Literatur

Wundertüte mit Damen

Früher mussten Frauen ins Kloster, um zu schreiben. Dass sie auch dort Weltliteratur schufen, zeigt die fulminante Porträtsammlung «99 Autorinnen».

Von Michael Maar

Öffnen Sie dieses Buch nicht unvorsichtig. Lassen Sie es vor allem geschlossen, wenn Sie im Lauf des Tages noch einen wichtigen Termin haben. Es wird Ihnen gehen wie mit einer Tüte Erdnüsschen: Sie werden von einem Artikel zum nächsten greifen, und am Schluss ist das Buch leergelesen, und Sie haben nicht gemerkt, wie die Zeit verstrich.

Sie werden enorm viel dabei erfahren haben, und das auf denkbar anregende Weise. Vier herausragende Kritikerinnen haben sich zusammengeschlossen, um 99 Autorinnen der Weltliteratur vorzustellen – eine Auswahl, die zeitlich von Sappho bis Joanne K. Rowling reicht und alphabetisch von Anna Achmatowa bis zu Zhang Jie (keine Sorge, der Rezensent kannte sie auch nicht).
Warum gerade 99? Was klingt wie das auf die Käuferschlichtheit schielende Preisschild Fr. 9.99 hat einen versteckten Sinn: Die unrunde Zahl deutet an, dass immer einer fehlt. Wieso ist Frau XY aufgenommen worden und nicht stattdessen Madame Z? Diesem Protestruf, der bei einer Auswahl unvermeidlich ist, baut die ihre Unperfektheit ausstellende 99 so demonstrativ wie gelassen vor.
Niemand kann angeben, wer in ein Lexikon grosser Autorinnen gehört. Manche dürfen wegen ihrer weltweiten Wirkung nicht fehlen, obwohl die eigentliche literarische Qualität zweitrangig sein mag (Courths-Mahler, Harriet Beecher Stowe oder, räusper, Johanna Spyri). Andere wurden in den Kanon aufgenommen, weil eine der Herausgeberinnen löwenmutterhaft für sie gekämpft hatte, sei ihr Ruhm auch noch begrenzt (Leonora Carrington, Unica Zürn, Mascha Kaléko). Fremde Kontinente wollten berücksichtigt werden und andere Kulturen, und aus all diesen gemischten Kriterien ergab sich am Ende das Lexikon-Lesebuch «Leidenschaften».
Ein Lexikon? Gerade kein Lexikon, sondern eine Sammlung geschliffener und pointierter Essays über Leben und Werk, gefolgt von einem kurzen, ebenso pointierten Lebensabriss und einer knappen, manchmal allzu knappen Leseempfehlung. Die vier Autorinnen haben es sich nicht leichtgemacht, dafür machen sie es dem Leser leicht. Sie wissen, wie man ihn schnappt, wie man ihn gleich mit dem ersten Satz, dem szenischen Einstieg ködert, sie wissen vor allem: Nicht nur der Teufel, sondern alles Interessante steckt im Detail.
«Leidenschaften» ist ein Fest der kuriosen Geschichten und Details. Wussten Sie, dass Susan Sontag kaum drei Tage nach ihrer Einschulung in die dritte Klasse versetzt wurde? Dass der britische Premierminister Gladstone an einer Londoner Strassenecke Exemplare von «Onkel Toms Hütte» an Prostituierte verteilte? Dass der Briefträger zu Astrid Lindgrens neunzigstem Geburtstag sechzehn Säcke mit Gratulationspost in die bescheidene Stockholmer Wohnung schleppen musste und Agatha Christie mittlerweile die «Zwei-Billionen-Auflage» überschritten hat? Auch wenn sich Letzteres einer Fehlübersetzung der englischen billion verdanken dürfte, die im Deutschen auf eine Milliarde abschmilzt. Immer noch ordentlich!

Hauch von Herzlosigkeit

Was den Erfolg betrifft, der zu gefüllten Postsäcken, der Propaganda des Premierministers und den Billionen führt, so sind die Wege zu ihm verschlungen. Fleiss kann jedenfalls nicht schaden. George Sand schrieb einen Roman in vier Tagen. Wenn sie nach Mitternacht einen beendet hatte, fing sie sogleich mit dem nächsten an – was ihrem Liebhaber Gautier doch aufstiess. Anders bei Nathalie Sarraute. Mit der Pünktlichkeit einer Beamtin ging sie jeden Morgen ins immer gleiche Café und schrieb. Abends las sie ihrem Mann das Tagespensum vor. An der Art seines Schweigens merkte sie, ob er damit einverstanden war.

