Als die Weltwoche dem Phänomen Facebook Anfang 2009 erstmals eine Titelgeschichte widmete, hatte das Social Network aus dem amerikanischen Silicon Valley gerade eben die Grenze von einer Million Schweizer Benutzern geknackt. Heute, genau ein Jahr später, hat sich diese Zahl nahezu verdoppelt: 1,8 Millionen Schweizerinnen und Schweizer haben sich in den letzten dreissig Tagen mindestens einmal bei Facebook eingeloggt, und trotz langsamerem Wachstum kommen nach wie vor jeden Monat 40 000 neue hinzu. Das bedeutet, dass vier von zehn in der Schweiz wohnhaften Personen zwischen 14 und 49 Jahren ein Facebook-Profil haben, bei den 15- bis 30-Jährigen sind es gar sieben von zehn Personen. 25 Minuten, fast so viel wie für Zeitungen und Zeitschriften, beträgt die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer.
Stagnation ab 2011
Ihn fasziniere, wie Facebook als «neues Lagerfeuer» mittlerweile bei sämtlichen Generationen Anklang finde, sagt der Social-Media-Experte Marcel Bernet, der die Facebook-Statistiken gemeinsam mit dem Online-Dienstleister Serranetga ausgewertet hat. So machen die über 30-Jährigen unterdessen 40 Prozent der Schweizer Facebook-Bevölkerung aus. Zudem ist das Wachstum in dieser Altersgruppe am stärksten. Bis Ende 2010 prognostiziert Bernet einen Zuwachs auf 2,2 Millionen Benutzer, mit einem leichten Rückgang ab 2011.
Billag: Abschaffen via Facebook-Gruppe
Doch Facebook beeindruckt nicht nur durch schiere Zahlen: Für Aufsehen sorgen auch regelmässig Gerüchte, Moden und mehr oder minder ernst gemeinte Facebook-Erweiterungen (sogenannte Anwendungen), die sich unter den Benutzern mit der Geschwindigkeit und Aggressivität von Schweinegrippe-Viren ausbreiten. So gründeten enttäuschte Gegner der Minarett-Initiative unverzüglich nach deren Annahme die Facebook-Gruppe «Ich schäme mich für das Resultat der Minarett-Initiative!». Am Morgen nach dem Abstimmungssonntag waren der Gruppe bereits über 30 000 Personen beigetreten. Allerdings hatten die Initiativbefürworter eine Gegengruppe gebildet – «Ich schäme mich nicht für das Resultat der Minarett-Initiative!» – und lieferten dem Original eine fulminante Aufholjagd. Heute liegen die Zahlen bei 83 000 respektive 67 000 Mitgliedern.
Dieses Mobilisierungspotenzial von Facebook demonstrierten auch die politischen Laien Francisca Brechbühler und Michael Caviglia, die mit ihrer «Bye Bye Billag»-Gruppe zur Vereinfachung und Reduktion der Pro-Kopf-Gebühren für Radio und TV innert Kürze 40 000 Unterstützer gewannen. Unterdessen ist eine Volksinitiative in Arbeit, der Preisüberwacher hat sich öffentlich Gedanken über eine Abschaffung der Inkassostelle Billag gemacht, und selbst Bundesrat Leuenberger will weitreichende Änderungen am Gebührensystem vorantreiben.
Aber auch ohne politische oder kommerzielle Animatoren wissen die Benutzer sich zu beschäftigen: Gemäss Facebook schreiben die weltweit über 350 Millionen aktiven User jeden Tag 55 Millionen Statusnachrichten, laden monatlich 2,5 Mil- liarden Fotos hoch und «teilen» jede Woche 3,5 Milliarden Links und andere Inhaltsschnipsel. Kein Wunder, wenn da so mancher vor lauter Networking die Übersicht verliert, die Zeit vergisst und so die persönliche Produktivität leidet. Zahlreiche Schweizer Grossunternehmen, darunter die Mehrzahl der Banken, viele Versicherungen sowie die Post und die SBB, haben deshalb schon kurz nach der ersten Facebook-Welle den Dienst für ihre Mitarbeiter gesperrt.
Kein Facebook für Beamte
Solche Beschränkungen waren hingegen den meisten Schweizer Beamten bis vor kurzem fremd. Zwar ist auch in Verwaltungen der private Gebrauch des Internets nur beschränkt erlaubt, der Zugang zu Facebook und anderen sozialen Netzwerken wie Tilllate, Twitter und Netlog blieb aber meist offen. Davon machten die Staatsdiener rege Gebrauch: Mitte 2009 war der Datenverkehr in vielen Ämtern derart angeschwollen, dass die Verantwortlichen offenbar vor der Wahl standen, entweder die interne Netzwerk-Infrastruktur auszubauen oder aber die betroffenen Seiten zu sperren. Die Bundesverwaltung sowie die Stadtverwaltungen von Zürich und Bern entschieden sich für Letzteres.
Trotz teilweisem Murren zu Beginn scheinen die Mitarbeiter sich mit der Situation abgefunden zu haben: «Nach drei Wochen gab es praktisch keine Reaktionen mehr, und die Facebook-Sperrung war unter den Mitarbeitenden generell auch kein Thema mehr», lässt das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation ausrichten, und Daniel Heinzmann, Direktor der Informatikdienste der Stadt Zürich, schreibt gar von «positiven Rückmeldungen und Verständnis für diese Massnahme» seitens der Mitarbeiter.

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