China

Lust auf Konfrontation

China strahlt nach der Wirtschaftskrise grosses Selbstbewusstsein aus. Politisches Unvermögen aber bleibt die Achillesferse der aufstrebenden Macht.

Von Hansrudolf Kamer

Schmeichelei kennt viele Formen. Nicht nur Personen lassen sich umgarnen, auch Nationen sind anfällig. Beispiel China: Wenn ein Entwicklungsland immer wieder hofiert wird, es sei oder werde die neue Supermacht, trifft das auf offene Ohren besonders auf jene autoritärer Herrscher. Wenn Demokraten und Wirtschaftsführer anreisen, um dem gelobten Land die Reverenz zu erweisen und sich anzubiedern, nimmt im Hort der Bewunderung die Achtung vor den Fremden ab.

Die Google-Kontroverse um Hacker-Angriffe und Netz-Zensur ist nur das letzte Glied in der Indizienkette, dass sich das Regime in Peking stärker fühlt denn je. Beim Klima-Jamboree in Kopenhagen boxte sich die chinesische Diplomatie durch und vereitelte bindende Richtwerte. Nicht, dass das in der Sache unbedingt schlecht sein muss. Die Welt wird profitieren. Das Nachbarland Kambodscha wurde gezwungen, 22 Uiguren auszuliefern, die um Asyl nachgesucht hatten. Die Schweiz wurde belehrt, sie dürfe keinen Uiguren aus Guantánamo aufnehmen.

Präsident Obama praktizierte vorauseilenden Gehorsam, indem er auf ein Treffen mit dem Dalai Lama vor seinem eigenen Besuch in Peking verzichtete. Dafür wurde seine Rede in Schanghai zensuriert. Obamas Kotau soll nun nachträglich korrigiert werden. Der Menschenrechtsaktivist Liu Xiaobo wurde trotz westlichem Protest zu einer langen Haftstrafe verurteilt, der Brite Akmal Shaikh hingerichtet, obwohl sich die Regierung in London für ihn starkgemacht hatte. Der alte Grenzdisput mit Indien im Himalaja verschärft sich wieder nach Zwischenfällen im letzten Jahr.

Die Hacker-Attacke auf Server von Google und 33 andere westliche Unternehmen, alles bekannte Namen, kombiniert mit neuen Anstrengungen zur Perfektionierung der Internetzensur, sind Ausdruck eines aggressiveren Selbstbewusstseins. Dass sich die Führung Chinas in der «grossen Rezession» entgegen den Voraussagen vieler westlicher Wirtschaftsgurus gut bewährt hat, mindert auch nicht die Selbstachtung. Der Abschwung wurde aufgefangen, die geld- und fiskalpolitische Stimulierung kam zu rechten Zeit, das Wachstum beschleunigt sich wieder, Exporte und Inlandnachfrage sind bemerkenswert robust.

Westliche Klagen über die merkantilistische Währungspolitik, der Yuan sei stark überbewertet, machen den Führern in Peking seit Jahren keinen Eindruck. Zumal in der Asienkrise von 1997/98 die gleiche Haltung westliches Lob generiert hatte. Dennoch bleibt sie eine Quelle der Irritation, die unterschwellige politische Spannungen verschärft. Die westliche Strategie des Engagements gründet auf der Erwartung, dass der wirtschaftliche Aufstieg Chinas irgendwann eine politische Liberalisierung mit sich bringt. Ohne diese Aussicht wäre die westliche Haltung extrem kurzsichtig, auf schnell konsumierte kommerzielle Gewinne reduziert.

