Hochzeit

Alte Liebe

Die beiden Schriftsteller Elke Heidenreich, 66, und Bernd Schroeder, 66, leben seit fünfzehn Jahren getrennt. Jetzt haben sie ein Buch geschrieben.

Von Franziska K. Müller

Elke: Unser Roman erzählt keineswegs von Bernd Schroeder und mir, was aus uns hätte werden können, sondern von den erfundenen Figuren Lore und Harry.
Bernd: In die wir uns gut einfühlen können.
Elke: Jede Liebe ist anders, man kann keine allgemeingültigen Aussagen machen. Aber im Fall von Lore und Harry gilt der Satz «Alte Liebe rostet nicht». Das ist leichter gesagt als getan, und die Zeit ist nicht spurlos vorbeigegangen. Wenn man die eigenen Fehler inzwischen auch kennt, werden sie dadurch nicht unbedingt erträglicher. Am besten lassen wir die beiden selber sprechen. Zusammengefasst kann man sagen: Die beiden sind seit fast vierzig Jahren verheiratet, Harry wollte Architekt werden, landete aber im Bauamt. Lore ist leidenschaftliche Bibliothekarin und umso kräftiger dabei, die Pensionierung zu fürchten.
Lore: Auch weil Harry am liebsten stundenlang Zeitungen liest und es bei ein paar Flaschen Bier gern ruhig und gemütlich hat. Natürlich ist er politisch interessiert und hat sich seine 68er Ideale schön frisch erhalten. Darum ist er jetzt so schockiert, dass unsere Tochter Gloria in dritter Ehe einen steinreichen Mann heiraten will, der altersmässig ihr Vater sein könnte. Ich bin auch deprimiert. Eigentlich könnte es mich freuen. Endlich ist das Sorgenkind versorgt. Versorgt. Ein furchtbarer Gedanke. Man muss doch selbstständig sein. Aber Gloria war nie selbständig. Mir graut vor dieser Hochzeit. Aber zu Harry sage ich: «Ich freue mich richtig auf diese Hochzeit.»
Harry: Du hast sie ja nicht alle. Was freut dich denn an dieser Hochzeit?
Lore: Vielleicht wird es ein schönes Fest. Vielleicht ist ja alles wunderbar.
Harry: Man kann auch alles schönreden.
Lore: Aber du fährst doch mit? Du lässt mich doch nicht alleine?
Harry: Ich weiss nicht. Ich will morgen mit Gloria telefonieren.
Lore: Machs doch heute.
Harry: Heute kann ich nicht. Heute spiele ich Golf mit Ede und will mir die Laune nicht verderben lassen.
Lore: Ach, du weisst also von vornherein, dass dir ein Gespräch mit unserer Tochter die Laune verderben wird.
Harry: Bitte, Lore.
Lore: Ist doch wahr. Du machst einem alles kaputt, weisst du das? Jetzt muss ich mich für die Lesung vorbereiten.
Harry: Ich finde es immer peinlich, wenn Lore am Tag der Lesung schon morgens aufgeregt ist. Einmal hat sie sich in einen Lyriker verliebt. Sie war fast fünfzig, er Ende zwanzig. In der Zeit danach ging es uns gut. Unsere Sexualität bekam einen positiven Schub für einige Zeit. Jetzt freue ich mich auf die Pensionierung. Ich mache den Garten, liebe meine Stauden, bastle am Haus herum, man wird ja nie fertig, habe ein paar Hobbys, treffe mich mit Freunden – mit Ede zum Beispiel – neuerdings auch zum Golf.
Lore: Du hast immer grosse Reden gegen Golfspieler und Mercedes-Fahrer geschwungen. Und jetzt spielst du Golf und fährst mit dem Mercedes hin.
Harry: Wer SPD oder Grüne wählt, darf nicht Golf spielen? Ede und ich wählen grün, spielen zwar Golf, stellen die soziale Gerechtigkeit aber über alles. Walser war früher Kommunist und sagt heute, es sei völlig in Ordnung, dass Leute wie Zumwinkel ihr Geld nach Liechtenstein bringen, wenn ihnen der deutsche Staat so tief in die Tasche greifen will.
Lore: Wo hast du das denn her?
Harry: Das steht in der Zeitung – nicht in seinen Büchern. Dein Martin mag ein guter Autor sein, politisch ist er eine Katastrophe.
Lore: Das muss bei einem Künstler egal sein.
Harry: Seltsame Ansicht. Übrigens, morgen nehme ich die letzte Golfstunde, und danach ist mit dem Quatsch finito.
Lore: Schön, dass du manchmal auch vernünftig sein kannst.

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