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13.01.2010, Ausgabe 02/10

Deutsche in der Schweiz

Schätze der Konsenskultur

Die Deutschen strömen in Scharen in die Schweiz. Dass sie uns mögen, ist ein Missverständnis. Sie halten uns für freundlich, aber wir sind bloss höflich. Deutschland hat eine Overstatement-Kultur. Die Schweiz pflegt das Understatement.

Von Andreas Thiel

Verbales Bodybuilding. Illustration: Miroslav Barták

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Wir Schweizer sind nicht freundlich, wir sind höflich. Die Höflichkeit ist eine grundlegend helvetische Tugend. Die Deutschen, bei deren Umgangsformen die Höflichkeit nicht zuvorderst steht, unterliegen dem Fehler, die schweizerische Höflichkeit als Freundlichkeit zu interpretieren. Daher kommt die Begeisterung der Deutschen für die Schweiz. Dass die Deutschen uns mögen, ist die Folge eines Missverständnisses.

 

Zum Beispiel Bier

Unsere ausgeprägten Höflichkeitsformen erlauben es uns, in der Schweiz trotz kultureller und sprachlicher Unterschiede friedlich zusammenzuleben. Die schweizerische Höflichkeit dient dem Frieden, der Stabilität und somit dem Wohlstand. Der Deutsche, der unsere Höflichkeit mangels besseren Wissens persönlich nimmt, ist sofort begeistert von der Schweiz. Bleibt er hier, wird er aber bald mit der Distanz konfrontiert, die die Höflichkeit von der Freundlichkeit unterscheidet. Er trifft auf eine Reserviertheit, die er nicht erwartet hat. Auch merkt er, dass er bei den Schweizern nicht ankommt. Trotz freundlicher Gesinnung mangelt es ihm an Höflichkeit. Es fehlt ihm sowohl der freundliche Umgangston wie auch die nötige Distanz.

Die Deutschen haben ein konfrontatives Gesprächsverhalten. Was ein Deutscher sagt, klingt in unseren Ohren oft wie ein Befehl. In der Schweiz hingegen pflegt man die permanente Deeskalation. Das Gesprächsverhalten des Schweizers ist nicht gezielt vorpreschend, sondern präventiv abschwächend. Unsere höchsten Güter sind der Konjunktiv und der Diminutiv. Flankiert werden diese Schätze der Konsenskultur noch von der beschwichtigenden Verharmlosung, der anekdotischen Übertreibung und der auflockernden Ironie.

Ein deutscher Freund fragt mich in der Beiz: «Noch ein Bier?», um dann nach einem kurzen «Ja» meinerseits folgende Bestellung aufzugeben: «Noch zwei Bier!» Schweizer hingegen deeskalieren Frage, Antwort und Bestellung präventiv: «Was meinsch, sölle mer ächt no eis näh?» – «I gloube, s chönnt nüt schade . . .» – «Mir numte de äuä no eis.»

Je ernster das Gespräch ist, desto vielfältiger sind die Deeskalationsfloskeln, die wir zur Versachlichung des Themas anwenden. Ein Schweizer vermeidet absolute Sätze wie: «Das stimmt nicht!» Er würde eher sagen: «Vielleicht liege ich komplett falsch, aber könnte es nicht auch sein, dass . . .?». Statt «Das geht nicht» sagt er vielleicht: «Vielleicht sollte ich das jetzt nicht sagen, aber wäre es nicht noch eine Überlegung wert . . .?»

Im absoluten Ernstfall greift der Schweizer zur Verharmlosung. Entsteht bei einem Unfall erheblicher Blechschaden, sagt der Geschädigte zum Schuldigen: «Das isch nid eso schlimm.» Es handelt sich dabei um deeskalierende Höflichkeit und nicht um Freundlichkeit.