Der strategische Schaden wäre beträchtlich. Was sind denn die westlichen Interessen? Wenn China eine Ein-Partei-Diktatur bleibt, ist es dann sinnvoll, einen politisch, wirtschaftlich und militärisch starken Gegner heranzuzüchten den Chinesen den Strick zu liefern, an dem sie den Westen aufhängen werden, wie dies Lenin einst prägnant formuliert hatte?
Auch mit Bezug auf China übt man den alten Fehler, die künftige Entwicklung aus der Gegenwart zu extrapolieren. Es gibt in der Geschichte genügend Beispiele, dass Wirtschaftswachstum an Grenzen stösst, wenn der Nachholbedarf gedeckt und Grundbedürfnisse befriedigt sind. China könnte, so war in der Blogosphäre diese Woche zu lesen, ein Wohlstandsniveau wie Jamaika erreichen und dann auf diesem Niveau lange Zeit verharren.
Skepsis mit Bezug auf die Nachhaltigkeit des chinesischen Wirtschaftswachstums ist weiter verbreitet, als dies sichtbar wird. Es ist schwierig, gegen das glitzernde Aufwärtsphänomen zu argumentieren. Der Grund für die Skepsis ist aber bekannt: Das Wachstum gründet hauptsächlich auf einem Einsatz von Kapital und Arbeit und lässt nur wenig autonome Innovationsfähigkeit erkennen.
Die Gretchenfrage bleibt: Wird sich China in eine politisch freiheitliche Ordnung «hineinentwickeln», aus eigenem Antrieb oder aus Gesetzmässigkeit? Die Antwort ist im Nebel der Zukunft verborgen. Die Auseinandersetzung mit Google gibt einen Hinweis. Die Firma hat durch die Übernahme der Zensurbestimmungen im Westen einen beträchtlichen Imageschaden erlitten. Der Preis für den Marktzugang war hoch. Sie hat aber ihre Drohung nicht wahr gemacht, sich aus China zurückzuziehen, sondern verhandelt weiter.

Die Motive liegen auf der Hand. Peking will Kontrolle über die Informationsvermittlung, Google unternehmerische Sicherheit und mehr Ertrag. Diese Standpunkte sind schwer zu vereinbaren. Google hätte technische Mittel, um die chinesische Zensur auszuschalten, und die Kontroverse vergrössert das globalpolitische Eskalationspotenzial, was China ungelegen kommt. Kein Zufall, dass die lange sistierten amerikanischen Waffenlieferungen an Taiwan nun über die Bühne gehen. Politisches Unvermögen bleibt Chinas Achillesferse.

Kommentare

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  • Werner Widmer
  • 25.01.10 | 10:17 Uhr

Herr Bühler,
Sie sehen es richtig. Jeder will sich etwas vom Kuchen abschneiden. Auch wenn's am Ende ins eigene Fleisch geht. Lenin und der Kapitalist, der aus dem Fenster springt.
Es stimmt, das Individium ist in China nichts. Nur die Gesellschaft zählt und alle sind damit einverstanden. Nur haben wir Westler sie heute stark gemacht. Ich war auch einer von denen. Systembedingt.
Werni

  • Hanspeter Bühler
  • 25.01.10 | 08:25 Uhr

China ist eine der menschen- und tierverachtendsten Nationen der Welt, und das absolutistische Regime ist lediglich wirtschaftlich orientiert, quasi nach uns die Sintflut. Da die wirtschaftliche Macht, die vor allem auf der Basis von Billigstarbeitskräften beruht, in der Tat rasch zunimmt, sind die westlichen "Demokratien" selbstverständlich interessiert, sich davon ein paar Scheiben abzuschneiden. Man übersieht geflissentlich die negativen ethischen Langzeitschäden die damit der Menschheit generell zugefügt werden. Zu schweigen über Missstände ist so schlimm wie nicht dagegen tun...

  • Rainer Selk
  • 23.01.10 | 19:18 Uhr

Aufnahme von Uiguren vs Chinas Wunsch
Ist interessant, wie jurassische Politiker genau wissen, wie 'unschuldig' die 2 Uiguren sein sollen. Warum bleiben die dann nicht in den USA? Wieso bekommen die nicht ein ordentliches US Gerichtsverfahren? Sind sie schuldig, sollen sie dort ihr Urteil bekommen.Wenn nicht, sollen die USA Schadenersatz leisten und sie aufnehmen.
Nein, China muss uns nicht 'massregeln'. Wir müssten selbst so schlau sein, das zu unterlassen, weil das 'en oberfuuler' Zauber isch. Wieso sollen wir diese 'Zeche' bezahlen??! Oder steckt etwas anderes dahinter...?

