Wer einen Wilhelm Tell als politischen Gründungsmythos hat, braucht sich um sein politisches Selbstbewusstsein keine Sorgen zu machen – nicht mit Blick auf das republikanische Erfordernis, sich immer wieder aufs Neue seiner politischen Identität zu vergewissern, aber auch nicht bezüglich eines Appells an die Intellektuellen, den Gründungsmythos kritisch zu befragen, ob er noch zeitgemäss sei. «Zeitgemäss» heisst im Fall politischer Mythen, dass sie Antworten geben auf die Fragen der Gegenwart. Sicherlich nicht auf alle Fragen, aber doch auf die nach Identität und Zukunft des politischen Gemeinwesens.
Die Deutschen haben es ungleich schwerer als die Schweizer: Fast alle historischen und literarischen Gestalten, die sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwecks gründungsmythischer Selbstvergewisserung ausgesucht hatten, sind in der Nazizeit missbraucht worden und nicht mehr anschlussfähig: Barbarossa, der tief im Berg schlafende Kaiser, der wiederkommen werde, um das Reich zu erneuern und einen dauerhaften Frieden zu stiften, wurde zum «Unternehmen Barbarossa», dem Überfall auf die Sowjetunion. Mit Barbarossa ist auch die Idee des Reichs als einer die europäischen Nationen übergreifenden Ordnungsidee untergegangen.
Noch schlimmer erging es dem Nibelungenmythos, der sich auf das im 18. Jahrhundert in Hohenems wiederentdeckte Nibelungenlied stützt, das von der entstehenden Universitätsdisziplin der Germanistik zum deutschen Nationalepos erklärt worden war. Es sollte im Befreiungskrieg gegen Napoleon intellektuelle Schützenhilfe leisten. Nach den erfolgreichen Einigungskriegen wurde das preussisch-deutsche Heer dann als «Siegfried» gefeiert, weswegen es für konservative und rechte Kreise naheliegend war, die Niederlage von 1918 auf einen «Dolchstoss» in den Rücken des «im Felde unbesiegten» Heeres zurückzuführen. 1943 schliesslich verglich Göring den Kampf der in Stalingrad eingekesselten 6. Armee mit dem letzten Kampf der Burgunden in Etzels Halle. Mit der orientierungsmythischen Anrufung der Nibelungen und der Nibelungentreue hatten die Deutschen kein Glück. Dass dieser mythische Fluch sich 1945 erledigte, hat ihnen und ganz Europa genutzt.
Auch mit dem Cheruskerfürsten Arminius, seit der Reformation als Hermann bezeichnet, lässt sich gründungsmythisch kein Staat mehr machen. Zwar ist Hermann/Arminius vor allem eine Gestalt antiimperialen Widerstands und darin durchaus dem Tell vergleichbar, aber ein Land wie die Bundesrepublik, das fest in Nato und EU verankert ist, kann mit solchen partisanischen Rebellen, die für kleinräumige Freiheiten streiten, politisch wenig anfangen. Allenfalls Faust, die vierte gründungsmythische Figur der Deutschen, ist heute noch politisch anschlussfähig, freilich weniger als weltumstürzender Forscher und Gelehrter, der auch vor dem Teufelspakt nicht zurückschreckt, sondern mehr als ein an seiner Umtriebigkeit Gescheiterter, der nur noch durch «das Weib» zu retten ist. Aber daraus können weder Stolz noch Selbstbewusstsein bezogen werden.
Feindselige Wilde
Die Franzosen haben es mit ihren Gründungsmythen leichter: Die grosse Revolution von 1789 lässt sich nach wie vor politisch feiern, und ihr früherer Gegensatz zum Königsmythos der Merowinger, dem Übertritt Chlodwigs zum Christentum, dem heiligen Öl in der Kathedrale von Orléans und der kämpferischen Jeanne d’Arc hat sich aufgelöst. Die revolutionären Königsmörder und die Erinnerung an die monarchische Tradition sind eine mythische Liaison eingegangen, nachdem sie bis ins 20. Jahrhundert hinein potenzielle Bürgerkriegspositionen der französischen Gesellschaft markiert hatten. Die Niederlage von 1940 und die Résistance gegen die deutschen Besatzer haben schliesslich zur mythenpolitischen Versöhnung der Franzosen geführt. Im Unterschied dazu haben die Deutschen ihre politischen Mythen in einer aggressiven Wendung nach aussen verbraucht und verbrannt. Ähnliches liess sich zuletzt auf dem Balkan beobachten, als den Serben die Orientierung am Amselfeldmythos zum Verhängnis wurde und dazu führte, dass sie schliesslich jene Gebiete verloren, die im Mythos als serbisches Herzland beschworen wurden.
