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10.02.2010, Ausgabe 06/10

Deutschland

Wenn der Steuerfahnder klingelt

Deutschland ist eine Supermacht in der Steuerfahndung, und dennoch grassiert die Schwarzarbeit. Das System ist nicht nur ineffizient, sondern es fördert auch die Steuerehrlichkeit nicht. Diese wäre mit wesentlich undramatischeren Methoden zu haben.

Von Carmen Gasser und René Lüchinger

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Nun bietet sogar die Bild-Zeitung – mit drei Millionen Auflage und zehn Millionen Lesern Europas grösstes Volksblatt – Überlebenshilfe für Steuersünder. «Was tun», fragt das Blatt, «wenn die Steuerfahnder klingeln?» Eine berechtigte Frage, angesichts des heiligen Zorns, mit dem die Fahnder neuerdings den deutschen Steuersumpf umpflügen. Sie kommen «werktags», heisst es dort, «meistens früh am Morgen». Wenn sie vor der Türe stehen, dürfen sie fast alles, was Gott verboten hat. Mit richterlicher Anordnung, die bei Verdacht «recht schnell» erteilt wird, dürfen die Fahnder auf der Suche nach Beweisen «alles auf den Kopf stellen und auch einkassieren». Und: «Wer verdächtigt wird, sagt besser nichts dazu. Ein schnelles Geständnis lässt die Fahnder keineswegs wieder umkehren.»

Mehr zum Thema: Dossier «Bankgeheimnis / Steuerstreit»

Deutschlands erfolgreichste Steuerfahndertruppe kommt aus Wuppertal, nennt sich, so der Spiegel, «geheime Eichkater», weil sie, Eichhörnchen gleich, für ihre Sammelwut berüchtigt sind. Diese Truppe brachte Postchef Klaus Zumwinkel zu Fall, und die Wuppertaler sind es auch, denen Mister Unbekannt jene 1500 Daten von mutmasslichen deutschen Steuersündern angeboten hat, die Kanzlerin Angela Merkel nun käuflich erwerben will. Diese erfolgreiche, 35-köpfige Wuppertaler Truppe ist freilich lediglich die Eliteeinheit in einem Heer von deutschen Steuerfahndern. Insgesamt, hat das Bundesfinanzministerium berechnet, sind im Land derzeit rund 2370 Ermittler unterwegs, um auch den letzten Steuersünder an das Licht zu zerren.

Schweizer Steuereinsatztruppe

Und die Schweiz? Auch hierzulande existiert seit 1997 eine besondere Einsatztruppe gegen Steuerbetrüger: die seinerzeit von Finanzminister Kaspar Villiger gegründete Abteilung Strafsachen und Untersuchungen (ASU). Auch die Schweizer Fahnder klingeln gerne um sechs Uhr in der Früh, präsentieren mitunter einen Hausdurchsuchungsbefehl, beschlagnahmen Akten, und dennoch können sie sich an Durchschlagskraft kaum mit den Fahnderbrigaden aus dem Norden messen. Ganze zwanzig Personen zählt die helvetische Steuerpolizei, gerade mal fünfzig Personen geraten jährlich in deren Fänge, und dies ergibt Steuerrückzahlungen von rund dreissig Millionen Franken pro Jahr. «Keinen Vergleich», sagt Bernhard Zwahlen, Steuerrechtsexperte beim Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst & Young, gebe es zwischen den Fahndern in Deutschland und der Schweiz, «Erstere verfügen über sehr viel weiter gehende Kompetenzen».

In der Tat: Sind deutsche Steuerfahnder am Ermitteln, verschaffen sie sich auch Zugang zu IT-Strukturen und Servern – nicht denkbar für die Schweizer Steuerpolizei. Die nördlichen Nachbarn haben sich zu einer Schnüffel-Supermacht in allen Steuerfragen hochgerüstet. Die 80-Millionen-Nation ist 10-mal grösser als die Schweiz, leistet sich aber eine 120-mal grössere Armada von Steuerfahndern.

Und in diesen ultimativen Drang, auch den letzten deutschen Steuersünder dingfest zu machen, lassen sich in deutschen Landen mitunter sogar renommierte privatwirtschaftliche Medienorgane einspannen. Im Februar 2008 bekam der ahnungslose deutsche Postchef Zumwinkel Besuch von Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung. Es gab Journalisten, die wussten mehr als der Betroffene und schrieben nichts. Warum das so war, notiert Hans Leyendecker, einer der damals Wissenden, nun in der Süddeutschen Zeitung: «Mehrere Medien, darunter Spiegel und Süddeutsche Zeitung, hatten von den bevorstehenden Ermittlungen gewusst und nichts geschrieben, um die beginnenden Ermittlungen nicht zu stören.»

Überwachungsstaat

Diese vereinigte Front im Kampf gegen Steuersünder hat eins nicht erreicht: die Steuerehrlichkeit in Deutschland zu erhöhen. Im Gegenteil: Die Schattenwirtschaft ist im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt (BIP) konstant hoch und erreicht nach Schätzung des Linzer Ökonomieprofessors Friedrich Schneider im Jahre 2010 eine Höhe von knapp 360 Milliarden Euro. Der Wissenschaftler kommt in seiner Studie «Steuerhinterziehung in Deutschland und Österreich» denn auch zu einer klaren Schlussfolgerung: «Nicht die Steueroasen im Ausland sind die Hauptursachen zur Steuerhinterziehung in Deutschland, sondern ein zu kompliziertes, zu undurchschaubares und als ungerecht und unfair empfundenes Steuersystem.»

