Bildung

Professorin ohne Praxis

In Bern wurde der einzige Lehrstuhl für Medienwissenschaft mit einer jungen Deutschen besetzt. Die Berufungskriterien bleiben schleierhaft.

Von Markus Somm

Das Timing hätte nicht schlechter sein können. Erst vergangene Woche hatten die Berner Medien realisiert, was in Hochschulkreisen schon lange bekannt war: Die Nachfolge von Roger Blum auf dem Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Universität Bern tritt eine junge Deutsche an. Silke Adam, 33, stammt aus Stuttgart und hat an der Universität Hohenheim studiert und promoviert. Nachdem in Zürich die SVP den angeblichen «deutschen Filz» an den Hochschulen zum Thema gemacht hatte, rückte nun auch in Bern die Deutschen-Statistik in den Mittelpunkt. Tatsächlich stammen von 236 Professoren an der Uni Bern 100 aus dem Ausland, allein 70 aus Deutschland.

Umso erstaunlicher ist, dass die Universitätsleitung ihre neue Professorin nicht vorbereitet hatte, als sie letzte Woche nach Bern kam, um an der Verabschiedung von Roger Blum teilzunehmen. Relativ unbedarft teilte sie mit, dass sie die Schweiz überhaupt nicht kenne, sich einarbeiten werde, aber eher den «internationalen Medienvergleich» praktiziere. Dabei komme die Schweiz nun neuerdings vor.

Zu einem Zeitpunkt, da in der Schweiz fast kein Tischgespräch vergeht, ohne dass über die Präsenz der Deutschen lamentiert würde, hätte die Uni Bern ihrer Neu-Erwerbung einen Gefallen erweisen können. So führt man sich denkbar schlecht ein.

Im Gespräch stellt sich Silke Adam als sympathische Frau heraus, die mit leichtem süddeutschem Akzent ihre bisherige Forschungsarbeit verteidigt. Sie habe an Studien mitgearbeitet, in denen viele Länder miteinander verglichen worden seien, einmal habe auch die Schweiz dazugehört. Es treffe nicht zu, dass sie sich bloss in Deutschland und Frankreich auskenne. Sie betont ihre Vorliebe für den Vergleich.

Wenn man ihre Publikationsliste durchforstet, wird klar: Kleinstaaten haben sie bisher nicht sehr gekümmert. Adam hat zwei Bücher geschrieben. In ihrer Dissertation hat sie sich mit den beiden mächtigsten Mitgliedstaaten der EU beschäftigt: «Symbolische Netzwerke in Europa. Der Einfluss der nationalen Ebene auf europäische Öffentlichkeit. Deutschland und Frankreich im Vergleich». Es ging ihr darum, zu erklären, warum die EU-Erweiterung beziehungsweise die neue EU-Verfassung in den beiden Ländern unterschiedlich debattiert wurde. Das zweite Buch handelt von der «Mediendemokratie» in den USA: Adam schrieb rund hundert Seiten über die Präsidentschaftswahl im Jahr 2000.

Ein gutes Thema. Doch was hat sie für den einzigen Medien-Lehrstuhl in Bern zur «herausragenden» Kandidatin gemacht? Gewiss, sie hat viele Artikel in Zeitschriften veröffentlicht, aber auch hier erkennt man nur mit Wohlwollen Anknüpfungspunkte in Bezug auf die Schweiz. Erfahrungen mit Medien bringt sie keine mit. Ihren Forschungsgegenstand kennt sie von ein paar Praktika beim Süddeutschen Rundfunk. Und sie war Pressesprecherin beim Theater der Altstadt in Stuttgart.

Silke Adam ist nicht das Problem. Ihre akademischen Verdienste sollen nicht in Frage gestellt werden; sicher ist sie in der Lage, sich in die Schweizer Medien einzuarbeiten. Es irritiert auch nicht ihr Pass. Doch wie ist die Uni Bern auf sie gekommen?

Geschützte Werkstätten der Universität

Der Rektor der Universität Bern, Urs Würgler, legt Wert darauf: «Die Uni Bern hat gar keinen Lehrstuhl für Medienwissenschaft.» Offensichtlich war Roger Blum ein Missverständnis. Wie dem auch sei, Blum war eine Instanz. Als ehemaliger Journalist – unter anderem Mitglied der Chefredaktion des Tages-Anzeigers – wusste er, wovon er sprach, wenn er Medien wissenschaftlich untersuchte. Die Berner Uni war damals, als sie ihn vor rund 20 Jahren auf den Lehrstuhl für Medienwissenschaft berief, innovativ: An den besten amerikanischen Universitäten, die in allen Rankings eine Universität wie Bern regelmässig überrunden, finden sich an den Instituten für Journalismus und Medienwissenschaft vor allem ehemalige Profis aus den Medien oder der PR-Branche. Das gilt auch für das College of Communication der Boston University, wo Adam als Studentin ein Jahr verbracht und einen Master of Science in Mass Communication erworben hat. Das Departement of Mass Communication, Advertising & PR, das ihr den Titel verliehen hat, besteht aus 22 Dozenten: Nur 4 haben noch nie ausserhalb einer Universität gearbeitet. Der eine hat als Spindoktor Wahlkämpfe organisiert, die andere in einer Werbeagentur für Kunden wie Revlon, The Boston Globe oder Four Seasons Hotels geworben, der Dritte war Kolumnist der führenden Bostoner Zeitung und Kommentator des öffentlichen Rundfunks. Was für Leute können einem Studenten mehr beibringen?

