Moderne Heiligenbiografien werden im Kino erzählt. Richard Attenborough verfilmte 1982 das Leben des indischen Unabhängigkeitshelden Gandhi. Hollywood mag solche emotionalen Monumentalwerke und segnete den Film gleich mit acht Oscars. Nun hat Clint Eastwood die Reihe fortgesetzt: Mit «Invictus» schuf er Nelson Mandela, gespielt von Morgan Freeman, ein ebenso eindrückliches filmisches Denkmal.
Die weissen Machthaber sperrten den späteren ersten schwarzen Präsidenten 27 Jahre lang weg. Hinter den Mauern auf Robben Island, einer Gefängnisinsel vor der Küste Kapstadts, wuchs der Widerstandskämpfer Mandela zur berühmtesten Symbolfigur der Anti-Apartheid-Bewegung heran. Die Rassentrennung in Südafrika hatten die niederländischstämmigen Buren nach ihrem Wahlsieg 1948 schrittweise durchgesetzt. Als vermeintlich gute Calvinisten rechtfertigten sie ihre Sonderstellung mit der Prädestinationslehre des Genfer Reformators, die sie zu einer kruden Mischung aus Rassismus und religiöser Auserwähltheit formten.
Mischehen zwischen Weissen und Nicht-Weissen waren per Gesetz verboten. In den Städten wurden je nach Rassenzugehörigkeit entsprechende Wohnquartiere geschaffen. Wer die falsche Hautfarbe besass, war vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen. Für schwarze Kinder wurden eigene Schulen eingerichtet, im öffentlichen Verkehr mussten Nicht-Weisse separate Abteile benutzen, der Zutritt zu Parkanlagen blieb ihnen untersagt. Das war, wohlverstanden, nach den Nürnberger Gesetzen, nach Auschwitz, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die herrschenden Buren konnten ihr Apartheidregime bis 1994 aufrechterhalten.
Hass, Vorurteile, ethnische Ressentiments würden in Afrika allerdings nicht nur entlang der grossen Trennlinie zwischen Weissen und Schwarzen verlaufen, betont der polnische Journalist Ryszard Kapuscinski, der den Kontinent während vier Jahrzehnten bereiste. Diese Trennlinie würde oft sogar noch schärfer, verbissener und erbarmungsloser innerhalb ein und derselben Rasse gezogen, zwischen Menschen derselben Hautfarbe. «So ist es nicht zu leugnen, dass die Mehrheit der Weissen in der Welt nicht von Schwarzen umgebracht wurde, sondern von anderen Weissen, und ebenso wurde die Mehrheit der Schwarzen im 20. Jahrhundert von anderen Schwarzen getötet und nicht von Weissen.»
Ethnische Verblendung, schrieb Kapuscinski in seinem Bestseller «Afrikanisches Fieber», hat zur Folge, dass es zum Beispiel in Uganda niemanden interessiere, ob XY klug sei, gut und freundlich oder ob er, im Gegenteil, bösartig sei und verschlagen. «Es interessiert nur, ob er dem Stamm der Bari, Toro, Busoga oder Nandi angehört.» Einzig nach dieser Zugehörigkeit werde er klassifiziert und eingeschätzt. So bleibt Afrika im doppelten Sinne gefangen in rassistischen Kategorien: als Opfer und Täter.
Da kann es nicht wirklich verwundern, dass das weisse Apartheidregime einen schwarzen Vorläufer kannte: beheimatet im westafrikanischen Staat Liberia, dem ersten dekolonisierten Land Afrikas, dessen Namen an das revolutionäre, euphorische «Liberté» erinnert. Wie die Geschichte zeigen wird, handhabte dieser junge Staat das Freiheitsideal der Französischen Revolution nur sehr selektiv.
1821 legte ein Schiff der American Colonization Society (ACS) in Monrovia an, der heutigen Hauptstadt Liberias. Ihr Agent, Robert Stockton, hielt dem lokalen Stammeshäuptling eine Pistole an die Schläfe und zwang ihn, der Gesellschaft um den Preis von sechs Musketen und einer Kiste Glasperlen das Land zu verkaufen. Nicht für sich oder für die ACS agierte der brachiale Stockton. Es ging ihm darum, an diesem eher zufällig ausgewählten Flecken Erde ehemalige Sklavenarbeiter aus Amerika anzusiedeln. 88 solcher schwarzer «Heimkehrer» waren bereits an Bord; bereit, erlittenes Unrecht mit neuem Unrecht zu vergelten.