  • Werner Widmer
  • 23.01.10 | 15:40 Uhr

Christine,
Tierequälen? Sie haben recht. Aber die andere Seite sieht es eben anders. Wie steht es bei uns? Frage an Sie: Haben Sie je ein Tier getötet, Fisch oder Warmblütler um das Fleisch zu essen? Die Antwort gibt die Lösung zu Vegitarismus. Man oriuentiert sich immer momentan an den eigenen Werten. Neue kommen erst über Jahrzehnte und tröpfchenweise. Ob sie dann noch richtig sind, ist eine andere Frage. Es ist nicht einfach. Vorallem in den Ländern wo die Gutmenschen in die Ferien gehen sieht es extrem schlimm aus. Ist halt hinter den Mauern.
Werni

  • Christine Joos
  • 23.01.10 | 09:24 Uhr

Werni, Tiere quälen ist widerlich, egal wo. Religiöse, wissenschaftliche & kulturelle Begründungen dürfen nie eine Barriere sein, anzuprangern, im Gegenteil: Es sollte sie nur im Kontext o h n e Tierquälerei geben dürfen. Die anmassende Ueberheblichkeit des Menschen bringt eine Gleichgültigkeit, die so unerträglich ist,wie sie immer wieder resigniert als "menschlich" hingenommen werden muss. Sie sind das Uebel, das auch unspektakulär daher kommt:
Kantischüler gewärtigen ein Strafverfahren wegen Tierquälerei. Die Interviewerin zum Ermittler: "Auch wenn es sich n u r (....) um Enten handelt?"

  • Werner Widmer
  • 22.01.10 | 18:27 Uhr

Ich verbrachte 4 Jahre in Shangahi, arbeitet mit Leuten aus dem Volk zusammen. Auch die von der Stadtregierung (grösser als die Schweiz) kannte ich. China ist nicht krank, sondern anders. Wer richtig tickt, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Das chinesische Verhalten irritiert uns. Umgekehrt auch. Wer hat die Wahtheit gepachtet? Kulturimeprialismus? Ist doch verschrien!
Tatsächlich ist die chinesische Kultur älter als irgend etwas in Europa.
Leben und leben lassen.
Wir in unserem , die in ihrem. Respekt heisst es. Uns sonst zieht man Konsequenzen. Boykot! Kostet aber.
Werni

  • Christine Joos
  • 22.01.10 | 09:53 Uhr

Peter Herzig: "China ist [...] gesund".

Nein, China ist krank.

Man möchte die vielen Seiten über dortige Tierquälereien gar nicht anklicken, so grauenhaft sind sie.

Ein mir bekannter CEO, der mehrere Jahre in Peking tätig war, kam zum Schluss, dass ihm die chinesische Gesellschaft je länger je unverständlicher wurde: Sie seien "nicht ganz normal"..

  • Peter Herzig
  • 21.01.10 | 19:49 Uhr

China, dieses für uns kaum vorstellbare Riesenreich, ist (noch) sehr gesund. Die karren Drogenhändler lastwagenweise zum Erschiessen.

Unsere Politiker verschleudern tausende Millionen nutzlos an Verbrecher; Gefängniszellen sind mit Fernseher, usw., heimelig eingerichtet. Damit der Halunke es möglichst angenehm hat. Zum Nutzen der Aufseher, die ein bequemes Leben wollen. Mitleid mit Verbrecher ist gar nicht christlich, sondern dumm, strohdumm. Bei soviel - weiterer - Irreführung des Volkes durch Missbrauch des christlichen Gedankens der Nächstenliebe wird auch die Kirche aussterben.

 
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