Die Lehren aus Climategate

Was sind die Erkenntnisse nach der E-Mail-Affäre? Erstens: Die ehrwürdige Klimaforschung hat ihre Unschuld verloren. Zweitens: In der Blogosphäre entsteht eine neue wissenschaftliche Öffentlichkeit. Drittens: Es ist erfreulich, dass die Fehler der Klima-Missionare aufgedeckt wurden.

Von Jerome Ravetz

Monumentale Abgasschleuder: Vulkan auf Hawaii. Bild: Roger Ressmeyer (Corbis, RDB)

Climategate ist deshalb besonders wichtig, weil der Skandal nicht den üblichen bösartigen Einflüssen von ausserhalb der Wissenschaft angelastet werden kann, seien dies geldgierige Konzerne oder ein skrupelloser Staat. Der Skandal und die daraus resultierende Krise wurden durch Leute in der Wissenschaft erzeugt, von denen man annehmen kann, dass sie mit besten Absichten handelten. Sollten die Behauptungen der Klimaforscher über die Erderwärmung ernsthaft diskreditiert werden, würde sich die öffentliche Empörung direkt gegen die wissenschaftliche Gemeinschaft selber richten und (von innerhalb dieser Gemeinschaft) gegen deren Führer, die entweder unwissend oder als Komplizen mitschuldig waren, bis schliesslich der Skandal aufflog. Wenn wir Climategate verstehen und zu einer Wiederherstellung des Vertrauens kommen wollen, sollten wir die strukturellen Elemente anschauen, die derart schädliche Praktiken begünstigten und nährten. Ich glaube, dass die Gedanken über «postnormale Wissenschaft» (wie sie von Silvio Funtowicz und mir entwickelt worden sind) zum Verständnis beitragen können.

Mehr zum Thema in unserem grossen Dossier «Klimakontroverse»

Im Umgang mit der Frage der Unsicherheit in der Wissenschaft gibt es tiefliegende Probleme, die nicht durch raffiniertere Quantifikation gelöst werden können. Zwischen Wissenschaft und Politik besteht eine Kluft; die beiden sind in ihrer jeweiligen Sprache, ihren Gepflogenheiten und deren Begleiterscheinungen miteinander nicht vergleichbar. Ein Wissenschaftler, der sich sozialer Verantwortung verpflichtet fühlt, benötigt Entschlossenheit und Geschick, um nicht zum «heimlichen Anwalt» zu werden. Wenn die Politik nicht gewillt oder fähig ist, offenkundige und dringliche Wahrheiten zu einem bestimmten Problem zu erkennen, dann werden für den Wissenschaftler die Widersprüche zwischen wissenschaftlicher Redlichkeit und aktivistischem Eifer akut. Dies ist ein stetes Problem für jede politisch relevante Wissenschaft, und im Fall der Klimawissenschaft scheint es ein besonders bedeutendes Ausmass erreicht zu haben. Der Umgang mit Unsicherheit und Qualität in derartigen immer häufiger auftretenden Situationen ist zu einer dringlichen Aufgabe für die Wissenschaftsführung geworden.

Wir können anfangen zu verstehen, was bei Climategate schieflief, wenn wir untersuchen, was die führenden Vertreter dieser «missionierenden Wissenschaft» (evangelical science) für die offenkundige und dringliche Wahrheit hielten. Für diese Wissenschaftler ging es nicht bloss darum, dass es Anzeichen einer auf menschlichen Einfluss zurückzuführenden aussergewöhnlichen Störung der Ökosphäre gab, und es ging auch nicht einmal darum, dass das Klima sich rascher verändern könnte, als es dies während langer Zeit tat. Sie erklärten klipp und klar, dass die anthropogene, auf Kohlenstoff basierende Erderwärmung eine bewiesene Tatsache sei. In dieser apodiktischen These gibt es wenig Spielraum für Unsicherheit. Um zu zeigen, dass alles die Schuld der Industrialisierung ist, braucht die These für alle Indikatoren der globalen Temperatur die «Hockeyschläger»-Kurve (die lange flach bleibt, bevor sie wie ein Hockeyschläger steil nach oben zeigt). Ihr ikonisches Bild ist die ständig steigende Grafikkurve der CO2-Konzentration während der letzten fünfzig Jahre am Mauna-Loa-Vulkan auf Hawaii (wobei stillschweigend angenommen wird, dass die CO2-Konzentration zuvor am oder unter dem Ausgangspunkt lag). Weil CO2 seit langem als Treibhausgas bekannt ist und weil wissenschaftliche Theorien dessen Auswirkungen quantifizieren, schien das wissenschaftliche Argument für diesen gefährlichen Trend überwältigend einfach, direkt und schlüssig zu sein.

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