Ein herzliches Willkommen den deutschen Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz. Mehrere hundert wandern jährlich ein – allein im Jahre 2008 waren es 842. Jeder fünfte Arzt in der Schweiz hat ein ausländisches Ärztediplom. Den grössten Anteil, nämlich 56 Prozent, stellen die Ärzte aus Deutschland. Und die meisten der Immigranten aus dem Norden sind im besten Alter: zwischen 25 und 34 Jahre alt. Was konkret bedeutet: Sie haben zumindest einen Teil der teuren Ausbildung bereits hinter sich, wenn sie sich hier niederlassen. Das wiederum ist ein Nettogewinn für die Eidgenossenschaft, wie der Bundesrat ausgerechnet hat. Denn müssten die immi-grierten, im stationären Sektor beschäftigten Mediziner in der Schweiz ausgebildet werden, beliefe sich der finanzielle Aufwand für die reine Ausbildung auf rund eine Milliarde Franken. Bezieht man auch die Forschungskosten mit ein, erhöht sich der Betrag auf rund 1,9 Milliarden Franken. Mit anderen Worten: Der deutsche Staat subventioniert das schweizerische Gesundheitswesen.
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Was die Schweiz gewinnt, verliert Deutschland. Zumal die Ärzte in guter Gesellschaft sind: Junge Ingenieure, Wissenschaftler, Facharbeiter, Handwerker und ehrgeizige Angestellte wandern massenweise aus. Im Gegensatz zu den deutschen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts verlassen nicht Analphabeten, Bauern oder verzweifelte Arbeiter das Land. Es sind die Besten und Jüngsten, die genug von Deutschland haben und gehen. «Wir erleben keine Elendsflucht, sondern einen Exodus des gebildeten Mittelstands», fasste kürzlich der künftige Focus-Chefre- daktor Wolfram Weimer im Handelsblatt das Phänomen des neuen Braindrains zusammen.
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Der Auszug der Qualifizierten ist für den deutschen Staat ein Verlustgeschäft. Es komme zu einer «Umverteilung zugunsten der Zielländer», schreibt das Ifo-Institut. Und sie fällt nicht zu knapp aus. Verlässt zum Beispiel eine Ärztin Deutschland, verliert der Fiskus rund eine Million Euro. Kehrt ein Facharbeiter seinem Land den Rücken, entgehen dem deutschen Staat mindestens 280 000 Euro.
Die Deutschen kommen – und damit bestens qualifizierte Zeitgenossen. Mehr als die Hälfte der Deutschen in der Schweiz hat einen Hochschulabschluss. Der Prozentsatz der Deutschen mit einer niedrigen Qualifikation ist relativ gering. Sie bedrängen Schweizer, die sich auf dem Arbeitsmarkt bisher kaum mit ausländischer Konkurrenz auseinandersetzen mussten. Die jährliche Einwanderung aus Deutschland hat sich seit dem Inkrafttreten des Freizügigkeitsabkommens mit der EU fast verdreifacht. Sie stieg von 14 100 (2001) auf 40 900 (2007), ging dann allerdings im vergangenen Jahr auf 17 000 zurück. Letztes Jahr arbeiteten hier insgesamt 147 000 Deutsche. Nach den Italienern bilden sie die zweitgrösste Ausländergruppe. Deutsche in Führungspositionen in Schweizer Firmen sind längst keine Ausnahme mehr. Zum Beispiel im Medienbereich: Die Annabelle wird von einer Deutschen geleitet, die Bilanz hat ebenso wie der Blick einen Chefredakteur aus dem nördlichen Nachbarland, bei Ringier haben demnächst drei Viertel der Geschäftsleitung einen deutschen Pass. Im Online-Bereich sind die Deutschen den Schweizern weit voraus und besser ausgebildet als Schweizer Berufskollegen. «Deutsche Medienschaffende sind kompetitiver und für härtere Zeiten besser gewappnet», sagt Hans Hofmann, Headhunter im Medienbereich.
«Die ungewohnte Konkurrenz aus Deutschland macht den Schweizern Angst», sagt der Personalberater Matthias Mölleney, der früher Personalchef bei Swissair war: «Anders als früher viele ungelernte Arbeiter aus den südlichen Nachbarländern sind die Deutschen den Schweizern mindestens ebenbürtig. Und dann ist der Deutsche plötzlich Chef.» Bereits sitzen 24 000 Deutsche in der Unternehmensleitung von Schweizer Firmen, 41 000 sind in Vorgesetztenfunktion.
