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27.01.2010, Ausgabe 04/10

Indonesien

Marsch durch die Institutionen

Lange Zeit galt Indonesien als Musterbeispiel für religiöse Toleranz in einem islamischen Land. Jetzt baut der politische Islam seinen Einfluss aus. Christliche Feste werden verboten. Das Banken- und das Gesundheitssystem wird schleichend nach Glaubensgrundsätzen ausgerichtet.

Von Klemens Ludwig

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Salatiga im Herzen von Java wirkt wie ein Symbol für die gesamte Insel, in deren Tradition Harmonie und Ausgleich eine wichtige Rolle spielen. Der knapp 200 000 Einwohner zählende Ort liegt am Fusse des Mount Merbabu, eines erloschenen Vulkans von stattlichen 3142 Metern Höhe, das Klima ist moderat, die Umgebung ist landschaftlich geprägt von Reisfeldern. Schmale, aber recht tiefe Flussbetten zerteilen die Landschaft. Um die Häuser herum werden Bambus, Mais und Bananen angebaut. Das fruchtbare Land kann die Menschen ernähren, die asiatische Gelassenheit ausstrahlen.

Salatiga ist auch ein Zentrum der Christen in dem mehrheitlich islamischen Indonesien. Ein grosser Komplex mit Kirche, Schule, Büroräumen und einer Druckerei befindet sich direkt im Stadtkern. Gut ein Drittel der Bewohner von Salatiga sind Christen, und ihr Einfluss ist gross; der Bürgermeister, John Manoppo, gehört zu ihnen.

Die Mitternachtsmesse zu Weihnachten ist der liturgische Höhepunkt des Jahres, der auch viele Menschen aus der Umgebung anzieht. Bis vor kurzem wurde sie in aller Öffentlichkeit vor dem Rathaus gefeiert. So viel Demonstration christlicher Präsenz ist heute jedoch nicht mehr erlaubt, während die Muslime ihre Feste weiterhin öffentlich feiern.

Die Einschränkung wirkt wie ein symbolträchtiger Schritt in eine unheilvolle Richtung. Lange Zeit galt Indonesien als Beispiel für religiöse Toleranz und Vielfalt in einem islamischen Land. Etwa 83 Prozent der 240 Millionen Einwohner bekennen sich zum Glauben des Propheten, doch allen Versuchen, aus Indonesien einen islamischen Staat zu machen, wurde bereits mit der Gründung 1945 ein Riegel vorgeschoben.

Stattdessen schreibt die Staatsideologie Pancasila zwar den Glauben an einen Gott vor, doch wie er genannt wird, spielt keine Rolle. Selbst die gewiss nicht monotheistischen Hindus auf Bali profitieren davon. So gibt es vieles, was in mehrheitlich islamischen Ländern kaum vorstellbar ist: Glaubenswechsel in jede Richtung, Bau von Gotteshäusern aller Art, keine Kleidervorschriften, keine Scharia.

Kopftuchzwang für Beamtinnen

Der 47-jährige Pastor von Salatiga Petrus Soegito ist ein Beispiel für diese Toleranz. Es stammt aus einer islamischen Familie, doch mit achtzehn Jahren konvertierte er zum Protestantismus und studierte Theologie. Das freundschaftliche Verhältnis zu seiner Familie erfuhr dadurch keinen Abbruch. «Meine Eltern haben meinen Weg immer respektiert, sie waren sogar bei meiner Amtseinführung als Pastor und meiner Hochzeit dabei. Bis heute feiern wir unsere religiösen Feste miteinander», erklärt er stolz.

Die Symbiose mit der alten Tradition hat den Islam auf Java so offen und tolerant gemacht, doch genau das ist islamischen Fundamentalisten ein Dorn im Auge. Schon seit Jahren versucht der Rat der indonesischen Religionsgelehrten, MUI, die in der Verfassung verankerte Religionsfreiheit auszuhebeln. 2005 erklärte er in einer Fatwa – einem islamischen Rechtsgutachten – Pluralismus, Säkularismus und Liberalismus für unvereinbar mit dem Islam. Es gibt nur ein Problem für den Rat: Seine Anordnungen haben keine gesetzliche oder juristische Relevanz.