Einen dritten Typ gründungs- und orientierungsmythischen Wissens stellen die Vereinigten Staaten von Amerika dar. Hier verbinden sich alttestamentarische Motive mit modernen Freiheitsversprechen, aus denen ein politisches Sendungsbewusstsein mit Anspruch auf weltgeschichtliche Vorbildfunktion erwachsen kann. Zu den politischen Mythen der USA gehört die Vorstellung vom wiedergefundenen Garten Eden, vom auserwählten Volk, vom Auszug aus Ägypten, der Wanderung in der Wüste und schliesslich der Ankunft im Gelobten Land, ebenso aber auch die Idee des permanenten Kampfes gegen eine feindliche Natur und feindselige Wilde, wie sie sich im Frontiermythos findet. Als John F. Kennedy das Apollo-Projekt verkündete, mit dem er den Wettlauf zum Mond gegen die Sowjetunion gewinnen wollte, griff er auf den Frontiermythos zurück: Der Mythos wurde zur Versicherung, dass die Amerikaner gewinnen würden, weil sie es schon einmal geschafft hatten.
Politische Mythen stellen Verbindungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit her, die sie als sinnhaft und bedeutsam auszeichnen. Dabei vereinfachen sie die Geschichte eines politischen Gemeinwesens auf klare Entwicklungslinien. Im Unterschied zu den detailgetreuen Historikern spüren die Mythopoeten nicht jedem Seitenweg nach, sondern reduzieren die Komplexität der Ereignisse auf eine gut erkennbare Bahn. Es geht ihnen nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Politische Mythen verlängern Entwicklungspfade aus der Vergangenheit in die Zukunft, und sie nobilitieren diese dabei fast immer als «Sonderwege». Sie betreiben nicht Vergangenheitssicherung, sondern Zukunftsvergewisserung. Aber genau dafür brauchen sie die Vergangenheit: Im politischen Mythos avanciert sie zum Garanten der Zukunft.
Dabei erzählen Mythen den Verdacht weg, alles hätte auch anders kommen können und der Fortbestand des Gemeinwesens sei reiner Zufall. Solche Kontingenzvermutungen sind eine Bedrohung der politischen Identität. Wenn alles nur Zufall ist – worauf kann ich mich dann verlassen, wofür soll ich mich engagieren, woraus soll ich meine Zuversicht gewinnen? Der vergleichende Blick auf die politischen Mythen zeigt, dass sie kein ungefährliches Spielzeug für Politiker und Intellektuelle sind, sondern ihnen stets das Risiko gesellschaftlicher Spaltung oder politischer Arroganz eingeschrieben ist. Aus einer politisch stabilisierenden Selbstvergewisserung können sie zum Fluch werden, wie dies bei der zeitweiligen Selbstidentifikation der Deutschen mit den Nibelungen zu beobachten ist. Oder sie werden zum Treibsatz imperialer Selbstüberforderung, wie zuletzt bei der Bush-Administration in den USA. Aus politischen Mythen bezogene Selbstgewissheit kann blind machen: Weil man sich seiner selbst zu sicher ist, übersieht man die zahlreichen Warnzeichen und Stoppschilder, die jedem Betrachter nach der Katastrophe sogleich ins Auge stechen.
Umkämpfte Mythen
Und dennoch können politische Grossorganisationen mythischer Erzählungen nicht entbehren. Bloss aus akademischen Abhandlungen lässt sich, zumal in Krisenzeiten, nicht jenes Selbstvertrauen gewinnen, das erforderlich ist, um die übergross erscheinenden Aufgaben zu lösen und die gewaltigen Herausforderungen zu bewältigen. Wenn unter Zeitdruck folgenreiche Entscheidungen zu treffen sind, ohne dass man sich lange beraten kann, dann schaffen Mythen Orientierung und Gewissheit. Dabei können sie auch in die Irre führen, aber davor ist auch eine noch so gründliche Beratung nicht gefeit. Und schliesslich sorgen politische Grossmythen auch dafür, dass die vielen Zögerlichen und Zaudernden sich in Bewegung setzen und folgen.
Politische Mythen bieten ein System für die Bewirtschaftung des kollektiven Gefühlshaushalts an. Sie mobilisieren und steuern Emotionen. Politische Mythen können Stolz, aber auch Scham hervorrufen, indem sie an das erinnern, was uns hochaufgerichtet daherschreiten lässt, aber auch an manches, was eher unangenehm und peinlich ist oder gar die Schamesröte ins Gesicht treibt. Dementsprechend sind solche Mythen politisch umkämpft. Wer über die politischen Mythen verfügt, gibt an, in welche Richtung sich das Gemeinwesen zu bewegen hat. Deswegen sind solche Grosserzählungen ein ständiger Streitpunkt zwischen Politikern und Intellektuellen. Dieser Streit wiederum schützt Mythen davor, zum Dogma zu erstarren. Genau das war in den sozialistischen Ländern der Fall, und deswegen konnten diese, als sie Ende der 1980er Jahre in eine politisch-ökonomische Krise gerieten, aus ihren Gründungs- und Orientierungsmythen nicht die Kraft schöpfen, einen sozialistischen Neuanfang zu wagen. Aber alle Gemeinwesen bedürfen der gelegentlichen Revitalisierung, und dafür sind politische Mythen unverzichtbar. Wer glaubt, solche Verjüngungen allein in rational-argumentativer Erörterung bewältigen zu können, übersieht, dass die Beratung, die zum gemeinsamen Beschluss mit selbstverpflichtendem Schwur führt, selbst ein politischer Mythos ist.
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