Film

«Es ist gut, auf die Nerven zu gehen»

«A Serious Man» ist ihr persönlichster Film. Ein Gespräch mit den Regisseuren Joel und Ethan Coen.

Von Sarah Elena Schwerzmann

Joel und Ethan Coen, ist Ihr neuer Film «A Serious Man» eine Reminiszenz an Ihre Kindheit?

Joel Coen: Dieser Film ist auf jeden Fall einer der persönlichsten Filme, die wir bisher gemacht haben, weil wir bei diesem Projekt eigene Erfahrungen und Reflexionen aus unserer Kindheit sehr gezielt mit einbringen konnten.
Ethan Coen: Wir haben lange darüber gesprochen, wie unsere kleine Stadt damals war, als wir dort aufgewachsen sind. Uns haben die Menschen interessiert, an die wir uns noch erinnern konnten und von denen wir das Gefühl hatten, dass sie den Ort zu dem machten, was er ist.

Damit sprechen Sie in erster Linie von der jüdischen Gemeinschaft im Mittleren Westen. Welche Rolle spielt dieser religiöse Hintergrund heute noch in Ihrem Leben?

Joel Coen: Wir sind heute beide nicht mehr aktiv religiös und befolgen darum die Regeln unserer Religion kaum noch. Wir waren aber sehr gläubig, als wir Kinder waren.
Ethan Coen: Für unsere Familie war der jüdische Glaube schon wichtig. Unsere Mutter war eine sehr folgsame Jüdin, der Vater nicht so sehr. Ich glaube, wir empfinden uns selber auf eine sehr grundlegende Art und Weise als jüdisch, aber nicht im religiösen Sinne.

Viele der Figuren im Film basieren auf realen Menschen. Wie weit kann man da als Filmemacher gehen?

Ethan Coen: Es gibt nur eine Figur, die einer Person, mit der wir aufgewachsen sind, sehr nahekommt. Es handelt sich um den sphinxengleichen Rabbi gegen Ende des Films. Es gab da früher einen alten Rabbi in einer anderen Gemeinde, den die Jungen nach ihrer Bar-Mizwa in seinem Büro sprechen mussten. Er hatte eine ganz bizarre, nonverbale Aura und strahlte diese Weisheit aus. Das hat uns fasziniert.

Ihre Hauptfigur Larry ist ein ziemlicher Pechvogel. Quälen Sie Ihre Figuren gerne?

Joel Coen: Wir quälen unsere Figuren, weil es sonst keine Geschichte gäbe. Wer will schon einen Film sehen über jemand, dem nur Gutes widerfährt?

Woher kommt Ihre Faszination dafür, in tragischen Situationen komische Elemente zu finden?

Ethan Coen: Wir denken nicht in solchen Dimensionen, sondern konzentrieren uns auf die Geschichte. Es reicht uns nicht, wenn etwas nur tragisch oder komisch ist. Es muss zur Geschichte passen und sie unterstützen.
Joel Coen: Wir sind keine Puristen. Darum haben wir auch keine Angst davor, Genres und Stimmungen zu vermischen. Wenn wir zusammen eine Geschichte schreiben, dann halten wir nie inne und sagen zueinander: «Der Film ist zu ernst, wir können hier keinen Lacher machen.»

Für «A Serious Man» haben Sie sich entschieden, keine grossen Hollywoodstars zu verpflichten. Warum?

Joel Coen: Wir hatten Angst, dass die Geschichte ansonsten nicht glaubhaft sein würde. Darum haben wir uns für Michael Stuhlbarg in der Hauptrolle entschieden. Er ist ein fantastischer Schauspieler, aber man kennt ihn eigentlich nur vom Theater in New York.
Ethan Coen: Für uns war von Anfang an klar, dass wir keinen Schauspieler in diesem Film haben wollten, den man von irgendwoher wiedererkennt.

War es eine Herausforderung, Ihren Film ohne Stars dem Filmstudio zu verkaufen?

Ethan Coen: Ein Film ohne grosse Namen ist genau das, was ein Filmstudio nicht haben will. Aber in diesem Fall war das Budget klein genug, so dass wir sie überzeugen konnten, uns zu unterstützen.

War das abrupte Ende des Filmes ebenfalls ein Diskussionsthema?

