Im Getöse um den ehemaligen Armeechef Roland Nef ist eine interessante Facette beinahe untergegangen. Obwohl die Medien teils ausführlich über intime Details des Beziehungsdramas zwischen Nef und seiner ehemaligen Freundin berichteten, hüllten sie den Kern des Konflikts in Schweigen. Nach Darstellung seiner Ex-Freundin hatte Nef eine homoerotische Beziehung zu einem Kameraden. Offensichtlich aber versuchte Nef, seine Homosexualität zu unterdrücken. Dieser Umstand führte zur Eskalation und zu jenen Belästigungen und Schikanen, über die Nef nach Publikwerden der Affäre schliesslich stolperte.
Die auffällige Verschwiegenheit der Medien erstaunt. Sie steht in Kontrast zur offensiven Lust, mit der sonst über Homosexualität in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Als im vergangenen Jahr die «Euro Pride»-Parade in Zürich stattfand, liessen die Behörden regenbogenfarbige Fahnen hissen. Die Stadtpolizei warb mit rosaroten Handschellen. Und selbst in Schulen gehören abweichende sexuelle Orientierungen zum Pflichtstoff.
Geht es um die Armee, scheint die freie bis freizügige Diskussion plötzlich einzufrieren und zu erstarren. Dabei stellen sich durchaus relevante Fragen.
Ist es tatsächlich egal, wenn Vorgesetzte und Generäle schwul sind? Können homosexuelle Heerführer die Truppen ohne Gefährdung ihres Ansehens und ihrer Autorität führen? Oder stellt die Homosexualität in einer naturgemäss tief vermännlichten Organisation nicht ein Problem dar? Kurz: Dürfen Armeechefs schwul sein?
Obama will Schwule in der Armee
In anderen Ländern wird die Debatte seit längerem geführt. US-Präsident Obama hat angekündigt, dass er den Passus aufheben will, wonach Schwule in der Armee zwar dienen, nicht aber über ihre Homosexualität sprechen dürfen («Don’t ask, don’t tell»). «In diesem Jahr werde ich gemeinsam mit dem Kongress und dem Militär erreichen, dass homosexuelle Amerikaner endlich ohne Einschränkung in den Streitkräften dienen können», sagte Obama, womit er ein Versprechen aus dem Wahlkampf aufgriff.
In einer Anhörung vor dem Streitkräfte-Ausschuss des Senates Anfang Februar stellten sich Generalstabschef Admiral Mike Mullen und Verteidigungsminister Robert Gates hinter das Ansinnen. Andere Meinungsmacher, wie der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat und Senator John McCain, sprachen sich dagegen aus. Aber selbst Mullen und Gates machten klar, dass eine allfällige Praxisänderung vorsichtig angegangen werden müsse, um «zusätzlichen Stress» für die Truppen zu vermeiden, die an zwei Fronten im Krieg stünden.
Tapferkeit vor dem Geliebten
Zwar hat es in der Geschichte immer wieder schwule Heerführer gegeben. Alexander der Grosse, der die halbe damals bekannte Welt eroberte und das hellenistische Reich bis weit nach Asien hinein ausdehnte, wurde bei seinen Feldzügen von seinem Geliebten Hephaistion begleitet. In der bisexuellen Kultur der Antike galten Männerfreundschaften im Krieg gar als Vorteil. Dem Geliebten, so die Überzeugung, würde man im Augenblick der Gefahr mit grösster Aufopferung und letztem Heldenmut beistehen.
Der vielleicht berühmteste schwule Feldherr war Prinz Eugen von Savoyen. Er befreite Wien im Jahr 1683 von der Belagerung durch die Osmanen und drängte sie auf den Balkan zurück.
Die Skepsis gegenüber homosexuellen Soldaten und Offizieren ist eine Konstante der Geschichte geblieben. Der famose Prinz Eugen war zuvor in Frankreich abgeblitzt, Ludwig XIV. hatte ihm den Eintritt in seine Armee verweigert. Laut Schätzungen sind in den USA in den letzten siebzehn Jahren – seit die aktuelle Regelung eingeführt wurde – rund 11 000 Soldaten aus dem Militär entlassen worden, weil sie als Schwule geoutet wurden.
Die Grundfragen scheinen nach wie vor diskussionswürdig. Kern des Problems scheint doch zu sein, ob man einen schwulen General ernst nimmt. Verfügt er über die nötige Autorität und militärische Strahlkraft?
Zweifel scheinen nicht gänzlich von der Hand zu weisen zu sein. Die in jüngster Zeit gern verteufelte oder gar verlachte Macho-Kultur gehört zur Armee wie die Gymnastik zu einem Damenturnverein. In der politischen Diskussion warf man Grenadieren und anderen Elitetruppen vor, sie gebärdeten sich als «Rambos». Aber was, bitte, sollten sie denn sonst sein?
In einem hierarchisch strukturierten Männerklub, der auf Gehorsam und Autorität aufbaut, dürfte es kaum verwundern, wenn die Homosexualität eines Vorgesetzten die Truppe irritiert. Man kann die Frage zuspitzen: Würde man im Ernstfall für einen schwulen General das Leben riskieren?
In der Schweizer Armee gilt seit dem ersten Januar letzten Jahres ein Befehl für das sogenannte Diversity-Management. Darunter fällt auch die Gleichbehandlung der Homosexuellen. In den Queer Officers Switzerland, dem «Verein für schwule Offiziere aller Grade der Schweizer Armee», haben die Homosexuellen in Uniform ihre sozusagen betriebsinterne Lobby. Doch nicht einmal sie hat sich bisher zum Fall Nef und zur Problematik eines schwulen Generals geäussert.













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