Die Übertreibung wiederum dient der Auflockerung verfahrener Situationen. Ein Satz wie «Das unterschreibe ich nicht» geht dem Schweizer schwer über die Lippen. Er lacht eher kollegial und fragt: «Wollen Sie mich in Ketten legen?», oder erkundigt sich nach der Reiseroute der Galeere, auf die man ihn zu verbannen gedenke. Auch die helvetische Ironie dient der Entspannung hitziger Debatten: «Wissen Sie was? Sie haben recht! Aber nur bis nach der Kaffeepause.»

Das Fundament des schweizerischen Konsenses ist der Diminutiv. Nichts wirkt deeskalierender als «I schicke dir es Verträgli», «I gloube, mir müesse mau zäme nes Wörtli rede . . .», «Möge mer no nes Fläschli?» oder «Mir hei drum es Böötli uf em Thunersee».

Chaotische Satzstellungen

Einem deutschen Freund ist dennoch kaum zu raten, er möge das schweizerische Gesprächsverhalten einfach übernehmen. Viele wichtige Dinge darf man in der Schweiz nicht verniedlichen. Wo Geld, Macht und Autorität im Spiel sind, kann man den Schweizer mit dem Diminutiv leicht beleidigen. Gerade beim Diminutiv bekommt der Schweizer sehr schnell das Gefühl, man mache sich über ihn lustig. Die Verwendung der Endung «-li» im Hochdeutschen klingt wie eine schlechte Parodie. Viele Schweizer würden Deutsche, die vermeintlich helvetische Diminutive in ihre deutschen Sätze einpacken, gerne erwürgen. Aber das widerspräche unserer Deeskalationsstrategie. Wären wir freundlich, würden wir die Deutschen natürlich auf dieses Malheur aufmerksam machen. Aber das tun wir nicht. Wir sind zu höflich.

Wenn schon, sollten Deutsche, solange sie Hochdeutsch reden, beim Verniedlichen auch die korrekte deutsche Endung «-chen» benützen oder dann gleich ganze schweizerdeutsche Floskeln auswendig lernen und zwischen ganz normalen hochdeutschen Sätzen bei Gelegenheit gezielt einsetzen. Mit Sätzen wie «Geits no?!», «Mir isch gliich» oder «Pfinger ab der Röschti» macht man sich eher Freunde als mit «Ich hab mal dort drübe nes Stängeli getrunke, es hat nur drü Fränkli gekostet».

Deutschland hat eine Overstatement-Kultur. Die Schweiz pflegt das Understatement. Schweizer sind tendenziell unsicher und underdressed, dafür gut rasiert, und zwar mit der teuersten Klinge, die gerade zu haben war. Der Schweizer liebt Qualität, aber er trägt sie nicht zur Schau. Je mehr Vermögen ein Schweizer hat, desto kleiner ist das Auto, das er fährt. Dass es vollbepackt ist mit sämtlichen Extras, die ab Werk nicht dabei waren, braucht ja keiner zu wissen. Beim deutschen Autofahrer hingegen sieht man auf den ersten Blick das Maximum, das er sich leisten kann.

Schweizer pflegen das Understatement auch sprachlich, und das bei weitem generöser als nur mittels des Diminutivs. Der Schweizer spricht grundsätzlich mit chaotischer Satzstellung, wobei er grammatikalische Mischtechniken zu verwenden scheint. Sätze wie «Chum, mir göh go nes Kafi go näh» erscheinen uns fraglos geglückt, obwohl sie eigentlich eine grammatikalische Katastrophe darstellen («Komm, wir gehen gehen einen Kaffee gehen nehmen»).

Geradezu eine Passion der Schweizer ist es, Redewendungen zu vermischen: «Jetzt müssen wir mal einen Nagel einschlagen, der Hand und Fuss hat!» oder «Da haben wir das Pferd von hinten auf den Kopf getroffen». Der Schweizer weiss, dass er nicht druckreif schriftdeutsch sprechen kann, also macht er aus der Not eine Tugend und improvisiert Metaphern sinngemäss. Das Gegenüber weiss dann schon, wie es gemeint war.

