein Meisterstück der Geheimhaltung. Darum endeten sie erfolgreich.

Von Carmen Gasser

Manche Einladungen lösen bei Journalisten grosses Rätselraten aus. Wie jene, die am 9. Februar in die Redaktionen flatterte und auf eine Medienorientierung mit einerseits SVP-Präsident Toni Brunner, Fraktionspräsident Caspar Baader, Vizepräsident Christoph Blocher und andererseits Thomas Minder, dem Urheber der «Abzocker»-Initiative, aufmerksam machte. Keiner der Journalisten, die am nächsten Tag so zahlreich nach Bern pilgerten, ahnte das Geringste. Selbst die für das Dossier zuständigen SVP-Parlamentarier hatten keine Kenntnis vom Inhalt der Konferenz – sie wussten nicht einmal, dass eine solche stattfindet. Die Einigungslösung, ein Vorschlag für eine Revision des Aktienrechts, lässt seither das Wirtschafts-Establishment erzittern. Kommt er im Parlament durch, zieht Thomas Minder seine Initiative, an der er bisher eisern festhalten wollte, zurück. Geschieht das nicht, unterstützt die SVP im Gegenzug die Initiative.

Umfrage: Ist der Abzocker-Kompromiss gut oder schlecht für die Schweizer Wirtschaft?

Dass es zu einer Annäherung zwischen Minder und der SVP kommen würde, daran hatte selbst das Optimistenlager in der SVP nicht geglaubt. Was nicht daran lag, dass in der Partei zu wenig Sympathien für den aufsässigen Kleinunternehmer vorhanden gewesen wären, der der Selbstbedienungsmentalität in Schweizer Grosskonzernen den Kampf angesagt hatte. Minder war mit seinen radikalen Forderungen nach Reformen zwar ein politischer Gegner. Doch schien in den Augen vieler SVP-Politiker die Aktienrechtsreform, welche 2005 durch Justizminister Christoph Blocher initiiert und vorangetrieben wurde, durch die politischen Mühlen derart verwässert worden zu sein, dass Minders Vorschläge auf einmal ein «geringeres Übel» waren als das parlamentarische Reformprojekt.

Als gegen Ende letzten Jahres einmal mehr die Bonuszahlungen der Grossbanken diskutiert wurden, dachten viele Parteien darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, sich mit Minder auf einen brauchbaren Vorschlag zu einigen. Die Zweifel in der SVP überwogen, dass Minder seine Initiative zurücknehmen würde – zu stur wäre er, hiess es. Ein Argument, das Christoph Blocher offensichtlich nicht gelten liess. Ob man Minder denn schon angerufen habe, fragte er an einer Parteisitzung. Und griff Ende November letzten Jahres zum Telefonhörer. In der Vergangenheit war es Thomas Minder, der stets den Kontakt zu Christoph Blocher gesucht hatte; im Laufe der Jahre sollen die Gegner gar eine gewisse Sympathie füreinander entdeckt haben, nun war es Christoph Blocher, der auf das Enfant terrible zutrat.

2004 war Blocher das erste Mal mit Minder in Kontakt. Der damalige Justizminister dürfte nicht schlecht gestaunt haben, als er eine Zeitung aufschlug und dort ein ganzseitiges Inserat entdeckte, in dem er heftig kritisiert wurde. «Herr Blocher, Sie tun zu wenig für den Schutz der Marke Schweiz», stand dort in grossen Lettern. Ausländische Firmen könnten mit dem Schweizer Kreuz werben, ohne dass dies geahndet würde. Unterzeichnet: Thomas Minder. Daraufhin lud Blocher, der gerade dabei war, das Markenschutzgesetz zu verbessern, Minder zu einer Aussprache nach Bern ein. Wenig später fand dieser ein neues Thema, in das er sich verbeissen konnte, die Aktienrechtsreform. Er startete einen ausdauernden Briefverkehr mit dem Justizminister, in dem er die Vorschläge Blochers heftig kritisierte. Ein ganzer Ordner sei mittlerweile mit «Blocher» angeschrieben, meint Thomas Minder stolz.

