Stil & Kultur

Der erste Vamp

Von Daniele Muscionico

Weibliches Sinnen- und Seelenleben: Gustav Klimts Jungfraueninsel. Billd: Prestel Verlag

Alle haben sie schon einmal besichtigt, wenn nicht in der Realität, dann in der Fantasie: Gustav Klimts Jungfraueninsel gehört zur «Kunst, die man kennen sollte», wie ein aktueller Buchtitel pädagogisch anmahnt. Doch der Konjunktiv «sollte» ist eine Feigheit vor dem Leser. Klimts Gemälde «Die Jungfrau» (1913) muss man kennen, muss. Und das ist ein kategorischer Imperativ.

Man muss es kennen, vor allem aber: Man muss um die Hintergründe wissen. Sein Personal nämlich, verhüllt vom züchtigen Laken der klimtschen Ornamentik, lag sozusagen am Beginn der ersten sexuellen Revolution. Es gibt die Zeit vor Klimt, als die westeuropäische Gesellschaft weibliche Lust und Begierde in die Kammer wegsperrte, Bram Stoker mit «Dracula» (1897) die letztgültige Angstvision der Lust schrieb, und es gibt die Zeit nach Klimt. Was dieser Künstler für die Sache der Frau – und, natürlich, für die Wiener Moderne – geleistet hat, ist heroisch.

Was heute in jedem Wohnzimmer hängt oder auf Krawatten gedruckt über die Hose gemeiner Taxifahrer, sorgte damals für Skandale. Von Franz Joseph I. ist bekannt, dass er derart an Klimts Motiven Anstoss nahm an jenen der Sezessionisten überhaupt , dass er seinem Fahrer verbot, Gebäude zu passieren, an welchen Klimts Kunst zu sehen war.

Um 1900 wagten nur die wenigsten, darzustellen, was alle fürchteten: die Frau und ihre sexuelle Leidenschaft. Doch dann trat die Moderne ihren Siegeszug an, und der fundamentale soziale Wandel gab der Frau eine neue Position in Gesellschaft, Kultur und Ideologie. In Wien war es das Grossbürgertum, die sogenannte Ringstrassengesellschaft, das mit seinem Einfluss auf die Kunst die entscheidenden modernen Impulse gab. Als Mäzene und als Käufer. Klimts Auftraggeber waren Industrielle, Financiers und andere Mitglieder der liberalen Gesellschaft. Ferdinand Bloch-Bauer zum Beispiel, er dominierte die österreichische Zuckerindustrie, Klimt porträtierte eine Ikone , seine Gattin Adele (1907), die Tochter des Generaldirektors des Wiener Bankvereins. Ihn interessierten die schönen Damen aus der Wiener Oberschicht, aber genauso die welke, verwitterte Weiblichkeit. In interessierte das weibliche Sinnen- und Seelenleben.

Klimt malte, worüber öffentlich kein Reden war. Es sei denn mit schlechtem Gewissen, abgemildert von einem gewissen Doktor Freud. Gustav Klimt, das ist die Geburt der Venus als Vamp.

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