Film

Ein Fall von Selbstkasteiung

Mit «Invictus» huldigt Clint Eastwood dem charismatischen Nelson Mandela. Geht er zu weit?

Von Wolfram Knorr

Kann ein Sportereignis ein Land verändern? Vielleicht. Mit Sicherheit kann es helfen, Vorurteile abzubauen – wie in Südafrika, wo die Apartheid zur Ideologie geworden war. Mit ihrer Auflösung und Nelson Mandelas Wahl zum Präsidenten geriet der Staat in eine explosive Situation. Manche befürchteten einen Bürgerkrieg, die Mehrheit glaubte an eine Spaltung des Landes in zwei Staaten, einen schwarzen und einen weissen. Mandela war unter Druck, von beiden Seiten. Der Mann, der dreissig Jahre im Gefängnis sass, brauchte dringend etwas Volksnahes, um über Emotionen Spannungen abzubauen und ein Nationalgefühl aufzubauen.

Eine solche Chance sah Mandela in der Rugby-Weltmeisterschaft, die 1995 erstmals wieder Südafrika ausrichten konnte. Wie kühn der charismatische Mandela dabei vorging, zeigt das jüngste Werk des letzten Hollywood-Giganten, Clint Eastwood. «Invictus» beschreibt, relativ nahe an den tatsächlichen Ereignissen (soweit ein Spielfilm sich überhaupt der Wirklichkeit nähern kann), die heiklen Hürden, die Mandela überwinden musste. Rugby war ein weisser Sport, die Nationalmannschaft, die Springboks, war bei den Schwarzen verhasst, und die Weissen wollten sie auflösen. Mandela verhinderte das und wagte, in einer Mischung aus gespielter Naivität und gerissenem politischem Kalkül, das Team zu halten, indem er es emotional an sich band. Er besuchte es und liess es in den Townships trainieren, um die schwarze Jugend an das Rugby heranzuführen. Das Kalkül ging auf: Südafrika wurde Weltmeister, Rugby wurde auch bei den Schwarzen beliebt. Nelson Mandela hatte einen Sieg im Abbau von Rassenhass errungen.

Clint Eastwood hat dieses Wunder von Südafrika, den rassenübergreifenden Gefühlsrausch, perfekt umgesetzt. «Invictus» ist kein Biopic, sondern das Porträt eines Charismatikers. Mit Morgan Freeman fand er die ideale Besetzung. Freeman («Miss Daisy und ihr Chauffeur») gehört nicht zu den Rebellen wie etwa Samuel Jackson («Pulp Fiction»), sondern entstammt der alten Schule, gemäss der man sich nur mit Geduld und Nachsicht Gleichberechtigung und Respekt verschafft. In einer erstaunlichen Mischung aus Ironie und Hartnäckigkeit flirrt er zwischen Spiel und Wirklichkeit.

Amerikanische Kritiker warfen Eastwood Naivität vor. So einfach, wie es der Film darstellt, war der Weg sicher nicht. Das wiederum mag darauf zurückzuführen sein, dass Eastwoods Wandlung vom Saulus zum Paulus, angesichts seiner «Filmsünden» («Dirty Harry»), gelegentlich in Selbstkasteiung kippt. Bei «Invictus» ist diese Neigung auffallend.

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