Nach einem Drittel eines Jahrhunderts als Professor an der Uni Basel sowie insgesamt sechs Jahren als Dekan verwundert mich die Debatte um deutschen Filz an Schweizer Hochschulen nicht. Die Präsenz deutscher Professoren ist jedoch kein gravierendes bildungs- oder universitätspolitisches Problem an sich, sondern widerspiegelt hausgemachte Mängel vor allem in den Geistes- und Kulturwissenschaften an deutschschweizerischen Universitäten.
Professuren werden international ausgeschrieben. Da aber die Unterrichtssprache zur Hauptsache Deutsch ist, melden sich Bewerber nicht nur aus der Schweiz, sondern auch aus dem etwa gleich grossen Österreich und eben in grösseren Zahlen aus dem zehnmal grösseren Deutschland. Während die paar Schweizer Kollegen in Deutschland nicht auffallen, sind die Deutschen rein zahlenmässig bei uns stark vertreten. Das war schon immer so.
Was hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert? Die meisten deutschen Unis sind Massenbetriebe geworden mit viel Bürokratie, wenig Autonomie und noch weniger Lehrfreiheit. Zudem sind die Lohndifferenzen immer noch beträchtlich, so dass eine Stelle an einer Schweizer Universität für deutsche Kollegen wissenschaftlich und finanziell sehr attraktiv erscheint.
Klare Hackordnung
Eigentlich sollten wir uns darüber freuen und alles daransetzen, einerseits diese Attraktivitätsvorsprünge zu halten oder auszubauen und andererseits die Internationalisierung durch vermehrten Unterricht in Englisch zu beschleunigen und so die Rekrutierungsbasis zu verbreitern. In letzter Zeit haben sich aber in Deutschland gewisse Eliteuniversitäten profiliert und auch bezüglich Entlöhnung die Schweiz überholt, was dazu führt, dass sich heute nicht mehr unbedingt die besten deutschen Wissenschaftler in der Schweiz bewerben.
Die mit den deutschen Kollegen auftretenden Irritationen und Spannungen sind also gemäss meinen Erfahrungen mehr auf die Kulturunterschiede zwischen deutschen und schweizerischen Unis und weniger auf die unterschiedlichen Nationalitäten der Stelleninhaber zurückzuführen. Dazu kommt, dass in den Naturwissenschaften die Nationalität weniger ein Problem zu sein scheint als etwa in der Medizin oder den Geisteswissenschaften. Diese Unterschiede beruhen vor allem darauf, dass deutsche Kollegen an einen «grossen Laden» mit vielen Studenten, aber auch grossen Assistentenstäben gewöhnt sind, während wir hier, stärker angelsächsisch geprägt, junge Assistenzprofessuren oder nebenamtliche Dozentenkategorien geschaffen haben. Professoren in der Schweiz sehen sich weniger als Inhaber von streng hierarchisch strukturierten «Lehrstühlen» mit klarer Hackordnung, sondern mehr als Team-Mitglieder in übergreifenden Abteilungen mit flachen Strukturen. Im ersten Modell sind Assistenten primär ausführende Untergebene, im zweiten eher Nachwuchsforscher mit durchaus eigenen Interessen.
Aus diesem Grund sind deutsche Ordinarien grosszügige Ausstattungen mit Personal gewohnt. Zudem waren sie zu Hause Staatsbeamte auf Lebenszeit mit einem Ruhegehalt nach der Pensionierung. Unsere Unis sind hingegen selbständige öffentlich-rechtliche Anstalten mit privat- oder öffentlich-rechtlichen Anstellungsverträgen. Diese sind kündbar, z. B. wegen ungenügender Leistung, aber auch, wenn die Uni einen Fachbereich aufgeben muss. Dies – zusammen mit den privat zu stopfenden Löchern in der Zweiten Säule (oftmals Hunderttausende von Franken) – erschreckt am Anfang deutsche Kollegen.
Wer jedoch diese Risiken nicht selbstverantwortlich auf sich nehmen will, ist zumindest an unserer Fakultät fehl am Platz. Wegen der in Deutschland erlittenen «Schäden» durch die Bürokratie sind deutsche Neuberufene – zumindest am Anfang – oft formalistisch darauf bedacht, alles schriftlich festzuhalten, sich auf Jahre hinaus abzusichern oder auch unter stark veränderten Bedingungen knallhart an Berufungszusagen festzuhalten, selbst wenn andere Bereiche der Fakultät dann einseitig Opfer bringen müssen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn bei den wenigen Entlassungen von Ordinarien vor allem deutsche Kollegen dagegen protestieren. Eine Kündigung wird von ihnen als Verstoss gegen die Kollegialität empfunden.
Der heimische Nachwuchs wird durch die deutsche Konkurrenz aus einem weiteren, aber nicht den Deutschen anzulastenden Grund benachteiligt. Die vielbeachteten Rankings in top journals haben zur Folge, dass unsere Unis bei Berufungen vor allem ihre Position verbessern wollen. Sie entscheiden sich für Kollegen, die «mehr Punkte» mitbringen. Naturgemäss haben 40-Jährige bei gleicher Qualifikation mehr publiziert als 30-Jährige. Und weil bei uns die Löhne höher sind, bewerben sich in der Tat auf dem Papier «bessere» Deutsche für Stellen, die eigentlich als Nachwuchsstellen für Schweizer gedacht waren.