Die Uni Bern hat für diese Förderprofessur einen Wissenschaftler gesucht, der sich auf «politische Kommunikation» spezialisiert hat. Kenntnisse der Schweizer Medien wurden nicht verlangt. Zudem schien es zu schaden, wenn der Medienprofessor die Medien oder die PR-Branche, für die er die Studenten ausbildet, als Angestellter erlebt hat.

32 Leute hätten sich auf die Stelle beworben, darunter 2 Schweizer, sagt Blum. Diese fielen sofort heraus, weil sie nie auf dem Thema «politische Kommunikation» geforscht hatten. Bei allem Respekt für Blum: Warum hat er, der Kenner der Schweizer Politik, keinen Nachwuchs ausgebildet? Die meisten, sagt er melancholisch, seien in den Journalismus gegangen.

Kommentare

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  • Hanspeter Bühler
  • 02.02.10 | 08:51 Uhr

Die Welt ist voll von Technokaten, die von Praxis keinen Schimmer haben. Die "Züchtung" einer übergrossen Menge an Akademikern, vor allem in D, führt dazu, dass diese aus D ausbrechen und auf die deutschsprachige Welt losgelassen werden. Im Denken der Deutschen stehen die Schweizer nach wie vor auf dem Niveau von Banken die helfen Steuern zu hinterziehen, Schokolade, Uhren und schöne Berge. Richtig ernst nimmt man uns nicht.

  • Joel Meier
  • 29.01.10 | 18:58 Uhr

Heute hat jeder Laie eine Meinung zu den Wirkungen von Medien: Manipulation, Verdummung, Förderung aggressiven Verhaltens. Medienwirkungen gehören ins Forschungsfeld der Kommunikationswissenschaft und nur diese kann repräsentative, aussagekräftige Resultate zu solchen Wirkungen liefern. Es ist erstaunlich, dass Somm, Schawinski und Strahm im SF-Club die Existenzberechtigung der Publizistik verneinen, während sich die Medien in den letzten Jahrzehnten quantitativ und qualitativ dermassen ausgebreitet haben und eine immer wichtigere Rolle spielen (siehe z.B. die Facebook-Geschichte in der WW).

  • Frédéric-Marc Fluehmann
  • 29.01.10 | 14:26 Uhr

Ich habe mich bereits einmal in der WW in Form eines Leserbriefes der Frage gewidmet, ob es eigentlich soviel Wissenschaften braucht und welchen Vorteil diese der Gesellschaft bringen? Gewiss mache ich mir im Intelektuellen-Milieu mit solchen Fragen keine Freunde. Und wer weiss, vielleicht irre ich ja? Aber lieber will ich eine falsche Meinung haben als gar keine! Denn die stets erweiterten Angebote der Uni's (auch im Medienbereich) , gehen dermassen in die Theorie, dass man den Nutzen kaum mehr erkennen kann. Aber eben, die Uni's leben davon und die Studenten sind mit irgendwas beschäftigt.

  • Joel Meier
  • 29.01.10 | 01:17 Uhr

Laut Somm sind diejenigen Medien- und Kommunikationswissenschaftler die besten, die selbst bei den Medien gearbeitet haben. Denn: "Was für Leute können einem Studenten mehr beibringen?"
Dies führt zu folgenden Punkten:
1. Herr Somm hat sich nie mit dem Fach Kommunikationswissenschaft beschäftigt. Dieses Fach ist keine praktische Ausbildung zum Journalisten. Es ist die wissenschaftliche (sprich: empirische, statistische) Auseinandersetzung mit Medienphänomenen.
2. Nach Herr Somms Logik gäben also einzig Politiker gute Politikwissenschaftler ab. (Somm hat Politikwissenschaft studiert.)

  • Urs Bleiker
  • 28.01.10 | 12:41 Uhr

Wo liegt das Problem? Mainstreamjournalismus ist sowieso völlig anspruchslos. Würden sonstige Berufsleute qualitativ auch so lausig wie Journalisten arbeiten, sie wären ihren Job innert Kürze los. Von da her erwarte ich auch von den sogenannten "Medienwissenschaften" nichts.

Selbstverständlich zähle ich die "Weltwoche" nicht zum Mainstream..... ;-)

  • Jean-Pierre Sauvain
  • 28.01.10 | 09:51 Uhr

Auch das sieht einmal mehr ganz nach einem kleinen Schrittchen aus in Richtung EU. "Muchos pocos hacen un mucho" - wie die Spanier sagen.

  • Frédéric-Marc Fluehmann
  • 27.01.10 | 23:13 Uhr

Das ist in der Tat sehr interessant. Nun, der Trend junge unerfahrene Leute in Spitzenpositionen zu hieven, ist durchaus nicht neu sondern eher in der Mode. Erst kürzlich las ich einen Bericht über eine junge Dame die quasi ohne Praxiserfahrung direkt zur HR-Chefin erkoren wurde. Noch spektakulärer ist meine zweite Erfahrung, als mir ein Unternehmensberater für Kaderselektionen seine Visitenkarte hinterließ. Auf dieser stand, "Senior-Consultant". Der junge Mann war gerade mal 28 Jahre alt!

 
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