Als die Gespräche zwischen dem ungleichen Duo letzten Dezember begannen, waren die Positionen der Verhandlungspartner noch weit voneinander entfernt. Doch Christoph Blocher, der seinem Amt als SVP-Chefstratege ganze Ehre machte, wusste wohl, dass er wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen hatte – denn niemand ahnte überhaupt, dass es diese Verhandlungen gab. Ein Scheitern der Gespräche hätte niemand erfahren. Thomas Minder also fuhr fortan häufig die 66 Kilometer vom schaffhauserischen Neuhausen nach Männedorf zur Ems-Chemie. Ein unverfänglicher Ort für Geheimverhandlungen, denn selbst wenn Minder gesehen wurde, wer konnte schon erahnen, dass der Kleinunternehmer nicht Vertreter der Ems-Chemie traf, sondern Christoph Blocher. «Es war ein Nervenkrieg», gibt dieser im Nachhinein zu. Oft habe es so ausgesehen, als ob die Verhandlungen gescheitert wären. «Die Gespräche gingen häufig stundenlang, bis in die Nacht hinein», erinnert sich Thomas Minder. Konnten sich die beiden nicht persönlich treffen, ging das Tauziehen am Telefon weiter.

Christoph Blocher, ursprünglich gegen eine Abstimmung der Generalversammlung über die Gesamtentschädigung der Geschäftsleitung und des VR, gibt in diesem Punkt nach. Minder verzichtet darauf, Mehrfach-Arbeitsverträge für VR- und Geschäftsleitungs-Mitglieder zu verbieten. Am 29. Januar, an einem Freitagabend, erzielt man eine Einigung. Einzig bei 3 von 24 Punkten der Traktandenliste kann man sich nicht einigen. Christoph Blocher nimmt das Telefon zur Hand und weiht Parteipräsident Toni Brunner und Fraktionschef Caspar Baader ein. Vier Tage später sind auch Baader und Brunner bei den Verhandlungen der noch offenen Punkte dabei. Sandwiches werden aufgetischt, es ist mittlerweile bereits Mitternacht. Man einigt sich. Per Handschlag wird der Deal besiegelt. Trocken, ohne Champagner, ohne Feier. Gefeiert werden soll erst dann, wenn die Einigungslösung alle politischen Hürden überwunden hat.

Kommentare

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  • Rainer Selk
  • 21.02.10 | 12:31 Uhr

Michael Hartmann 20.02.10 10:31
'.. Sie reden schlecht über die DDR + Linken, über die fDP + CvP...'
Über die DDR (die weder demokratisch noch Republik war) kann man garnicht 'schlecht' reden. Die haben andere Meinungen spätestens an der Grenze eleminiert.
Die 'Linken' haben sich nie wirklich von diesem Unrechtsregime distanziert + loben heute (wieder) etwas hoch, was pleitegeierisch + geistig inhaltlich gescheitert ist. Gysi + Co: selbstverständlich keine Schuld, aber 'Aufarbeitung' in Richtung faschozwängeli sozialromantischem Rückfalls.
Betr. Schweiz: 2011 gibt's 'Quittungen'.

  • Rainer Selk
  • 20.02.10 | 20:04 Uhr

Michael Hartmann 20.02.10 10:31
[gelöscht am 19.2.2010 durch Moderator]
Indessen, ich bin immer noch in der Lage, mir über Detailthemen eine eigene Meinung zu bilden + diese nicht im Sinne von 'Alt-Sozi-Muff' einzubinden (dialektische 'Stimmete'). Es ist das Previleg eines Parteilosen, auch wenn er bürgerlich denkt, eben zu dieser oder jener Frage differenziert zu denken. [gelöscht am 19.2.2010 durch Moderator]

  • Michael Hartmann
  • 20.02.10 | 10:31 Uhr

Ja, geehrter Selk, persönlich habe ich nur die Aussage vom Scheffredaktor RK (15 kg leichter - 'Abzocker' in dieser Ausgabe) mit dem Schlangentanz verbunden - was für eine ungewollte Fügung.