Joel Coen: Nein, zum Glück war das nicht der Fall. Sobald wir unsere Filme verkauft haben, das heisst, sobald das Drehbuch abgegeben worden ist und wir erklärt haben, wer im Film sein wird, und wir die Bedingungen ausgehandelt haben, redet uns bei der Geschichte niemand mehr drein.

Was war die grösste Herausforderung?

Ethan Coen: Am schwierigsten war es, das Quartier darzustellen, in dem die Geschichte spielt. Diese Siedlungen, die wir suchten, sind in den späten fünfziger Jahren und den Sechzigern entstanden.
Joel Coen: Es gab in der Umgebung von Minneapolis ziemlich gut erhaltene Siedlungen aus dieser Zeit, aber die waren natürlich mit Bäumen überwachsen. Wir wollten aber keine Bäume, um dieses Gefühl der Leere zu vermitteln. Doch wir haben es nicht geschafft, einen solchen Ort zu finden. Wir mussten ihn selber kreieren.

Dem Film geht ein Prolog in Jiddisch voraus, der anscheinend nichts mit der nachfolgenden Geschichte zu tun hat.

Joel Coen: Zu Beginn haben wir uns gar nichts dabei gedacht. Wir mochten das Abstrakte an diesem Prolog, und es hat sich für uns einfach richtig angefühlt, diese kleine Geschichte vor dem Film zu zeigen. Als man uns dann darauf angesprochen hat, was das eigentlich solle, haben wir uns intensiv Gedanken über diesen Prolog gemacht, und wir sind zum Schluss gekommen, dass wir es eigentlich ganz gut finden, dass es zur nachfolgenden Geschichte keine direkte Verbindung gibt.
Ethan Coen: Die Idee, dass die Zuschauer nach einer direkten Verbindung suchen werden, aber diesen Impuls nicht finden werden, finde ich unglaublich spannend.

Auch Woody Allens Filme handeln immer wieder von der jüdischen Identität.

Joel Coen: Die jüdische Gemeinschaft im Mittleren Westen, die wir porträtieren, und die der Ostküste, mit der sich Woody Allen auseinandersetzt, sind von Grund auf verschieden. Für ein europäisches Publikum mögen das nur Feinheiten sein, aber bei uns in Amerika ist die Wahrnehmung dieser beiden Gemeinschaften sehr differenziert. Wir hatten darum nie Angst, dass wir in sein Revier eindringen.

Man wirft Ihnen immer wieder vor, als Intellektuelle würden Sie sich über normale Menschen lustig machen.

Ethan Coen: Vielleicht versuche ich mich damit nur zu rechtfertigen, aber das scheint mir aus rein psychologischer Sicht die Reaktion von jemandem zu sein, der die Geschichte nicht versteht. Die Menschen im Kinosaal lachen, und diese Person sitzt mittendrin und versteht den Witz nicht und hat das Gefühl, dass wir uns über sie lustig machen.

Jemand, der Ihre Filme leidenschaftlich kritisiert, ist der französisch-schweizerische Regisseur Jean-Luc Godard. Er hat kürzlich gesagt, dass er sie hasst. Trifft Sie das?

Joel Coen: Ich finde diese Äusserung interessant. Es gibt viele Filme von Regisseuren, die mich einfach nicht interessieren, aber ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich sie hasse. Es scheint mir eine extreme Reaktion zu sein, aber das ist nicht überraschend. Filme sind sein Ein und Alles, und er steigert sich da unglaublich hinein. Er ist auf eine sehr komische Art und Weise äusserst passioniert.
Ethan Coen: Ich mag die Vorstellung, dass sich Godard tödlich aufregt, wenn er unsere Filme anschaut. Und irgendwie finde ich es auch befriedigend, immerhin ist er ein ziemlich grosser Fisch in diesem Business. Es ist immer gut, jemandem auf die Nerven zu gehen.

Die Zeit, in der Sie die Filme «Intolerable Cruelty» und «Ladykillers» gedreht haben, wird Ihnen oftmals als Mainstream-Phase vorgeworfen. Kümmert Sie das?

Joel Coen: Es ist komisch, dass genau diese beiden Filme als Mainstream wahrgenommen werden, weil sie beide lange nicht so viel Geld eingespielt haben wie andere Filme, die wir gemacht haben. Übrigens waren dies die einzigen beiden Filme, die Godard gut fand.

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