Herr Eberle, Sie arbeiteten elf Jahre als rechte Hand Christoph Blochers in der Ems-Chemie und dann als sein Generalsekretär im Justizdepartement. Wie erlebten Sie den Wechsel in die Bundesverwaltung?
Ich wurde von meinem Arbeitsumfeld sehr gut aufgenommen. So jedenfalls war mein erster Eindruck. Mit der Zeit merkte ich, dass sich einige nur mit dem neuen Chef gutstellen wollten.
Wo liegen die grössten Unterschiede zwischen Staat und Privatwirtschaft?
In der Verwaltung sind die Ressourcen nahezu unbeschränkt vorhanden. Ein Kostenbewusstsein ist praktisch nicht entwickelt. In der Wirtschaft wird auftrags- bezogen geführt mit dem Risiko, dass auch einmal ein Fehler passiert. Beim Staat wird primär geschaut, dass keine Fehler entstehen. Der Führungsstil wird den Gesetzen und Weisungen für das Bundespersonal angepasst.
Können Sie ein Beispiel geben?
Ich wollte die schlechten Leistungen eines Mitarbeiters besprechen und ihn abmahnen. Mir wurde gesagt, dass ich ein solches Gespräch nicht alleine führen darf. Aus Beweisgründen müsse noch eine andere Person anwesend sein. Solche Auflagen waren mir fremd.
Welche Privilegien von Staatsangestellten sind Ihnen besonders aufgefallen?
Die hohen Löhne im mittleren Bereich und dass eine Kündigung praktisch unmöglich ist.
Gibt es eine Art «Beamtenkultur», die sich in der Arbeitshaltung, im Umgang untereinander äussert?
Ich habe persönlich erlebt, dass ich mit einer Person aus einem anderen Departement ein Problem besprechen wollte. Zum Gespräch erschienen schliesslich vier Leute. Gesprochen und geantwortet hat dann aber doch nur eine der anwesenden Personen . . .
Was haben Sie im EJPD konkret zu verändern versucht?
Wir haben jeder Person einen Auftrag mit klarer Verantwortung und mehr Kompetenzen zugeteilt. Vorher wurden Aufträge hin und her geschoben, ohne dass sie wirklich erledigt wurden. Zudem habe ich unnötige Hierarchiestufen abgebaut. Das Ergebnis war, dass wir mit weniger Mitarbeitern die gleiche Leistung erzielen konnten. Konkret wurden etwas über zwanzig Prozent der Stellen im Generalsekretariat abgebaut.
Hatten Sie mit Ihren Reformen Erfolg? Konnten Sie das Departement «unternehmerischer» führen?
Es gelang, in einzelnen Bereichen einen unternehmerischen Ansatz reinzubringen. In vielen Teilen überhaupt nicht. Mir wurde während der vier Jahre immer wieder gesagt: «Wissen Sie, Ihre Gegner sitzen nun in den Schützengräben und warten, bis Sie nicht mehr da sind. Man wird alles daransetzen, Sie und Ihre Reformen zu torpedieren.» Das System [die Personalgesetze, Verordnungen, Weisungen etc.] lässt diese Verweigerungshaltung leider zu.
Welche Reaktionen erlebten Sie bei der Umsetzung?
Beim Personal? Grosse Skepsis, die aber mit der Zeit verschwand. Die Mitarbeiter, die bei uns nun ein klar definiertes Aufgabengebiet bekamen, waren, wie ich beobachten konnte, sehr zufrieden mit der neuen Situation. Endlich durften sie auch Verantwortung übernehmen.
Überdurchschnittlich viele Staatsangestellte arbeiten in Teilzeit. Was halten Sie davon?
In meiner jetzigen Firma erachte ich dieses Arbeitsmodell als sehr zweckmässig. In der Bundesverwaltung hingegen, vor allem in Führungspositionen und anspruchsvollen Sachbearbeiterstellen, sind Teilzeitjobs völlig ungeeignet. Sie müssen in der Führung immer Rücksicht nehmen auf diese Mitarbeiter. Zudem will ich Personen, die sich täglich mit der Arbeit und den Problemen beschäftigen und auch erreichbar sind. Nur so erreicht man die nötige Identifikation und mehr Leistungs- und Problemlösungssinn.
Staatsbetriebe und Verwaltung tun sich schwer mit dem Prinzip Leistungslohn.
Es ist schon schwierig, in der Verwaltung einen Leistungslohn einzuführen. Aber nicht, weil man es nicht könnte, sondern weil die Widerstände innerhalb der Verwaltung so gross sind.
Heute sind Sie selber Unternehmer mit rund 130 Mitarbeitern. Hat sich Ihr Verständnis von Führung mit dem Wechsel vom Angestellten zum selbständigen Arbeitgeber verändert?
Nein.
Und Ihr Blick zurück auf die Jahre im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement?
Die Arbeit im EJPD hat mir grosse Freude bereitet. Ich hatte die Möglichkeit, mit vielen sehr guten Mitarbeitern zu arbeiten, die auch Leistungswillen zeigten. Leider wird dieser Wille zu wenig gefördert. Die Bundesverwaltung ist eine eigene Welt.

Kommentare