Kommentar

Reine Freude über Gold, bitte

Die Schweizer Erfolge an den Olympischen Spielen von Vancouver sind das Resultat von aussergewöhnlichen individuellen Leistungen. Besondere Gründe gibt es dafür nicht.

Von Mario Widmer

So lasst es uns doch ganz einfach geniessen, das Gold, den gold rush von Vancouver! Und die so menschlichen und grossartigen Schweizer Sportler wie Simi Ammann, Dario Cologna oder Didier Défago feiern. Ohne Wenn und Aber. Ohne Abstriche. Lasst uns nicht ihre Leistungen analysieren. Zer-Analysieren. Lasst uns ihre Olympiasiege ausserhalb aller Verhältnisse bejubeln. Einfach so.

Lasst uns die reine Freude darüber leben, wie ein Simi Ammann sich entwickelt hat. Menschlich. Harry Potter, der Erwachsene, ist noch sympathischer geworden, als es Harry Potter, der kecke, staunende Jüngling vor acht Jahren, war.

Oder lasst es uns doch einfach diesem Didier Défago gönnen, dass er am letzten Montag genau auf den Punkt das war, was er schon viele Jahre ist: einer der besten Abfahrer unserer Zeit. Inzwischen so routiniert, dass es ihm gelingen konnte, seine Klasse, sein Gefühl auf dem Ski in jenen zwei Minuten auszuspielen, in denen es um das Olympiagold ging.

Und lasst uns gemeinsam staunen über diesen Dario Cologna, der in den Rocky Mountains das erste Olympiagold im Langlauf für die Schweiz überhaupt holte. Warum müssen wir unbedingt verstehen, wie es möglich ist, dass ein solcher Ausnahmesportler den Olympiasieg fast wie eine Selbstverständlichkeit akzeptierte? Nicht tanzte, schrie oder weinte vor den TV-Kameras?
Lasst uns doch einfach alle zusammen darüber Freude empfinden, dass es in unserem Land noch solche junge Menschen gibt, für die der Leistungswille so selbstverständlich ist. Und lasst uns hinter der Selbstverständlichkeit nicht Gründe suchen, die bei solchen Olympiasiegen, bei solchen Vollblutsportlern wie Cologna ganz sicher nicht vorhanden sind.

Dem Leistungswillen zu danken

Die unglaublichste Sauce zum dreifachen Schweizer Olympiagold, zynisch für mich gar, war die veröffentlichte Beurteilung einer linken Politikerin am Dienstag: «Balsam für die geschundene Schweizer Seele, nach den Politflops der letzten Zeit [blablabla] . . .» Wie wenn unsere Olympiasieger für oder gegen ein politisches System kämpfen würden. Oder besonders motiviert waren, weil der Schweizer Finanzplatz gegenwärtig unter innerem und äusserem Beschuss ist. Wie wenn es überhaupt ausserhalb dieser Classe politique und der veröffentlichten Meinung eine geschundene Schweizer Seele gäbe.

Wer einmal versteht, dass der gold rush von Vancouver gar nichts mit einem System zu tun hat, der wird erst ohne Abstriche akzeptieren können, was für Leistungen unsere Olympiasieger erbracht haben. Und jeder, der diese ihre Siege auch nur in die Nähe eines politischen Systems bringt, ist nichts anderes als ein ziemlich ahnungsloser oder böser Opportunist.
Ich war dabei, als Bernhard Russi 1972 in Sapporo sein Olympiagold in der Abfahrt holte. Und ich war in Calgary 1988, als auch Pirmin Zurbriggen dies schaffte. Russi und Zurbriggens Erfolge hatten nichts mit politischen Systemen zu tun, waren keineswegs gesellschaftliche Produkte. Sie waren Leistungen von Individualisten. Wie jetzt die Schweizer Triumphe von Vancouver wieder nur dem Leistungswillen von Individualisten zu danken sind.

Dass es neben dieser bemerkenswerten Tatsache, dass der Schweizer Sport immer wieder solche Ausnahmekönner oder -könnerinnen produzieren kann, auch gesellschaftliche Gründe für Entwicklungen im Sport gibt, steht ausser Zweifel. Doch auch hier sind systemische Zusammenhänge bei den Erfolgen von Simi, Didier und Dario nur künstlich oder gesucht.

