Er war das Gespött des Publikums und jener, die wissen, was gute Kunst sei – die ästhetische Antwort nämlich auf eine unästhetische Frage. Er war das Ziel des Spotts der Menge. Doch weinen wir nicht um den Verhöhnten. Weinen wir nicht um Henri Rousseau. Man darf sich den Künstler als glücklichen Menschen vorstellen. Denn er lebte in der besten aller Welten, er hauste in seiner Fantasie. Und vieles, was man sich heute von ihm erzählt zum Anlass seines 100. Todestags, ist falsch.
Erzählen wir hier also nur das Richtige. Oder das, was wir gerne für richtig halten, wenn wir den Maler der magischen Wachträume ehren. Zum Beispiel das folgende Aperçu: Henri Rousseau (1844–1910), der Autodidakt, erlebte und empfand seine Traumwelten voller Schönheit und Ruhm derart eng an der Grenze zur Wirklichkeit, dass er eines Tages davon überzeugt war, der Präsident der Republik hätte ihn zu einer Soiree geladen! Also machte sich der vermeintliche Gast auf, um dem Empfang Folge zu leisten, und stellte fest, dass seine fixe Idee vielleicht doch so wahr nicht sei. Denn bereits an der Pforte des Hôtel de Ville wurde er abgewiesen, er, ein Mensch ohne Namen.
Rousseau, der Erfolglose? Auch ein Gerücht, das mindestens so hartnäckig wie falsch ist. Es war ein Dichter, der Rousseaus Bedeutung als Erster entdeckte, Guillaume Apollinaire, dann Künstler wie Picasso, Léger, Delaunay und Kandinsky. Und spätestens seit dem Erscheinen des Almanachs «Der Blaue Reiter» 1912, in dem sieben Gemälde von Rousseau reproduziert wurden, gelten seine Werke der modernen Primitiven als wichtiger Bestandteil der Kunst der Moderne. Freilich, da war Rousseau bereits seit zwei Jahren tot.
Doch was war es, was seine Zeitgenossen an ihm so irritierte? Dass er nicht malte, was die Akademie lehrte, sondern das, was seine Träume ihn begreifen liessen? Dass er nicht zeigte, was alle sahen, sondern das, was nur er sah? Dass er den Urwald festhielt, obwohl vor seinem Schreibwarengeschäft das graue Paris wuchs? Dass er das Paradies mit Menschen im Naturzustand belebte, mit Affen? Dass Rousseau die Fantasie aus der Materie befreite und den platten Alltag als schiefe Ebene wahrnahm?
Es gibt Werke, die warten lange und bleiben lange unverstanden. Das ist Kunst, die Antworten hat auf Fragen, die man sich erst viel später stellt.

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