Sklaven werden zu Sklavenhaltern
Wie später die Buren war die American Colonization Society von den besten calvinistischen Werten durchdrungen. Gegründet wurde sie auf Initiative von Robert Finley, einem presbyterianischen Geistlichen und Präsidenten der University of Georgia. Die ACS wollte die Sklaven und deren Nachkommen befreien – um sie dann umgehend nach Afrika zu repatriieren. Schwarze als freie, an Rechten gleichgestellte Bürger in den USA selber, das war nicht nur für hartgesottene Südstaatler eine unerträgliche Vorstellung. Auch die Mitglieder der liberalen ACS, wie der spätere Präsident der USA James Monroe, dessen Namen Pate stand für die liberianische Kapitale, wollten freie Schwarze höchstens dort, wo sie einst hergeholt wurden. Jahr für Jahr kamen Schiffe mit neuen freigelassenen Sklaven aus Amerika nach Monrovia. Als die Eingewanderten 1847 die Republik Liberia ausriefen, waren es gut 12 000. Ryszard Kapuscinski ist fasziniert vom Schicksal und Verhalten dieser Ansiedler, die sich selbst Americo-Liberians, Amerikoliberianer, nannten: Noch gestern hätten sie als schwarze Parias und rechtlose Sklaven auf den Plantagen der amerikanischen Südstaaten gelebt. Ihre Väter waren vor Jahren aus Afrika entführt, in Ketten nach Amerika gebracht und dort auf Sklavenmärkten verkauft worden. Wie würden sie sich nun im Land ihrer Brüder verhalten? «Entgegen den Erwartungen ihrer Wohltäter küssen die Ankömmlinge keineswegs den Boden des wieder gewonnenen Landes, werfen sich nicht den hier lebenden Afrikanern an den Hals.»
Schon der britische Schriftsteller Graham Greene besuchte Liberia und schrieb 1935 eine Reportage («Afrika hat das letzte Wort») über das «rührende Unglück eines schwarzen Volkes», das man an einer von Gelbfieber und Malaria verseuchten Küste angepflanzt habe, «damit diese Leute aus einem Afrika, von dem ihre Familien vor Jahrhunderten verschleppt worden waren, das Menschenmögliche machen sollten».
Was Menschen möglich machen, beschrieb Kapuscinski sechzig Jahre nach Greene. Weniger rührselig, aber mit der gleichen Eindringlichkeit: «Diese Amerikoliberianer kennen aus eigener Erfahrung nur einen Typ von Gesellschaft – die Sklavengesellschaft in den Südstaaten Amerikas.» Liberia setzt die Sklavenordnung fort – mit dem einen Unterscheid, dass die ehemaligen Sklaven die Herren sein werden und die Angehörigen der einheimischen Stämme versklaven.
Die Beziehungen zwischen der autochthonen Bevölkerung und den Afroamerikanern waren von Anfang an schwierig und feindselig. Nach der Unabhängigkeit reklamieren die Amerikoliberianer exklusiv für sich das Recht, Bürger des Landes zu sein. Den übrigen Menschen – das sind 99 Prozent der Bevölkerung – sprechen sie diesen Status ab. «Nach ihren Gesetzen sind die Einheimischen nur tribesmen, Menschen ohne Kultur, Wilde und Heiden.» Die Buren werden es ihnen gleichtun. Die neuen Herren bleiben an der Küste wohnen, ganze hundert Jahre nach der Gründung Liberias begibt sich erstmals ein Präsident ins Landesinnere.
Da sich die Einwanderer und die von ihnen so verachteten Einheimischen weder durch die Hautfarbe noch durch andere körperliche Merkmale unterscheiden, demonstrieren sie ihre Überlegenheit auf andere Weise: «Im glutheissen und schwülen Klima Liberias tragen die Männer, sogar wochentags, Frack und Spenzer, dazu eine Melone und weisse Handschuhe.» Die Damen verlassen das Haus nur selten, wenn, dann in steifen Krinolinenröcken, dicken Perücken und Hüten, die mit künstlichen Blumen geschmückt sind.
Lange bevor die Buren in Südafrika die Apartheid einführten, dachten sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts schon Nachfahren schwarzer Sklaven dieses System aus. In Liberia wird jeder nähere Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung, vor allem eine Heirat, verboten. «Zu diesem Zweck», schreibt Kapuscinski, «weist die Regierung in Monrovia jedem Stamm (es sind insgesamt sechzehn) ein Territorium an, in dem er sich aufhalten darf – typische Homelands, wie die weissen Rassisten aus Pretoria sie erst Dutzende Jahre später für die Afrikaner schufen.»
Wo rebelliert wird, folgen brutale Strafexpeditionen, die einen praktischen und gewollten Nebeneffekt haben: Die aufmüpfigen Stammeskrieger werden versklavt. Schliesslich brauchen die Amerikoliberianer Arbeitskräfte, eigene Sklaven, für ihre Landwirtschaftsbetriebe und ihre Werkstätten. Damit schliesst sich der Kreis: Die Sklaven von einst werden selber zu Sklavenhaltern.
Vor zwanzig Jahren verliess Nelson Mandela Hand in Hand mit seiner Frau das Gefängnis auf Robben Island. 1994 wurde er mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten Südafrikas gewählt. Dank seiner menschlichen Grösse vollzog sich der Machtwechsel unblutig, demokratisch und so versöhnlich, wie es ging.
Anders in Liberia. Dort drang im April 1980 eine Gruppe Soldaten in die Residenz des Präsidenten ein und vierteilte ihn in seinem Bett. «Sie rissen seine Eingeweide heraus und warfen sie im Hof den Hunden und Geiern zum Frass hin.» Anführer der Rebellen war ein 28-jähriger Sergeant namens Samuel K. Doe. Er gehörte den Kru an, einem jener Stämme aus dem Innern des Landes, die nun fast 150 Jahre von ihren schwarzen Brüdern aus Amerika geknechtet worden waren. Auch sein Leben gäbe Stoff genug her für einen Film. Eine Heiligenbiografie würde es allerdings nicht.













Kommentare