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20.01.2010, Ausgabe 03/10

Bundesbeamte

«Die Verwaltung ist eine eigene Welt»

Walter Eberle hat in der Wirtschaft und beim Staat gearbeitet. Er sieht grosse Mentalitätsunterschiede.

Von Andreas Kunz

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Herr Eberle, Sie arbeiteten elf Jahre als rechte Hand Christoph Blochers in der Ems-Chemie und dann als sein Generalsekretär im Justizdepartement. Wie erlebten Sie den Wechsel in die Bundesverwaltung?

Ich wurde von meinem Arbeitsumfeld sehr gut aufgenommen. So jedenfalls war mein erster Eindruck. Mit der Zeit merkte ich, dass sich einige nur mit dem neuen Chef gutstellen wollten.

Wo liegen die grössten Unterschiede zwischen Staat und Privatwirtschaft?

In der Verwaltung sind die Ressourcen nahezu unbeschränkt vorhanden. Ein Kostenbewusstsein ist praktisch nicht entwickelt. In der Wirtschaft wird auftrags- bezogen geführt mit dem Risiko, dass auch einmal ein Fehler passiert. Beim Staat wird primär geschaut, dass keine Fehler entstehen. Der Führungsstil wird den Gesetzen und Weisungen für das Bundespersonal angepasst.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ich wollte die schlechten Leistungen eines Mitarbeiters besprechen und ihn abmahnen. Mir wurde gesagt, dass ich ein solches Gespräch nicht alleine führen darf. Aus Beweisgründen müsse noch eine andere Person anwesend sein. Solche Auflagen waren mir fremd.

Welche Privilegien von Staatsangestellten sind Ihnen besonders aufgefallen?

Die hohen Löhne im mittleren Bereich und dass eine Kündigung praktisch unmöglich ist.

Gibt es eine Art «Beamtenkultur», die sich in der Arbeitshaltung, im Umgang untereinander äussert?

Ich habe persönlich erlebt, dass ich mit einer Person aus einem anderen Departement ein Problem besprechen wollte. Zum Gespräch erschienen schliesslich vier Leute. Gesprochen und geantwortet hat dann aber doch nur eine der anwesenden Personen . . .

Was haben Sie im EJPD konkret zu verändern versucht?

Wir haben jeder Person einen Auftrag mit klarer Verantwortung und mehr Kompetenzen zugeteilt. Vorher wurden Aufträge hin und her geschoben, ohne dass sie wirklich erledigt wurden. Zudem habe ich unnötige Hierarchiestufen abgebaut. Das Ergebnis war, dass wir mit weniger Mitarbeitern die gleiche Leistung erzielen konnten. Konkret wurden etwas über zwanzig Prozent der Stellen im Generalsekretariat abgebaut.

Hatten Sie mit Ihren Reformen Erfolg? Konnten Sie das Departement «unternehmerischer» führen?

Es gelang, in einzelnen Bereichen einen unternehmerischen Ansatz reinzubringen. In vielen Teilen überhaupt nicht. Mir wurde während der vier Jahre immer wieder gesagt: «Wissen Sie, Ihre Gegner sitzen nun in den Schützengräben und warten, bis Sie nicht mehr da sind. Man wird alles daransetzen, Sie und Ihre Reformen zu torpedieren.» Das System [die Personalgesetze, Verordnungen, Weisungen etc.] lässt diese Verweigerungshaltung leider zu.

Welche Reaktionen erlebten Sie bei der Umsetzung?

Beim Personal? Grosse Skepsis, die aber mit der Zeit verschwand. Die Mitarbeiter, die bei uns nun ein klar definiertes Aufgabengebiet bekamen, waren, wie ich beobachten konnte, sehr zufrieden mit der neuen Situation. Endlich durften sie auch Verantwortung übernehmen.

Überdurchschnittlich viele Staatsangestellte arbeiten in Teilzeit. Was halten Sie davon?

