Sabine: Als wir uns vor zwölf Jahren zum ersten Mal begegneten, trug Dario eine Ovomaltine-Kappe, und als ich ihn nach seinem Lieblingsessen fragte, antwortete er: «Käsefondue mit Schoggi.» Ich fand ihn interessant, aber ein wenig eigenartig. Aber bald entdeckte ich sein wahres Inneres, und dabei gab es einen Schlüsselmoment: Wir trafen auf einen verwahrlosten Mann, der Kaffeerahmdeckeli im Abfall suchte, weil er diese sammelte. Dario hörte ihm zu, ging ins nächste Restaurant, kam mit einer riesigen Menge Kaffeerahmbildli zurück, die dort in den Müll gewandert wären, und schenkte sie dem Mann.
Dario: Bei unserer Hochzeit waren 500 Leute anwesend. Die Geschenke lagern noch heute im Estrich bei der Schwiegermutter, denn die Flitterwochen verbrachten wir auf einer fünfmonatigen Reise bis ans Ende der Welt, den Cabo Finisterre in Spanien. Die ganze Strecke legten wir zu Fuss zurück. Es regnete unglaublich viel in dieser Zeit, wir fanden fast immer Unterschlüpfe und lernten dabei die nettesten Leute kennen: Einmal übernachteten wir bei einer tamilischen Familie, die uns mit einem Kronleuchter aus winzigen Muscheln beschenkte, in Genf kamen wir bei der Gattin eines Bankdirektors unter. Wir ernährten uns von Brot und Tomaten. Das Budget war knapp, aber wir empfanden unseren Honeymoon als so romantisch, dass wir bald grössere Reisepläne schmiedeten.
Sabine: Nur mit Wind-, Sonnen- und Muskelkraft waren wir in den vergangenen acht Jahren unterwegs. Auf unserem Weg zu Fuss, mit Fahrrad und Segelschiff sind die sieben jeweils höchsten Gipfel jedes Kontinentes unsere Meilensteine. Nach 35 000 Seemeilen und 12 000 Fahrradkilometern ist jetzt Halbzeit. Zusammen überstanden wir heftigste Unwetter, Stein- und Eisschlag, wir begegneten giftigen Schlangen und wurden von Haien ins Visier genommen. Einmal erlitt unser Schiff beinahe Totalschaden, und wir mussten für zwei Jahre einen Zwischenhalt in Patagonien einlegen. Ansonsten verbrachten wir die allermeisten Nächte unserer Ehe im Zelt oder in der Kajüte unseres Segelschiffes. Man lebt eng aufeinander, ist 24 Stunden pro Tag zusammen und muss sich die privaten Momente trotzdem hart erkämpfen, auch weil ab und zu noch andere Menschen an Bord sind. In diesem Mikrokosmos, den man manchmal einige Wochen lang nicht verlassen kann, können unterschwellig Aggressionen entstehen, wenn Dinge nicht thematisiert werden, die einem auf die Nerven gehen. Wir lassen Dampf ab, bevor es zur Explosion kommt, und dann ist in Kürze alles wieder gut.
Dario: Paare die sicher sein wollen, ob sie für ein gemeinsames Leben gemacht sind, sollten mit dem Klettern beginnen. Man ist durch ein Seil miteinander verbunden und legt das Schicksal in die Hände des anderen. Sabine und ich retteten uns gegenseitig mehr als einmal das Leben. Beziehungsmässig muss bei solchen Expeditionen reiner Tisch herrschen. Es geht nicht, dass man sich im Basislager zofft und dann in Unfrieden einen plötzlich aufziehenden Sturm überstehen muss. Das Risiko ist einfach zu gross, dass in einer solchen Situation etwas schiefgeht. Eines unserer obersten Eheprinzipien lautet: Wir gehen nie zu Bett, ohne vorher Frieden geschlossen zu haben.
Sabine: Die vielen Erlebnisse, unsere drei Kinder, das soeben fertiggestellte Buch zu unserer Reise und das gemeinsame Engagement für unsere Erde sind der Klebstoff unserer Ehe. Seit dem Start unserer Expedition besuchten wir 45 000 Schüler, denen wir einfache Beispiele für den Klimaschutz zeigten, und sammelten fast zwanzig Tonnen Abfall ein.
Dario: Ab Mitte Februar sind wir für weitere fünf Jahre unterwegs. Aber irgendwann kehren wir für immer in die Schweiz zurück: Denn hier wollen wir zusammen alt werden.
20.01.2010, Ausgabe 03/10
Hochzeit
Brot und Tomaten
Die Krankenschwester Sabine Schwörer, 37, und der Bergführer Dario Schwörer, 40, bereisen seit acht Jahren die Welt. Genauso lange dauert ihre Ehe schon.

Kommentare