Gesagt und gemeint

Der Deutsche unterscheidet sich da wesentlich vom Schweizer. Deutsche nageln sich gegenseitig grammatikalisch fest. Deutsche sind für Schweizer verbale Bodybuilder. Wenn ein Deutscher seinem Schweizer Gesprächspartner vorhält: «Dies hast du gesagt!», und der Schweizer erwidert: «Ja, aber ich habe das gemeint . . .», dann beharrt der Deutsche auf seinem Standpunkt: «Nein, du hast es so gesagt!» Da kommt im umgekehrten Fall der Deutsche dank der schweizerischen Deeskalationsmischtechnik viel besser davon: «Hast du vorhin nicht dies gemeint?» – «Nein, ich habe das gesagt!» – «Ach, so hast du das gemeint . . .»

Dass das helvetische Gesprächsverhalten, obwohl es weniger geschliffen daherkommt, wegen der durch sprachlichen Unernst beschützten Sachlichkeit zwischen den Zeilen viel effizienter und ergiebiger ist als eine nüchtern-präzise Gesprächskultur, zeigt sich schon am Gang der Schweizer Wirtschaft, von Wissenschaft und Forschung ganz zu schweigen.

Die Schattenseiten dieser Konsenskultur liegen in der öffentlichen Zensur im Namen des Konsenses. Selbst unser Humor hat sich zwischen die Zeilen verlegt. Der Konsens lässt weder das unglaublich Schlechte noch das bemerkenswert Gute zu. Auch das Hervorragende und das Aussergewöhnliche werden auf den Konsens zusammengestutzt.

Das deeskalierende Understatement artet zeitweilig in Selbstverneinung aus («La Suisse n’existe pas»), in Anbiederung (Bergier-Bericht) und in Selbstzerfleischung (Bankenvergleich). Aber wenn man es zwischen den Zeilen betrachtet, dann war auch das alles nicht ganz so ernst gemeint. Die Schweiz war nur höflich.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 02/10
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Kommentare

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Andreas Klein     07.02.10 19:07

Thema Bier - bei allem gebotenen Respekt, das was hier ausgeschenkt wird ist ein Schädelsprenger erster Klasse. Ich bin auf´s Panasch umgestiegen, weil ich am Morgen nicht mit einem dicken Kopf aufwachen wollte.
Die Grosskonzerne haben offensichtlich die kleinen Brauereine platt gemacht - und jetzt gibt es so ein Einheitsgesöff.
Und ein Bier bestellen muss schnell gehen, weil man ja Appetit drauf hat. Ich will bestellen und trinken und keine Grundsatzdiskussion ob ja oder nein oder vielleicht führen !

Andreas Klein     07.02.10 19:03

Hmmmmmm, da wird gesagt "Unsere ausgeprägten Höflichkeitsformen erlauben es uns, in der Schweiz trotz kultureller und sprachlicher Unterschiede friedlich zusammenzuleben. Die schweizerische Höflichkeit dient dem Frieden, der Stabilität und somit dem Wohlstand."
Ist nichts Besonderes, haben wir in Deutschland auch - der Norden spricht ganz anders als die Mitte (Köln) oder der Süden (Bayern) oder ganz exotisch - der Osten (Sachsen) und wir kommen alle gut miteinander aus.

Frank Frei     27.01.10 19:58

Vielen Dank Herr Tiel, dass endlich mal wieder einer sagt, dass Schweizer doch auch ganz tolle Menschen sind.
Zumindest einige bräuchten wohl häufiger derlei Streicheleinheiten.
Beängstigend nur - die Deutschen scheinen das schon zu wissen. Wieder ein Punkt für die Deutschen?
Lassen sie uns nur hoffen, dass sie diesen Vorteil nicht auszunutzen wissen und nach dem deutschen Hochschulfilz hier bald auch noch deutscher Autorenfilz wuchert und die ganze feine Ironie bedeckt. Gar nicht auszumalen, wenn noch einer darauf käme dem Ganzen etwas Selbstironie beizumischen. Furchtbar, nicht auszuhalten.

Ernst Hiestand     24.01.10 23:50

Ist die Schweiz wirklich so ein reines Kind?
Auf meinem letzten Aufenthalt in der alten Heimat (2008) hörte ich von Zeit zu Zeit den Unwillen dass zuviele Deutsche in die Schweiz kommen.
Meine Antwort und Frage:
Ja es sieht so aus als ob Ihr ja die Ausländer braucht somit frage ich, hättet Ihr lieber noch mehr Jugos/Albanier als Deutsche?
Ich auf jeden Fall ziehe eine Deutsche/er ...x mal vor einem Jugo/Albanier.
Gruss von Kanada.

Eberhard Jonath     20.01.10 19:24

Eberhard Jonath
Rainer Selk

Aber, aber, das war doch nicht ernst gemeint! Der Artikel von Andreas Thiel war das Beste und Zutreffendste, was ich je über das Verhältnis Schweiz/Deutschland gelesen habe!
Eberhard Jonath

Rainer Selk     20.01.10 18:24

Peter Schlegel 20.01.10 14:43
Habe meinen Ausführungen zu Bergier nichts hinzuzufügen.
Peter Schlegel 20.01.10 14:52
'Ich schrieb, kein anderes Land sei so selbstkritisch mit der eigenen Geschichte wie Deutschland.'
Habe ich gelesen: meinen Ausführungen ist nichts hinzuzufügen.

Man muss da schon etwas tiefer Graben, aber eben, auch eine never-ending-aufarbeitungs-story führt nicht zu 'Ergebnissen' bzw. zu noch weiterer 'Verschuldung'. Auch die: hauptsache weggeschaut 'aufgearbeitet'. After me the flood ist die D Devise. Scheusslich....

Rainer Selk     20.01.10 16:35

Eberhard Jonath 20.01.10 10:37
'Gut, daß ich nun gewarnt bin! Um nicht erwürgt zu werden...'

Aber, aber, hier wird doch niemand erwürgt ....Vorsicht, auch an 'Luxemburgerli' (so heissen die nämlich) kann man 'ersticken' und zwar dann, wenn man sie nicht mit Ruhe und Genuss 'geniesst'. Am 'go poschte' wird niemand gehindert,doch nicht wegen einer 'nicht konformen' Meinung, nö, nein, sicherlich nicht... Negerküsse sind hier schliesslich auch Mohrenköpfe.....letztendlich und so.

Peter Schlegel     20.01.10 14:52

Rainer Selk,

Ich schrieb, kein anderes Land sei so selbstkritisch mit der eigenen Geschichte wie Deutschland. Das heisst nicht, dass es auch in D noch ungenügend aufgearbeitete Kapitel gibt.

Ausserdem: Von vielen Deutschen wird die DDR eben gar nicht als "eigene" Geschichte angesehen.

Im Vergleich zu den USA (Indianer, Schwarze, Vietnam,...), GB (Burenkriege, Kolonialismus,...), Japan (Faschismus, China,...), Russland (Stalin,...), der Türkei (Armenier,...), Spanien (Indianer,...), Italien (Faschismus,...),... geht D eben sehr selbstkritisch mit der eigenen Geschichte um!!!

Peter Schlegel     20.01.10 14:43

Rainer Selk,

Der Bergier-Bericht hat mit nationalistischen Mythen, die bei weiten Teilen der Bevölkerung herrschten, aufgeräumt.

Das hat natürlich insbesondere den Nationalisten nicht gepasst. Deshalb wurde der Bergier-Bericht ja vor allem von der SVP und Rechtsextremen kritisiert.

Dieter Lohmann     20.01.10 12:43

Eberhard Jonath

Sie sollten den Unsinn, der in diesem rechtskonservativen Isolationisten-Blatt steht nicht ernst nehmen.

Es handelt sich hier um eine reine Stimmungsmache gegen Deutsche. Damit will das SVP-Propagandablatt die Politik der SVP stützen.

Zufälligerweise hat die Weltwoche immer die gleichen Sündenböcke als Thema wie die SVP. Zuerst die Muslime, jetzt die Deutschen!

Peinlicher und niveauloser Journalismus!

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