Das grösste Problem sind aber gar nicht die deutschen Professoren, die effektiv in die Schweiz kommen, sondern diejenigen, die sich nur strategisch bewerben, um sich anschliessend mit jeder Ablehnung im Ausland zu Hause höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen aushandeln zu können. Dem kann man aber vorbeugen. Dass gerade Top Shots nach einigen Jahren wieder wegziehen, um in Deutschland an absoluten Spitzen-Unis prominente Positionen zu besetzen, sollten wir ebenfalls nicht beklagen. Wer nur die Besten beruft, muss in Kauf nehmen, ab und zu auch wieder den einen oder anderen zu verlieren. In unserer kleinen Fakultät haben wir auf diese Weise gleich mehrere deutsche Kolleginnen und Kollegen an Deutschland verloren. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass im schlimmsten Fall nur das Mittelmass in der Schweiz bleibt.
Überempfindliche Reaktionen
Wissenschaft ist international ausgerichtet. Trotzdem gibt es wichtige Bereiche, wo die Vertrautheit mit den länderspezifischen Gegebenheiten unerlässlich ist. Dazu zählen sicher gewisse Gebiete des Rechts, der Politikwissenschaft, aber auch der Wirtschaftspolitik. Wenn unsere Studenten in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften nur noch mit amerikanischen Lehrbüchern und durch auf Deutschland fokussierte Professoren ausgebildet werden, erweisen wir ihnen und unserem Land einen schlechten Dienst. Wenn wir bei den Ausschreibungen ohne Hemmungen Frauenkandidaturen als besonders erwünscht herausstreichen, ist es mindestens ebenso legitim, in begründeten Fällen entsprechende Kenntnisse über unser Land zu verlangen.
Gewisse Fächer der Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften sind a priori immer auch «politisch». Dies kann einen Deutschen dazu verleiten, entweder bewusst gar nichts «Politisches» von sich zu geben oder dann permanent und ungefragt eher linkslastige Urteile zu fällen. Oder wie jetzt überempfindlich und zu laut auf kritische Äusserungen zu reagieren oder sogar den Rassismusvorwurf zu erheben. Hohe Wellen geworfen hat der Fall eines deutschen Wirtschaftsethikers aus St. Gallen, der in einer Anhörung durch die deutsche Regierung die schweizerische Steuerpolitik anprangerte. Das ist natürlich sein gutes Recht, aber nicht unbedingt klug. Anderseits schadet es nicht, wenn prominente Kollegen über den schweizerischen Tellerrand hinausblicken und z. B. als wissenschaftliche Berater in deutschen Ministerien aktiv sind.
Unsere Unis stehen vor grossen Herausforderungen und werden in ihrer Entwicklung durch selbstverursachte Faktoren behindert. Das fängt an mit der völlig intransparenten und komplizierten Gremienstruktur auf Bundesebene, der Verpolitisierung des Nationalfonds mit sogenannten Nationalen Forschungsprogrammen und verläuft über die regionalpolitisch korrekte Mittelzuteilung bis hin zur bürokratischen Zentralisierung und (pseudo)demokratischen Mitbestimmung von allem und jedem in den einzelnen Unis. Deutsche Kollegen oder italienische Reformen (Bologna) sind dagegen keine grundsätzlichen Gefahren. Man muss nur die Richtigen berufen und die Reformen richtig umsetzen.
Im Rückblick komme ich nicht um die Feststellung herum, dass die Attraktivität unseres Berufes durch diese Bürokratisierung und Verpolitisierung der Universitäten arg gelitten hat. Dies bestätigen gerade auch deutsche Kollegen, die schon seit längerer Zeit in der Schweiz lehren und forschen: Deutsche Verhältnisse, die sie vor zehn oder zwanzig Jahren zum Weggang aus Deutschland veranlasst haben, schwappen mit der üblichen Verzögerung zu uns herüber.
Leider gibt es Fakultäten, die in ihrer Berufungspraxis, Reformfreudigkeit und Innovationsfähigkeit zu schwerfällig, zu defensiv und zu introspektiv geblieben sind, so dass ihre Studenten mit einer gewissen Berechtigung rebellieren. Sich etwa jahrelang gegen das Bologna-System zu stemmen, ist ein reiner Kräfteverschleiss im Sinne eines Kampfes gegen Windmühlen. Tatsache ist, dass sich die Naturwissenschaften seit längerer Zeit gänzlich internationalisiert haben, aber auch die Ökonomie oder die Psychologie richten sich nach internationalen Standards aus, was sich anhand der Publikationen in englischer Sprache und in renommierten ausländischen Zeitschriften leicht nachweisen lässt.
Demgegenüber sind die Geistes- und übrigen Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum «zurückgeblieben», was notwendigerweise zu einer starken Dominanz deutscher Professoren führt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Schweizer Kollegen sich mehr mit der lokalen Politik beschäftigen und in der internationalen Forschungswelt nicht präsent sind. Dies führt dazu, dass bei den zu berufenden Deutschen ebenfalls keine international renommierten Forscher gesucht werden. Ist man schon mal zweitklassig geworden, wird man schnell drittklassig. Hausberufungen beschleunigen diesen Niedergang.
Eine gute Fakultät hat ein ausgewogenes Portfolio von heterogenen Profilen, aber einheitlichen (hohen) Leistungs- und Qualitätsstandards. Die übersehbaren Defizite in den Geisteswissenschaften sind deshalb weniger ein Ausdruck der verfilzten Kolonisierung durch die Deutschen als vielmehr ein Versagen der Universitätsleitungen, auch in diesem Bereich zeitgemässe und international wettbewerbsfähige Strukturen zu schaffen. Dies führt zur paradoxen Situation, dass sich deutsche Kollegen aus der Ökonomie, der Psychologie oder den Naturwissenschaften über ihre Landsleute aus den Geistes- und Kulturwissenschaften ärgern, weil diese hier Zustände schaffen, denen sie entflohen zu sein glaubten.













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