Es dauerte 22 Jahre, bis nach Zurbriggen 1988 wieder ein Schweizer Olympiagold in der Abfahrt holte. Und es ist eher eine Schande für den Schweizer Sport denn eine Überraschung, dass es 22 Jahre dauerte, bis am Montag endlich wieder ein Schweizer die Abfahrt gewann. Die Schweiz ist ein alpines Land. Es gibt nicht viele Länder auf der Welt, in denen Abfahrer bessere Verhältnisse für ihren Sport finden.

Da sieht es bei Simon Ammann schon ganz anders aus. Im Skispringen können doch viele Länder ihren Sportlern bessere Bedingungen zum Training bieten, als sie der Toggenburger in Schindellegi hat. Umso aussergewöhnlicher sind natürlich solche Springer wie ein Simi Ammann für die Schweiz, so ungewöhnlich, wie es auch ein Walter Steiner war.

Ganz extrem der Ausnahmefall Dario Cologna. Erstes Olympiagold überhaupt im Langlauf für die Schweiz. Wer unbedingt systemische Gründe für diese unfassbare Tatsache finden möchte, kann sie beim Zusammenbruch des Kommunismus suchen. Weniger harte internationale Konkurrenz für die Heimatländer des nordischen Sports in Skandinavien, kaum mehr osteuropäische Konkurrenz. Doch bereits das Nachdenken über solche Zusammenhänge sorgt dafür, die Leistungen eines Dario Cologna zu relativieren. Solches Gold aber zu relativieren, ist dumm und unfair. Ein Cologna hat auch nicht mehr die Hexenküchen zur Verfügung, die es im DDR-Sport gab.

Darum. Lasst uns doch alle ganz einfach diesen Schweizer Goldrausch nur feiern, geniessen. Und lasst uns staunen über den Leistungswillen, das Können und die Klasse dieser Darios, Simis und Didiers.

Kommentare

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  • Markus Spycher
  • 24.02.10 | 09:35 Uhr

>> „Wie wenn unsere Olympiasieger für oder gegen ein politisches System kämpfen würden . . .“
Einverstanden, Mario Widmer, der Simi springt weder für Karl Marx noch für Herrn Blocher. Trotzdem hat die linke Politikerin natürlich recht, wenn sie von „Balsam für die geschundene Schweizer Seele nach den Politflops der letzten Zeit“ spricht. Spitzensport ist nach wie vor ein „Gebäude, das zur Verschleierung und damit zur Rechtfertigung der eigentlichen Machtverhältnisse dient“. Und dass eine Goldmedaille nur im Kollektiv erreicht werden kann, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren.

  • Peter Schlegel
  • 23.02.10 | 09:58 Uhr

Hanspeter Bühler,

Völlig Falsch! Die Speed-Damen zeichnen sich eben gerade durch ihre mannschaftliche Stärke aus und nicht in erster Linie durch Einzelathletinnen aus.

9 Fahrerinnen in den Top 30 der Weltrangliste, 2 Fahrerinnen in den Top 3 des Europacups, 7 Podestfahrerinnen. Eine solch starke Mannschaft hatte die Schweiz noch nie. Das sind eben gerade keine zufälligen Erfolge, sondern Erfolge einer systematischen Arbeit!!!

  • Markus Spycher
  • 21.02.10 | 09:25 Uhr

>> "Glückliche Schweiz, wenn das Land trotzdem funktioniert"

Checken Sie doch endlich, Herr Bühler, dass die Schweiz ein Sonderfall ist. Auch Sie gehören dazu.

  • Christine Joos
  • 20.02.10 | 22:32 Uhr

Oh, vielleicht haben wir uns getäuscht, und es war BR Leuthard, "wie sie nach dem Sieg im Laufschritt über Hindernisse hinwegsetzte, um den amtierenden Olympia-Sieger an sich zu drücken und hochzuziehen. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen." ;-)

  • Hanspeter Bühler
  • 20.02.10 | 19:33 Uhr

Nur rasch beim checken des Forums:

Liebe Christine
Wir immer hast Du die Sache ausgezeichnet auf den Punkt gebracht. Was eine Bundespräsidentin an einer Sportveranstaltung am anderen Ende der Welt sollte, ist mir ohnehin unklar. Offenbar hat sie in ihrem Wirtschaftdepartement keine anderen Sorgen. Glückliche Schweiz, wenn das Land trotzdem funktioniert.