Weil nichts mehr hilft, fordert die deutsche Regierung nun den sogenannten automatischen Informationsaustausch mit ebendiesen Steueroasen, gewissermassen den totalen Überwachungsstaat in Steuerfragen bis in die Schweiz hinein. Eine monströse Vorstellung: Kein Mensch ist in der Lage, eine derartige Datenmenge seriös zu erfassen. «Um jede einzelne Steuererklärung zu prüfen», sagt Jörg Walker, Steuerexperte beim Wirtschaftsprüfer KPMG, «ist das Steuersystem in Deutschland viel zu kompliziert.» Ob Maschinen die gerechteren Steuerbeamten sind?

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 06/10
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Kommentare

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Werner Widmer     15.02.10 12:03    

Je mehr man liest, detso mehr sollte sich die Schweiz nicht mehr empören. Gestohlene Daten aus Lichetenstein wurden durch die BRD der Schweiz zu Verfügung gestellt und prompt wurden diese in CH legal angewandt!
Leserbrief im Zürcher Oberländer vom 2010-02-13.

Wenn einer wissentlich gestohlene Daten kauft, ist er keine Hehler. Nachlesen unter Merz in dieser Wewo.

Scheinbar haben die Schreier in der Schweiz auch keine Moral.
Werni

Rainer Selk     14.02.10 22:12    

Max Schmid 14.02.10 18:00
Leute, die Ihr Geld schwarz aus D geschafft haben, müssen selbst damit klar kommen. Die St.-Ehrlichkeit in der CH ist besser als in D, die Schwarzarbeit geringer. Dir Selbstverantwortung grösser. Der Rückfluss von Schwarzgeldern nach D ist nicht per se falsch. Mit einem OECD Abkommen, das in Verhandlung ist, hätte Schäuble mehr davon. Aber ob das noch kommt, wenn die CH mit einem Hehlerstaat verhandelt? Wann kommt der nächste 'legitimierte' Unfall, sofern es denn nicht Bluff ist, nachbarschaftliche Freunde?

Max Schmid     14.02.10 18:00    

Was ist denn so dramatisch an den Steuerfandungsmethoden der Deutschen. 90% der Steuerzahler haben doch nichts zu befürchten. Rentenbezüger werden ja auch kontrolliert. Eine aufgestockte Steuerfahndertruppe täte der Schweiz auch gut und würde mehr Einnahmen generieren als bei Leuten die illegal Renten beziehen.
Immerhin generiert Scheuble hunderte von Millionen.

Bis jetzt hilft die Schweiz leider nur, ausländische Staatskassen zu füllen.
Wann endlich wird eine Disk angeboten, die Daten von Schweizer Steuerkriminellen enthält. Ob die ach so saubere Schweiz diese nicht kaufen würde?

Rainer Selk     14.02.10 08:51    

Gideon Lasker 13.02.10 19:29
Die 'Verpolitisierung' bis in die Familie + in das Tagesgeschäft nach DDR Motto: das begann Ende der 60 ziger Jahre + frist sich langsam in den deutschen Süden durch.
Es würde mich nicht wundern, wenn diese Umstände bei den 4 Steuerfandern vorliegen. Unter dem Deckmantel des eigenen Jobs wird in 'Sendungsauftragmanie' mit Brachialgewalt vorgegangen. Selbst erlebt. Es wird dem Leistungsträger von Anfang an Schlechtes unterstellt, eine eisige Athmosphäre geschaffen, die jegliche Abwägung ausschliesst. Faschismus in Reinkultur. Abscheulich!

Gideon Lasker     13.02.10 19:29    

@Rainer Selk 11.02.10 19:24

Es ist keine Vermutung, sondern Tatsache, dass in D die Steuergesetzgebung zur Umsetzung linker Ideologie herhält: Umverteilung zu Lasten Mittelstand und Reicher (ein "Reicher" ist man hinter vorgehaltener Hand ab einem Jahresgehalt von 50tsd Euro) zu Gunsten derjenigen, die gerne Eigenverantwortung auf den Staat delegieren und sich dafür schöne Transferleistungen freiwillig verdummen lassen; am Morgen TV schauen und ein bischen schwarz arbeiten, kein Problem! Mundtotmachen muss natürlich finanziert werden, wie auch die ganze staatl. Versorgungsindustrie.

Rainer Selk     11.02.10 19:24    

Martin Bott 11.02.10 02:18
Mittlerweile ist die Sache vor einem Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags.

Ohne vor zu verurteilen, sind diese 4 Leute offenbar alles politische links angehauchte Steuerfander, ein Abbild der polit. Teilung der D Neidgesellschaft.

Das im Auge zu behalten, wird die WeWo hiermit gebeten + auch darüber zu berichten.

Vermutlich wirft das ein interessantes Schlaglicht auf die 'sachneutrale' deutsche Steuerfandung.

Martin Bott     11.02.10 02:18    

Aber auch deutsche Steuerfahnder dürfen nicht alles. Es kann sehr unangenehm für sie werden, wenn sie ihre Arbeit machen: http://www.totalitaer.de/Psychiatrie/steuerfpsychiater.htm Es gibt Hinweise darauf, daß diese "Sonderbefreiungen" bei dem Staat nützlichen Personen kein Einzelfall sind. Bei Anderen wird dafür dann sehr genau hingesehen. Ich möchte in Deutschland weder Arzt, noch Polizist, noch Lehrer sein. Am liebsten wäre ich gar kein Deutscher...
Martin Bott, www.totalitaer.de

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