In der Parlamentswahl vom April 2009 sahen die radikalislamischen Gruppen eine grosse Chance. Ihr politischer Arm, die sogenannte Gerechtigkeits- und Wohlfahrtspartei, PKS, erhoffte sich einen Stimmenanteil von 20 Prozent. Die PKS strebt einen islamischen Staat nach arabischem Vorbild an. Das Ergebnis war ernüchternd, am Ende kam sie auf 7,9 Prozent. Drei gemässigte islamische Parteien erhielten zusammen etwa 16 Prozent, so dass der islamische Block knapp ein Viertel der Stimmen an sich binden konnte, deutlich weniger als bei der Wahl zuvor, als sie gemeinsam auf 37 Prozent gekommen waren.

Das Wahlergebnis war nur vordergründig ein Rückschlag für die Islamisierung. Die Koalitionsverhandlungen machten deutlich, wie erfolgreich der politische Islam agiert. Um nicht auf die heillos zerstrittenen ehemaligen Eliten angewiesen zu sein, nahm der populäre Präsident Susilo Bambang Yudhoyono die islamischen Parteien in seine Koalitionsregierung auf. Zwar erhielt die PKS nicht das ersehnte Bildungsministerium, aber mit den Ministerien für Kommunikation und Informationstechnologie besetzt sie Schlüsselpositionen, die es ihr ermöglichen, die Islamisierung der Medien voranzutreiben.

Insgesamt stellen die islamischen Parteien fast die Hälfte des Kabinetts, u. a. den Religions- und den Justizminister. Letzterer hat bereits erklärt, dass er keinen Widerspruch zwischen der Scharia und der indonesischen Verfassung sieht. Der parteilose Innenminister Gamawan Fauzi, hat zuvor als Gouverneur von Westsumatra zahlreiche Gesetze im Sinne der PKS durchgesetzt, etwa den Kopftuchzwang für alle Beamtinnen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.

Die Methoden des politischen Islam sind subtil, zumal der Präsident selbst dessen Ziele ablehnt. Die PKS distanziert sich von den militanten Gruppen wie der Jemaah Islamiah, die zuletzt im Juli 2009 durch Anschläge auf zwei Luxushotels in Jakarta auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Doch in Mojoranu, nicht weit entfernt von Salatiga, mussten die Christen erleben, wie sich die Bedingungen verändern. Als sie dort eine Kirche bauten, erhielten sie die Auflage, mindestens 200 Meter Abstand von der nächsten Moschee einzuhalten. Das war kein Hindernis, doch im Laufe der Jahre wurde in unmittelbarer Nähe eine Moschee errichtet. Christen und Muslime harmonierten miteinander, so dass sich die Kirchengemeinde nichts Böses dachte, als sie die Kirche abriss, um eine grössere zu bauen. Das jedoch verboten die Behörden mit der Begründung, in nur fünfzig Meter Entfernung befinde sich eine Moschee. Bis heute muss die Gemeinde von Mojoranu ohne Kirche auskommen.

Auch der Wechsel der Religion ist nicht mehr so einfach wie zu den Zeiten von Petrus Soegito. Während der Übertritt zum Islam mit einem zehnminütigen Akt besiegelt ist, dauert es Monate, bis der Staat die Abkehr vom Islam anerkennt. Zudem werden das Banken- und das Gesundheitssystem immer mehr auf islamische Prinzipien ausgerichtet und nichtislamische Persönlichkeiten systematisch aus Führungspositionen hinausgedrängt; Bürgermeister John Manoppo in Salatiga ist eine grosse Ausnahme und wird genau beobachtet.

Die PKS denkt langfristig und investiert viel in die Erziehung. Allein auf Java gibt es etwa 14 000 Pesantren, islamische Internate, die immer mehr unter denEinfluss des arabischen Raumes geraten, weil von dort viel Geld fliesst. Andererseits schreibt sich eine wachsende Zahl indonesischer Studenten an arabischen Universitäten ein; Medina und Kairo liegen im Trend.