  • Christine Joos
  • 20.02.10 | 11:20 Uhr

M. Spycher, diese herzige Szene ist ja das Verdienst von S. Ammann. Es ist keineswegs BR Leuthard zuzusprechen. Weshalb die Szene auch nicht mit Sarkozys "Rummachen" verglichen werden kann.

Herr Sarkozys Getue beeindruckt mich übrigens nicht. Daran kann auch das Trutschchen an seiner Seite nichts ändern. Pardon für Letzteres.

  • Markus Spycher
  • 19.02.10 | 17:34 Uhr

Was mich bei Ammann (nebst dem Skisprung) beeindruckte: Wie er nach dem Sieg im Laufschritt über Hindernisse hinwegsetzte um die amtierende Bundespräsidentin an sich zu drücken und hochzuziehen. Sowas hat die Welt noch nicht gesehen. Was bitte schön, ist dagegen Sarkos gestelltes Rummachen an Angie vor laufenden Kameras? Nichts anderes als ein billiger publicity gag des Franzosen.

  • Hanspeter Bühler
  • 19.02.10 | 09:06 Uhr

Peter Schlegel
Ja mag sein, dass Peter Müller keinen Erfolg hatte - aber die Gründe waren klar: er hat eine eiserne Disziplin gefordert - und wurde von den Skiverband-Verantwortlichen zurückgepfiffen, weil die "Ski-Diven" nicht spuren wollten. Die Erfolge der CH Ski-Speeddamen sind durch einzelne Damen - zufällig und nicht geplant - entstanden. Gut z.B. ist ein Eigenprodukt, eine Talent das sich selbstaufgebaut hat. Sonst sehe ich zurzeit nur Durchschnitt, keine klaren Verlässlichkeiten. Und im Slalom müsste ohnehin von Grunde auf umgedacht werden.

  • Peter Schlegel
  • 18.02.10 | 21:10 Uhr

Hanspeter Bühler,

Peter Müller war an Erfolglosigkeit als Damen-Speedtrainer nicht zu überbieten! Seit Müller nicht mehr Speed-Trainer ist, sind die Schweizer-Speed-Damen äusserst erfolgreich. Noch nie hatte die Speed-Damen so viele Podest-Fahrerinnen (auch nicht zu Zeiten einer Marie-Therese Nadig oder einer Maria Walliser/Michaela Figini)!

Das sind die Fakten! Und im Sport zählen nun mal die Resultate! Und die sprechen klar gegen Meckerer und Jammeri Pitsch Müller und klar für die heutigen Trainer!

  • bruno michel
  • 18.02.10 | 14:35 Uhr

ähm, blöd, ich wollte jetzt eigentlich das gerücht in die luft setzen, dass da vielleicht jemand hätte gedopt haben können. aber angesichts der geniesserlaune lasse ich es besser, sonst werde ich noch als landesverräter angepöbelt.

  • Markus Spycher
  • 18.02.10 | 14:00 Uhr

Re: Hanspeter Bühler

Die Damen-Abfahrtsstrecke hat auf ihrem untersten Abschnitt brutal selektioniert. Da war nur noch die Kraftausdauer der Mädchen gefragt. Es ist aber gut so, dass nicht alle Abfahrerinnen so kräftige Oberschenkel haben wie seinerzeit der Oesterreicher Maier. Es reicht durchaus, wenn deren Oberschenkel vergleichbar sind mit dem Brustumfang eines armen Bäuerleins. Dass Sie sich aber an einem 5. Platz einer Schweizerin an Olymp. Spielen nicht erfreuen können, hängt wohl auch mit Ihrer "Begeisterungsfähigkeit" für Stauffacherinnen in der Oeffentlichkeit zusammen.

  • Hanspeter Bühler
  • 18.02.10 | 07:42 Uhr

Auch ich habe Freude an den Leistungen der Herren an den olympischen Spielen - auch wenn deren Wichtigkeit meiner Meinung nach weit übertriben ist. Das Gegenteil sind die Damen, die auf jeden Fall in der Abfahrt entweder komplett falsch "eingestellt" wurden von ihren zahlreichen Betreuern oder einfach entsprechende Fähigkeiten vermissen lassen. Ich halte es zudem mit dem alten Haudegen Peter Müller, der seit jeher die Kondition des Frauen Ski-Team anprangert.

 
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