Vielleicht vereinnahmen Sie da als 'Parteiloser' ja auch nur gfreuterweise die Ansichten der Neusozialisten!

Also, geehrter Selk, Sie reden schlecht über die DDR und Linken, über die fDP und CvP - da bleibt also als 'Parteiloser' und Windfahne-Wendehals ja nur noch eine Partei übrig, die ja ebenso wendehälserisch hausieren geht!

  • Rainer Selk
  • 19.02.10 | 11:59 Uhr

Michael Hartmann 19.02.10 11:07
Niemand muss C.Blocher 'lieben', aber gleich so persönlich werden ist unguter 'Stil', den man CB so gerne vorwirft.
Als Parteiloser ist mir wichtig, nach zu schauen, welche CVP/FDP Leute gegen die VWR 1-Jahreswahl sind + im Nat./Ständerat sitzen.
Zu jenen Einkommen kommen noch bequeme VWR Tantiemen, für die man bei kant. Banken usw. vermutich nicht viel tun muss. Ja länger ich mir das überlege, je mehr gefällt mir der 1-jahrs-Gedanke. In der Wirtschaft kennt man sogar Quartalsbaschlüsse. Warum nicht diese Richtung auch beim leitenden 'VR Personal' anwenden?

  • Michael Hartmann
  • 19.02.10 | 11:07 Uhr

"Die ideologischen Verrenkungen Blochers stehen einer indischen Schlangentänzerin inzwischen in nichts mehr nach!"

Darum hat der Blöchi ja auch 15 Kilo weniger auf den Rippen.

"Und das Volk soll ihm das einmal mehr glauben?"

(gelöscht am 19.2.2010 durch Moderator)

  • Rainer Selk
  • 18.02.10 | 17:34 Uhr

Marianne Studer 18.02.10 15:18
Man muss aber die Situation betrachten, die Ende 80 herrschte. Z. B. BBC: behäbig, technisch viele Patente, aber keine Umsetzung. Dann ABB + Barnevik + Abzocke. Der Behäbigkeit der CH Banken musste 'Beine' gemacht werden. De Pury / Weissbuch usw. Ging auch für Ebner fast in die Hose.
Vorwärts schauen: Der Blocher / Minder Kompromiss scheint mir richtig. Das Gezeter um 1 jähr. Wahl von Verw.-Räten ist daneben. Kein Mitarbeiter hat eine Arbeits- / Einkommensgarantie für 3 Jahre. VWR sollen sich anstrengen wie alle anderen auch! Gratis gibt's nix.

  • Marianne Studer
  • 18.02.10 | 15:27 Uhr

/2

Blocher hat als VR der Ebnerschen Pharma "Vision" im Jahr 1997 - 7 Millionen VR Honorar in einem Jahr!!! - für ein paar Sitzungen abkassiert! Die SVP und Blocher sind im Dauerwahlkampf und die Wendehälse machen einmal mehr eine 180 Grad Pirouette und versuchen ihre Hände in Unschuld zu waschen. Die SVP und Blocher haben bis zur Krise das "System UBS" und Ospel immer explizit unterstützt und als Muster gepriesen. Die ideologischen Verrenkungen Blochers stehen einer indischen Schlangentänzerin inzwischen in nichts mehr nach! Und das Volk soll ihm das einmal mehr glauben?