In meiner jetzigen Firma erachte ich dieses Arbeitsmodell als sehr zweckmässig. In der Bundesverwaltung hingegen, vor allem in Führungspositionen und anspruchsvollen Sachbearbeiterstellen, sind Teilzeitjobs völlig ungeeignet. Sie müssen in der Führung immer Rücksicht nehmen auf diese Mitarbeiter. Zudem will ich Personen, die sich täglich mit der Arbeit und den Problemen beschäftigen und auch erreichbar sind. Nur so erreicht man die nötige Identifikation und mehr Leistungs- und Problemlösungssinn.

Staatsbetriebe und Verwaltung tun sich schwer mit dem Prinzip Leistungslohn.

Es ist schon schwierig, in der Verwaltung einen Leistungslohn einzuführen. Aber nicht, weil man es nicht könnte, sondern weil die Widerstände innerhalb der Verwaltung so gross sind.

Heute sind Sie selber Unternehmer mit rund 130 Mitarbeitern. Hat sich Ihr Verständnis von Führung mit dem Wechsel vom Angestellten zum selbständigen Arbeitgeber verändert?

Nein.

Und Ihr Blick zurück auf die Jahre im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement?

Die Arbeit im EJPD hat mir grosse Freude bereitet. Ich hatte die Möglichkeit, mit vielen sehr guten Mitarbeitern zu arbeiten, die auch Leistungswillen zeigten. Leider wird dieser Wille zu wenig gefördert. Die Bundesverwaltung ist eine eigene Welt.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 03/10
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Kommentare

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anja dräger     03.02.10 09:59

Die gezeigt Lohntabelle zeigt das erreichbare MAXIMUM innerhalb einer Lohnklasse an. Dieses kann erst nach mehrjähriger Anstellung erreicht werden und ist leistungs-, alters- und erfahrungsabhängig . Differenzieren und informieren, statt polemisieren...

Michael Hartmann     27.01.10 19:33

Das Weiblein wird dann parkiert, beim guten alten Kollegen RegRat, den man als Präsi portiert hat, als Sekretärin - auch in der noch so verpönten Verwaltung! - und kassiert 140'000.00 Mille.

Die Drecksarbeit muss dann halt irgendein Partei-Vicepresident übernehmen (man ist ja nun ein bisschen verpflichtet), der den Bereich 'Verwaltung und Schmarotzer' beackert. Dafür hat man ja sieben gewählte.

Rainer Selk     27.01.10 08:33

Michael Hartmann 26.01.10 19:46
Wenn Lieschen nur auf Ihr Bankkonto abstellt, hat sie selbst keins + ist für Sie die 'Richtige'.
Jene Banken- + Bundessaläre, sind nicht der tagesübliche Durchschnittssatz des 'Otto-Normalen'. Ob das Lebensglück von der Salär- oder Abfindungssumme abhängt...?.
Ob bei der derzeitigen Demontage des Finanzplatzes CH die erw. Saläre auch künftig bezahlt werden können ist fraglich, weil die Steuernfränkli nicht mehr von den bösen Banken und ihren Angestellten nach 'Bern' fliessen. So hat alles immer 2 Seiten + Sozialitis ist dann auch nicht mehr zahlbar....

Zoltan Metlagel     27.01.10 07:31

Michael Hartmann Eine Stelle ist auch für Sie frei in der Privatwirtschaft. Nur zugreifen!! Aber Sie müssen dabei auch Qualitäten mitbringen. Das Plappern reicht nicht aus. Risiko nicht scheuen, gute Ideen mitbringen und verwirklichen und das grosse Geld ist auf Ihrer Seite. Allerdings mit dem Risiko, dass Sie versagen. Sicherheit gibt es nur in den Staatsbetrieben. Wenn Sie aber dort bleiben, dann sollen Sie bescheiden bleiben und sich damit zufriedenstellen was Sie bekommen. Und das wird in der Zukunft immer weniger sein. Die soz. Neidgesellschaft will viel verdienen aber keine Risiko trag

Michael Hartmann     26.01.10 19:46

Wenn ich wählen könnte zwischen

- einem Arbeitsverhältnis (Liegestuhl mit gratis Rumpunsch, bzw. Vergünstigungen) beim Bund (120'000/Jahr bis zur Pensionierung) oder
- einer (leistungsbasierten)Anstellung bei einer Bank (1'000'000/Jahr, nach der Entlassung 5 Millionen Abgangsentschädigung)

dann ist die Wahl ja klar - und ich denke auch bei Lischen Müller hätte ich da mit meiner Wahl in der heutigen Zeit gaaanz grosse Schansen zu landen.