Vielfalt und Zwang

Der Kapuziner-Pater Benitius Brevoort nimmt die Entwicklung gelassen. Der bärtige, agile 71-Jährige mit dem Flair eines Urchristen lebt im Komplex des Bischofs von Medan, einem schmucken, grünen Kleinod in der lauten, hässlichen Metropole Sumatras. Der Pater hat bis auf eine achtzehnjährige Epoche in der Kapuziner-Zentrale im Vatikan den grössten Teil seines Lebens auf Sumatra verbracht. Er ist für den christlich-islamischen Dialog zuständig und fürchtet keine islamische Dominanz: «Die Wahlergebnisse haben deutlich gezeigt, dass eine klare Mehrheit der Bevölkerung einen islamischen Staat mit islamischer Gesetzgebung ablehnt. Das muss auch die PKS zur Kenntnis nehmen.»

In der Tat ist der Pluralismus in Medan, wo die Christen etwa die Hälfte der Bevölkerung stellen, lebendiger als auf Java. Am Stadtrand hat die katholische Universität ihren Sitz, an der mehr als 5000 junge Männer und Frauen studieren. Auf dem Gelände der Universität befindet sich auch die Katholische Druckerei, die der Kapuziner Benyamin A. C. Purba leitet. Von Bibeln über Gesangsbücher bis hin zum Katechismus und zu Heiligenlegenden kann alles gedruckt werden. Nicht weit davon entfernt erwartet den Besucher eine Mischung aus Hindutempel und Lourdes. Der aus Indien stammende Jesuit James Bharataputra hat in den Aussenbezirken von Medan eine Marien-Wallfahrtsstätte errichtet.

Architektonisch ist sie im asiatischen Stil konstruiert, erinnert äusserlich aber wenig an die christliche Tradition. Ein grosses Gemälde des letzten Abendmahls zeigt Jesus mit seinen Jüngern auf dem Boden sitzend. «Jesus stammt aus dem Orient, da ist es üblich, auf dem Boden zu speisen. Wir können davon ausgehen, dass es beim letzten Abendmahl nicht anders war», erläutert Bharataputra selbstbewusst seine Interpretation. Es gibt aber auch vertrautere Symbole, etwa eine wundersame Quelle. Die grosse Madonna im Anbetungsraum könnte ebenfalls in einer europäischen Kirche stehen.

Buddhisten in Bedrängnis

Nur wenige hundert Kilometer weiter nördlich zeigt sich ein ganz anderes Bild. In der halbautonomen Provinz Banda Aceh hat das Regionalparlament die Scharia im September 2009 eingeführt. Dazu gehören die Steinigung für Ehebruch und Stockhiebe oder Gefängnis für ausserehelichen und gleichgeschlechtlichen Sex. Die Entscheidung ist allerdings umstritten, denn der Gouverneur, Irwandi Yusuf, lehnt die Massnahmen ab.

Auch die anderen nichtislamischen Religionsgemeinschaften kämpfen um ihre Freiräume. Während die Buddhisten in den Städten recht unbedrängt ihren Glauben leben und sich organisieren können, müssen sie sich auf dem Lande bedeckt halten. Gegenüber dem Buddhismus, der vor dem Islam den Archipel geprägt hat, waren die Nachfolger des Propheten immer besonders intolerant; zählt er doch nicht zu den «Buchreligionen» wie Christentum und Judentum.

Auch das grosse buddhistische Heiligtum Borobudur in Zentraljava – eine pyramidenförmige Tempelanlage, die als Weltkulturerbe anerkannt ist – wurde von strengen Muslimen «geschändet», wie es Buddhisten hinter vorgehaltener Hand nennen. Im unteren Teil des Reliefs waren Nacktdarstellungen zu sehen, eine in Asien durchaus verbreitete Symbolik. «Erotik», befanden islamische Sittenwächter bei der Renovierung in den 1980er Jahren und liessen die entsprechenden Reliefs zerstören. Zudem unterstreichen mehrere Gebetshäuser auf dem Gelände der Anlage den Machtanspruch des Islam.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 04/10
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