  • Marianne Studer
  • 18.02.10 | 15:18 Uhr

Blocher war zusammen mit Ebner der eigentliche Antreiber und Initiator der kurzfristigen Gewinnmaximierung und hat mit Ebner und seinen "Visionen" versucht die damalige SBG (UBS) in die Knie zu zwingen resp. sie zu einer höheren Eigenkapitalrendite zu treiben. Dann kam die Fusion mit dem SBV und die fusionierte UBS unter Ospel hat genau das umgesetzt, was Ebner und Blocher wollten. NR Spuhler SVP sass im VR der UBS und hat die grössten Exzesse mitzuverantworten! Blocher hatte bei Spezi und SVP Sponsor Ospel stets weit offene Türen!

  • Rainer Selk
  • 18.02.10 | 15:17 Uhr

Michael Hartmann 18.02.10 10:08
'CDU/Kohl lässt grüssen! Wann kommt endlich die Offenlegung der Parteispenden?'
Auf den Moment bin ich auch gespannt + noch gespannter, wenn endlich die DDR Vergangenheit zeigt, wer da sonst noch so mit Gysi, Merkel + sogar Kohl verstrickt sein könnte!
Und das kommt, so sicher wie das Amen.....+ dann weiter, dass Deutschland noch immer keinen Friedensvertrag hat + nach der Pfeiffe der Amis zu tanzen hat + dabei ausgenommen wird, wie ein Mastganz! Na, dann....

  • Michael Hartmann
  • 18.02.10 | 10:08 Uhr

Das schlechte Gewissen der freien Marktwirtschaft lässt halt so manchen 'Neusozialisten' aus realpolitischen Gründen die Seite wechseln.

In den 90er Jahren mit Insider- und Schwarzgeld über Mittelsmänner und Gleichgesinnten milliardenschwer geworden, kriegen die Neusozialisten Schiss vor der eigenen Klientel.

Dass da auf Nuttendiesel verzichtet wird ist politische Mär und entspringt der Fantasie der WeWo. Irgendwo muss das Schwarzgeld ja jetzt verprasst werden.

Wann kommt endlich die Offenlegung der Parteispenden? CDU/KOhl lässt grüssen!

  • Michael Hartmann
  • 18.02.10 | 08:41 Uhr

***Die «Abzocker»-Initiative will Lohnexzesse verhindern. Wirtschaftsverbände warnen vor Überregulierung. Ex-Justizminister Blocher will den Vorstoss notfalls unterstützen.***

so titelte die WeWo vom Januar 2010.

Dieser Entscheid war von Anfang an bereits aufgegleist. Die Überraschung keine sooooo wirkliche.

  • Sergio Frei
  • 18.02.10 | 08:18 Uhr

die realität wird zeigen, dass alle ami- und dessen -angehauchte stilikonen keine stich mehr in CH- VRmandaten haben werden. zumal die max. rendite , beugen und brechen einziges erklärtes ziel ist.
die faule ausrede - unternehmen gehen raus und VRs lassen sich keine mehr finden ist selbstinszeniert. was spricht den gegen den aktionär , welcher, wie der demokrat bei wahlen - die entscheidung fällt? dieser verdient ja nur wenn die fa. solide geführt ist. keiner wünscht sich einen spekulativen verein - wenn's rentiert, halten ja alle die hände auf - inkl. staat.

  • Hanspeter Bühler
  • 18.02.10 | 07:48 Uhr

Blocher ist zwar immer noch der gleich schlechte Rhetoriker wie früher, und rudert auch heute noch mit seinen Armen wie seit jeher. Aber er besitzt offenbar nach wie das Gespür, was notwendig ist und deshalb sein muss. Und das lässt den Schluss zu, dass er einer der wenigen wichtigen Politiker in der Schweiz darstellt, der nicht nur einen guten klaren Menschenverstand sondern auch Rückgrat besitzt.

  • heinz kost
  • 18.02.10 | 06:47 Uhr

Die vereinigten linken schreien auf, wiedereinmal wird nur reagiert und das parkett wird dem ueberlassen den sie am meisten hassen! Einfach herrlich!

 
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