Vetsch Inge     26.01.10 11:51

Guter Artikel. Ich kann der Kritik nur zustimmen - auch wenn ich selber beim Bund arbeite. Es gibt wirklich zu viele Vergünstigungen und Bequemlichkeiten. Was nicht stimmt (jedenfalls in meinem Betrieb): nach 20 Dienstjahren gibt es nicht 6, sondern "nur" 4 Wochen zusätzliche Ferien ...

fabio rechsteiner     25.01.10 22:27

Meine Mutter, welche der Aktivdienstgeneration angehört, hat uns oft genug erzählt wie vehement ihre Eltern auf Sie eingeredet haben, doch um Himmelswillen einen Pöstler, SBB'ler, Gemeinde- oder noch besser Kantonsbeamten zu heiraten und nicht meinen Vater. Nix mit Liebe oder sonst was sondern: "Weisch, Vreneli, en Beamte cha facht nöd entlaa wärde, da bisch uf Nummere sicher".
Nach bald mal 70 Jahren hat sich da, zumindestens, was die öffentlichen Verwaltungen angeht, nicht viel verändert.
Tja jetzt in Krisenzeiten sind Angestellte im öffentlichen Dienst wieder sexy geworden.

Zoltan Metlagel     24.01.10 16:49

@Michael Hartmann Mit welcher Effektivität die Staatsbetriebe arbeiten weiss nur der der tagtäglich mit solchen Angelegenheiten beschäftigt ist. Doppelspurigkeiten, vergessene Termine und noch einiges. Würde wenigstens 1/3 der Staatsangestellten in die Privatwirtschaft entlassen und 2/3 der Formulare abgeschafft würden wir einen viel effektieveren Betrieb haben. Und dabei nicht vergessen: Diese Leute würden auch noch Steuer zahlen!!! Meines Erachtens sind die Staatsbetriebe das Sammelsurium derjenigen Leuten die in der Privatwirtschaft versagt haben und in den letzten 10-15 Jahren AHV samme

Rainer Selk     24.01.10 14:01

Michael Hartmann 24.01.10 11:16
Seien sie beruhigt, guter Hartmann: als 'Insiderkenner' könnte ich. Werde ich aber nicht, weil das hier u.a. schlicht unmöglich ist.
Ansonsten habe ich als Parteiloser etwas gegen immer neue 'Rundumschläge' und SVP Phobieblödsinn + - pardon - linke Einzi-und-allein-Einbandstrassensichtweisen.
Guter Hartmann, mir wird es zu unsachlich und zu dumm. I.d.K.l.d.W. (wie schon woanders + früher erwähnt: in der Kürze liegt....). GutenTag.

Michael Hartmann     24.01.10 11:47

"In meiner jetzigen Firma erachte ich dieses Arbeitsmodell als sehr zweckmässig. In der Bundesverwaltung hingegen, vor allem in Führungspositionen und anspruchsvollen Sachbearbeiterstellen, sind Teilzeitjobs völlig ungeeignet. "

Ja klar, da kann man jede Menge BVG-Zwangsabgaben sparen und es sind ja eh nur 'die' Frauen.

"Die hohen Löhne im mittleren Bereich und dass eine Kündigung praktisch unmöglich ist. "

Der Mittelstand also ists, der den SVP-Boliden stört. Der gehorcht wohl noch nicht so recht und ist noch nicht empfänglich für die 'finger'sche' Politik.

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