Unfähig zu schweigen war Sarrautes Landsmännin Madame de Sévigné. «Nun sind wir endlich so weit, die Brinvilliers ist in der Luft», meldet sie einmal vom Hof des Sonnenkönigs in ihrem täglichen Brief an die innig geliebte Tochter. Wovon ist die Rede? Ein erster Ballonversuch, noch vor den Montgolfiers? Nein, die als Giftmischerin verurteilte Herzogin von Brinvilliers war soeben nach grausamer Folter enthauptet und verbrannt worden. Spürt man einen Hauch von Herzlosigkeit bei der von Proust so verehrten Marquise?
Kühl konnte auch eine ihrer Vorläuferinnen sein. Um das Jahr 1000 lebte die Hofdame Sei Shonagon am japanischen Kaiserhof. Sie schrieb das berühmte «Kopfkissenbuch», in dem sie 164 Listen anlegte, die Titel tragen wie «Was verwirrend und befremdlich aussieht» («Katzenohren von innen») oder «Was glücklich macht» («Wenn jemand, den ich hasse, Pech hat»). Unter der Rubrik «Wobei man sich langweilt» nennt sie den «Besuch im Haus eines Mannes, der bei der letzten Beförderungswelle vergessen wurde».

Sie selbst hat ein Jahrtausend überlebt und wurde zu den 99 Autorinnen befördert, deren oft unglückliches Leben zumindest durch diese Kanonisierung gerechtfertigt und erhoben wird. Exemplarisch unglücklich etwa das Leben der Nelly Sachs mit seinem grossen Geheimnis. Mit siebzehn hatte die in Berlin lebende Jüdin eine Liebesaffäre, von der sie sich den Rest ihres Lebens nie mehr erholte – und sie wurde achtzig. Es gibt Gerüchte, dass sie bis zu ihrem Exil nach Schweden 1940 – sie flog mit der letzten Passagiermaschine, die Berlin noch mit Exilanten verliess – heimlich Kontakt mit dem Unbekannten hatte, der als Jude von der Gestapo abtransportiert worden sein soll. Die einzige Person, die ihr Geheimnis kannte, war ihre Mutter; sie nahm es, als sie 1950 starb, mit ins Grab.


Barocke Fülle von Leid

Das alles sind kleine, oft dramatische Romane. Man bekommt 99 davon, darunter Glanzstücke wie die Porträts Rowlings oder Marguerite Yourcenars. Bei so vielen Lebensbildern ist es unmöglich, dass sich nicht gewisse Muster abzeichnen. Was erhöht statistisch die Chancen, als Frau zur berühmten Schriftstellerin zu werden? Eine schwere oder traumatische Kindheit, Bi- oder Homosexualität, jüdische Wurzeln. Blättern und prüfen Sie selber nach – die grossen Autorinnen, bei denen keiner dieser Faktoren anzutreffen ist, sind in der Minderzahl. Fast die Hälfte der ausgesuchten Autorinnen war, wie das Nachwort erklärt, von Schwermut befallen. Nicht selten endete ihr Leben im Suizid. Aber auch wer eines natürlichen Todes starb, welch barocke Fülle von Leid! Furchtbar viel Unglück findet sich hier versammelt, mehr wohl, als man es bei den männlichen Kollegen fände; schon wegen der Geburten und Totgeburten (am schlimmsten bei Mary Shelley, der Schöpferin des unsterblichen «Frankenstein»).


Morbide Umstände

Überhaupt, was ist mit den Männern? Heinrich Heine hatte über Madame de Staël gesagt, sie halte ein Auge aufs Papier gerichtet, das andere auf einen Mann – und das gelte für alle Schriftstellerinnen. Heine war an diesem Morgen sichtlich uninspiriert. Als Leid-Auslöser waren die Männer indessen oft beteiligt; oft sind die Dichterinnen an die falschen geraten. Zum Glück häufen sich die Gegenbeispiele. Es hat sich viel gebessert. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es mehr Autorinnen, die jenes Zimmer für sich allein haben, das ein berühmter Essay Virginia Woolfs forderte. Der wachsende Wohlstand und die Emanzipation erlaubten immer mehr Frauen, vom Schreiben zu leben. Früher war es nur in zufälligen Nischen möglich: wenn das Kloster fürs Auskommen und die Sekretärin sorgte wie bei Hildegard von Bingen; wenn man wohlhabende Witwe war wie die kühle Madame de Sévigné oder halbwegs situiert und kinderlos wie Jane Austen oder Annette von Droste-Hülshoff.

Das Wichtigste entzieht sich der Statistik ohnehin. Das beste Beispiel sind die drei Schwestern Brontë. Trist und morbid waren die Umstände für alle drei. Emily war die Einzige, die nie das Elternhaus verliess, Charlotte und Anne lernten zumindest ein paar Partikel der Welt kennen, die jenseits eines armen englischen Landhauses lag. Charlotte hatte grossen Erfolg, auch Anne schrieb. Aber ausge-rechnet Emily schuf mit «Sturmhöhe» den bis heute düster herausragenden Roman. So ist es am Ende das Individuelle, nicht Ableitbare, die Persönlichkeit, die sich in grosser Literatur kristallisiert. 99 Beispiele dafür versammelt dieses Buch, und es ist jeden einzelnen Rappen wert. Aber nicht vergessen: keine anderen Termine am Lesetag! Denken Sie an das Tütchen mit Erdnüssen.

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