-A  A  A+
27.01.2010, Ausgabe 04/10

Hochzeit

Yin und Yang

Die Sachbearbeiterin Sylvia Koffler, 31, und der Heilpraktiker Luciano Riillo, 31, heiraten im Sommer. Ein ganzheitliches Unterfangen.

Von Franziska K. Müller

«Nutella und Butter kommt nur noch am Wochenende aufs Brot»: Brautpaar Riillo-Koffler. Bild: Lea Meienberg

Anzeige

Sylvia: Luciano hat ziemlich um mich gekämpft. Mir imponierte, dass er im richtigen Moment losliess und mir so die Freiheit gab, zu erkennen, dass ich ihn genauso will wie er mich. Bald realisierte ich: Das ist auch sonst seine Lebensphilosophie. Alles daransetzen, um ein Ziel zu erreichen, aber nichts erzwingen wollen. Nachdem wir zueinandergefunden hatten, forderte mich Luciano auch immer wieder auf, zu sagen, was ich denke, mich zu äussern, wenn ich etwas nicht gut finde. Wenn man jung ist und eher zurückhaltend, wie ich es bin, hat man die Tendenz, die negativen Dinge einer Partnerschaft und die schmerzhaften, unbequemen Fragen auszuklammern. Man weiss nicht, was man damit anfangen soll, und will den anderen nicht kränken. Ich musste also lernen, mich überlegt und gefasst zu äussern, auch was Kleinigkeiten anbelangt. Meine Einwände nimmt Luciano ernst. Er ist nie beleidigt, und Restriktionen gibt es nicht. Als Charakter ist mein zukünftiger Mann leidenschaftlich in allem, was er macht, vielseitig interessiert, und er hat viele Talente. Er meint, er könne von mir genauso viel lernen wie ich von ihm. Zuerst dachte ich, das sagt er, weil er mich liebt. In der Zwischenzeit weiss ich, er meint es ernst. So sehe ich mich heute in einem neuen Licht, und gemeinsam sind wir so etwas wie eine Symbiose.

Luciano: Ich bin gelernter Automechaniker und kam über den asiatischen Kampfsport zur traditionellen chinesischen Medizin. Nach jahrelangen Zusatzausbildungen betreibe ich nun eine eigene Praxis. Meditationen sind mir heute sehr wichtig, ich befasse mich vorwiegend mit Qigong, Tai-Chi und Yoga. Das Hauptmerk unserer Gesellschaft liegt auf dem sportlichen Training, der Fitness, den Muskeln. Die Gescheiteren kümmern sich auch um ihre intellektuellen Ressourcen, lesen hin und wieder ein Buch. Körper und Geist hält man für überaus wichtig. Sträflich vernachlässigt wird in unserem Kulturkreis die Seele. Sie fristet hierzulande ein Stiefmütterchendasein. Ungezügelte Gewalt und aggressives Verhalten resultieren aus einer fehlenden Balance zwischen Körper, Geist und Seele. Verbale und physische Aggression finde ich widerwärtig. Sie sind auch ein Resultat mangelnder mentaler Disziplin und ein sicheres Zeichen dafür, dass mit den betreffenden Menschen etwas nicht stimmt. Wut und Frustration kennen alle: Es geht darum, diese zu kontrollieren und in die richtigen Bahnen zu lenken. Wie beim Yin und Yang: Das sind, spirituell betrachtet, Gegensätze, aber das eine kommt ohne das andere nicht aus. Gut und Böse, weibliche und männliche Energien trägt jeder in sich: Man muss sich mit diesen Dispositionen auseinandersetzen und die Ausgewogenheit suchen, dann herrscht Harmonie, und man wird ein erträglicher Zeitgenosse: für sich selbst, für sein Umfeld und vor allem für seinen Partner.

Sylvia: Lucianos Haltung, sein gesunder Lebenswandel beeinflussten mich natürlich, aber ich versuche trotzdem, eine eigenständige Persönlichkeit zu bleiben.

Luciano: Unter der Woche isst Sylvia jetzt vor allem Müesli. Nutella und Butter kommen nur noch am Wochenende aufs Brot. Viel wichtiger sind aber andere Dinge.

Sylvia: Auch in der Liebe hat Luciano glücklicherweise seine Prinzipien. Das ist mir total wichtig, da meine letzte Beziehung auch wegen der Untreue meines Partners zerbrach.

Luciano: Ob man die Beziehung aufs Spiel setzen will, der Partnerin grossen Schmerz bereitet oder eben nicht, sollte als Willensentscheidung betrachtet werden. Zusammen alt werden ist für mich nicht nur ein Spruch. Die Liebe erfährt im Alter nochmals eine neue Bedeutung. Man wird schwach, vielleicht krank, und die Schönheit geht auch den Bach runter. Komischerweise habe ich keine Sekunde lang ein schlechtes Gefühl, wenn ich daran denke, dass es Sylvia und mir einmal so ergehen wird.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 04/10
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben