Wie bringt man die besten Leute an die Schweizer Hochschulen? Berufungen aus dem Ausland, das ist der eine Weg. Der akademische Markt sollte international spielen und zwar nicht nur im deutschsprachigen Europa. Das andere Reservoir ist der einheimische Nachwuchs. Hier glaubt der FDP-Nationalrat Ruedi Noser einen Notstand auszumachen. Die Schweiz mache viel zu wenig für ihre hellsten Köpfe. Es fehle ein Konzept für die systematische Förderung von Talenten.
Der Ruf nach staatlicher Begabtenförderung kommt aus einer eher unerwarteten Ecke und ist breit über die Parteien hinweg abgestützt: Dreissig Parlamentarier von Grün bis SVP unterstützen Nosers Postulat. Der im Dezember eingereichte Vorstoss verlangt, dass bei der Vergabe von Stipendien auch die Leistungen zu berücksichtigen seien (in der Sprache der Exzellenz «performance-based»). Gegen diesen Ansatz ist wenig einzuwenden, werden leistungsabhängige Stipendien doch in vielen anderen Ländern bereits mit Erfolg eingesetzt.
Weiter geht ein anderer Vorschlag: Vielversprechende Studenten sollen schon früh in speziellen Studienprogrammen interdisziplinär geschult und in die Spitzenforschung eingebunden werden. Ob dies in anderen Disziplinen Sinn macht, ist schlecht zu beurteilen. Ich beschränke mich deshalb in meinen Ausführungen weitgehend auf die Ökonomie. Immerhin ein Massenfach, bei dem man eher vermuten könnte, dass helle Köpfe übersehen werden.
Um es vorwegzunehmen: Meiner Ansicht nach braucht es diese neue Förderung nicht. Die Schweiz hat nämlich bereits eine exzellente Förderung von Talenten sofern diese bewährten Kanäle nicht zugrunde reformiert werden. Und selbst wenn es eine zusätzliche Förderung brauchte, wäre es fraglich, ob dies systematisch durch eine staatliche Organisation geschehen sollte. Eine gelenkte und noch stärker administrierte akademische Förderung beschneidet den Freiraum der Universitäten und macht sie gerade für die Klügsten unattraktiver.
Das grösste helvetische Förderinstrument ist die faktisch kostenlose universitäre Ausbildung auf hohem Niveau. Helle (und nicht ganz so helle) Köpfe erhalten schon heute Stipendien in der Höhe von einigen zehntausend Franken pro Jahr. Dies im Gegensatz zu den USA, wo (private!) Förderstiftungen tatsächlich eine wichtige Rolle übernehmen können und müssen.
Mit dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) besteht bereits ein sehr grosszügig dotiertes staatliches Forschungsförderungs instrument. Nicht alle finden gut, was der SNF macht. Doch wenn dem SNF die Förderung der Talente nicht gelingt, dann dürfte dies auch eine andere staatliche Initiative nicht schaffen. Dazu aber später.
Stille Genies sind eine Fiktion
Als Ökonomin neige ich zur Ansicht, dass sich der Staat nur dann zusätzlich in die Bildungspolitik einmischen soll, wenn es ohne diese Einmischung zu einem schlechteren Ergebnis kommen sollte als mit. Im vorliegenden Fall würde dies heissen, dass ohne gezielte staatliche Förderung die hellsten Köpfe untergingen. Dies halte ich für ziemlich unwahrscheinlich.
Helle Köpfe, die es einmal an die Uni geschafft haben, gehen nicht mehr unter. Die stillen Genies, die niemandem auffallen, sind eine Fiktion. Dafür sorgt nur schon der Wettbewerb zwischen den Professoren, die nach herausragenden Forschungsmitarbeitern suchen. Die schweizerischen Hochschulen sind im internationalen Vergleich noch immer überschaubar. Und selbst in Massenveranstaltungen mit 1400 Studierenden fallen kreative Leute auf sei es durch sehr gute Noten, intelligente Fragen in der Pause oder Reklamieren.
Etwas böser ausgedrückt: Kluge Köpfe, die sich nicht bemerkbar machen, sollten vielleicht gar nicht gefördert werden. Denn für eine Forscherkarriere ist die Fähigkeit, sich bemerkbar zu machen, gerade eine der herausragenden Bedingungen, mindestens so wichtig wie die in Prüfungsnoten abgebildeten kognitiven Fähigkeiten. Meine besten Doktoranden waren nicht immer diejenigen mit den höchsten Noten.
Die verfügbaren Zahlen zeigen ohnehin keinen systematischen Verlust von Talent. In der Rangliste der Nobelpreise pro Kopf der Bevölkerung nimmt die Schweiz hinter den «Schwergewichten» Färöer und St. Lucia den dritten Platz ein.
Die Nobelpreisträger-Dichte in der Schweiz ist rund dreimal höher als in den USA oder in Deutschland (wo sich immerhin elf staatlich unterstützte Begabtenförderungswerke laut der noch privaten Schweizerischen Studienstiftung mit Erfolg um die studentische Elite kümmern). Auch in der Ökonomie scheinen die talentierten Schweizer Forscher bisher nicht unter die Räder gekommen zu sein. Dabei vermittelt der Blick auf die Lehrstühle in der Schweiz ein ziemlich verzerrtes Bild. Eine sehr grosse Anzahl der hellen Köpfe forscht und lehrt nämlich im Ausland, darunter einige internationale Stars wie der Ökonom René Stulz (Ohio State University) und die Harvard-Professorin Iris Bohnet (die in der Weltwoche Nr. 24/07 porträtiert wurde).
Wer sich die Liste auf www.swisseconomistsabroad.org/members/ anschaut, kommt eher zum Schluss, dass die Abwanderung (Brain-Drain) der durch die Studienstiftung zu entdeckenden Genies das dringendere Problem ist. Und sollte ich mit dieser Analyse falsch liegen, so stellte sich immer noch die Frage, ob die vorgeschlagene staatliche Initiative für eine nationale Studienstiftung das Richtige ist. Das glaube ich eher nicht.
Wer soll denn wie entscheiden, wer vielversprechend ist? Ein Notenschnitt? Das bedeutete noch mehr Druck, gute Noten zu verteilen, und noch mehr Rekurse. Bewerbungen mit Forschungsplan und Empfehlungsschreiben? Das brächte noch mehr Bürokratie und unproduktive Auswahlsitzungen mit sich. Wer entscheidet, welche «speziellen Studienprogramme» organisiert werden, bei denen die Klügsten interdisziplinär geschult werden? Weshalb haben sich denn diese genialen Programme nicht schon längst im Studienbetrieb durchgesetzt?
Und weshalb müssen sie unbedingt «interdisziplinär» sein? Die forschungsmässig und wirtschaftlich erfolgreichsten Interdisziplinaristen sind heute von der Wichtigkeit einer starken disziplinären Ausbildung überzeugt. Der Bioinformatiker Ivo Sbalzarini von der ETHZ (ein kluger Schweizer, der trotz fehlender Studienstiftung nicht übersehen wurde) meinte in einem Interview, dass eine forcierte interdisziplinäre Ausbildung eine schlechte Voraussetzung für einen Erfolg bei fachübergreifenden Fragestellungen sei: Interdisziplinär geschulte Leute seien am Ende häufig weder Fisch noch Vogel.
Viel heikler scheint mir allerdings, dass sich eine staatliche Förderung wohl kaum der politischen Einflussnahme entziehen kann. So müsste in gewohnt schweizerischer Manier peinlich drauf geachtet werden, dass ja keine Gruppe untervertreten ist und alle Regionen, Sprachen, Disziplinen, Universitäten, Geschlechter, sozioökonomischen Gruppen etc. angemessen berücksichtigt werden.
Zu guter Letzt schränkt eine zusätzliche Bürokratisierung die Freiräume der Universitäten weiter ein. Sie läuft somit der teilweise anarchischen Natur der Spitzenforschung fundamental zuwider. Schon heute wende ich einen viel zu grossen Teil meiner Arbeitszeit auf für administrative Arbeiten, Referenzschreiben für irgendwelche Auslandaufenthalte, Rekurse und Ähnliches. Mit einer staatlich verordneten Exzellenzförderung hätten meine Kollegen/-innen und ich noch weniger Zeit, die jungen Talente unbürokratisch zu fördern und in die Forschung zu integrieren.
Die erfolgreichste Unterstützung der Besten lässt sich ohnehin nur durch eine hohe Qualität des Forschungs- und Lehrbetriebs an den schweizerischen Universitäten erreichen. Dazu braucht es in erster Linie fachlich hochqualifizierte und engagierte Professoren/-innen mit genügend akademischem Freiraum. Mit noch mehr administrierten und zeitraubenden Förderungsmassnahmen holen wir die ausgewanderten Schweizer Talente niemals zurück. Doch gerade sie wären prädestiniert, weitere Genies im Inland zu entdecken und zu fördern.













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