Die Deutschen gehen aber auch in jene Branchen, die hierzulande unbeliebt sind. So gibt es bei den Metallbauschlossern sehr viele offene Stellen, wo sich Deutsche bewerben, weil sich kaum ein Schweizer dafür interessiert. Auch Kellner gehört nicht zu den Traumberufen junger Schulabsolventen. «Wir stellen Deutsche ein, weil wir keine Schweizer finden», sagt der Chef eines grossen Hotels in Bern. «Ohne deutsche Mitarbeitende könnten wir unser Hotelresort nicht weiterführen», meint auch Christoph Schlosser vom «Waldhaus Flims, Mountain Resort & Spa». Von den 220 Angestellten, die er auf der Lohnliste hat, sind mehr als 30 Prozent aus Deutschland. Im «Radisson Blu Hotel», Zürich Airport, beträgt die «Deutschenquote» gar sechzig Prozent.
Die Auswanderer sind in der Regel die «Leistungsfähigsten, die Flinken, jene, die sich das zutrauen», sagt Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger. «Deshalb kann man nicht sagen, die Deutschen seien generell besser.»
Im internationalen Vergleich sind Schweizer Arbeiter nicht sonderlich produktiv. «Sie machen den Rückstand aber wett, indem sie mehr arbeiten. Schweizer Beschäftigte bringen es auf 959 Stunden pro Jahr, die Deutschen in ihrer Heimat bloss auf 687 Stunden», sagt Boris Zürcher, Leiter Wirtschaftspolitik von Avenir Suisse.
Die Deutschen sind indessen flexibler, weniger bequem als der Durchschnittsschweizer. «Wir können uns das leisten», meint Eichenberger, «wir sind nicht in einer Auswanderungssituation.» Das hat Konsequenzen – zum Beispiel bei den Ärzten. In peripheren Lagen sind die Chancen gering, ausgeschriebene Stellen mit Schweizer Ärzten zu besetzen.
Als Torsten Berghändler für seine Rehabilitationsklinik im appenzellischen Gais Anfang Jahr einen Kollegen suchte, meldeten sich eine russische und zwei deutsche Ärztinnen – «aber keine gebürtigen Schweizer». Grund: «Wir haben mit der Randlage von Gais zu kämpfen», meint Berghändler. Den Schweizern ist das zu abgelegen. So schreiben viele Schweizer Kliniken Stellen bewusst auch in deutschen Ärzteblättern aus, weil sie wissen: Dort werden wir fündig.
Denn in der Schweiz werden (aus gesundheitsökonomischen Gründen) zu wenig Mediziner und Pflegepersonal ausgebildet. In den Jahren 2006 bis 2008 fehlten hierzulande 1170 Ärzte pro Jahr, heisst es bei H+, der Vereinigung der Spitäler in der Schweiz. Sie vermutet, dass es rund doppelt so viele Ärzte braucht, wie die Schweiz in den vergangenen Jahren ausgebildet hat. Weil es zu wenig Studienplätze gibt, sei man auf den Import von Medizinern angewiesen, meint ein Gesundheitspolitiker. Kommt hinzu, dass Schweizer Studenten wählerisch sind, auch in der Medizin. Die Psychiatrie lockt sie kaum, weil die Verdienstaussichten tiefer sind als in anderen Disziplinen. Ein Augenarzt mit eigener Praxis kann im Jahr 330 000 Franken verdienen, ein Psychiater lediglich 132 000 Franken. Weniger als fünf Prozent der künftigen Mediziner entscheiden sich deshalb für die Psychiatrie, weil die Ausbildung nicht nur lange dauert, sondern auch teuer ist.
Wegen der Präferenz für ein behagliches Dasein machen Schweizer Studenten ebenfalls einen grossen Bogen um die «anstrengenden» Disziplinen Herzchirurgie und Neurologie. «Die jungen Leute überlegen sich heute: ‹Wie bringe ich den Beruf mit einer Familie in Einklang, wie kann ich mal eine Praxis eröffnen?›», sagte bereits vor fünf Jahren Hans-Reinhard Zerkowski, der leitende Herzchirurg am Universitätsspital Basel, in der Weltwoche. Da falle der Entscheid nicht zugunsten einer Chirurgenkarriere aus, wo die Arbeitszeiten lang seien und man auch mitten in der Nacht operieren müsse. Dass der aus Deutschland stammende Zerkowski, der im April 1999 die erste Herztransplantation in Basel leitete, als Nachfolger einen Landsmann einführen durfte, versteht sich da schon fast von selbst.

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