Mit der Wirklichkeit ist das so eine Sache. Sie ist nicht rundum gelungen. Wir stecken in ihr fest, mit Haut und Haaren, und können nicht nach Laune mal in sie rein und wieder raus wie in ein Haus. Deshalb gibt es die Fantasie. Mit ihr lässt sich die Wirklichkeit simulieren. Der Film ist das faszinierendste Fantasie-Spielzeug, das endlich der Wirklichkeit auch immer näher kommt. Jüngster Höhepunkt ist die täuschend echte Illusion des dreidimensionalen Raums. Es gibt allerdings neben der physischen Methode noch einen anderen Weg, der Realität auf die Pelle zu rücken: die psychologische.
Ein erster Weg war das Method-Acting, die Einübung eines brachialen Naturalismus in der Schauspielkunst. In den fünfziger Jahren gab es kaum einen Hollywoodstar, der nicht vom Lee-Strasberg-Meissel bearbeitet worden wäre. Einen neuen Gipfel erklomm der Franzose Jacques Audiard mit seiner atemberaubenden Sozial- und Psychostudie «Un prophète». Sie ist ein Kraftakt gnadenloser Nähe. Radikal von Opulenz entschlackt, saugt die Kamera den Zuschauer mit dem Helden hinein in die rohe Wirklichkeit eines Knasts und lässt ihm so wenig Ruhe wie dem neunzehnjährigen Maghrebiner Malik.
Zu sechs Jahren wird der Analphabet verurteilt und gerät in die Fänge einer korsischen Mafia. Vom mächtigen Luciani, der über Bestechung hinter Gittern schaltet und waltet, wie er will, wird Malik gezwungen, einen arabischen Mithäftling zu ermorden. Macht ers nicht, wird ihm die Kehle aufgeschnitten, macht ers, erhält er Privilegien und steht unter dem Schutz Lucianis. Maliks Gewissenskonflikt wird rücksichtslos dem Zuschauer aufgehalst. Malik, areligiös und ungebildet, belegt Schreib- und Sprachkurse, erledigt Botengänge, wird zu Freigängen rausgeschickt, spielt die Clans draussen und die Muslime und Korsen im Knast gegeneinander aus, bis er am Ende die Macht in Händen hält. Das Leben im Gefängnis hat ihn gewaltgeschärft, mit den Bildungsfortschritten wird er immer brutaler. Im Gegensatz zum Klassiker «Le trou» (1960) von Jacques Becker, der gerne mit Audiards Film in Zusammenhang gebracht wird, ist «Un prophète» kein blosser Knastfilm, sondern eine Studie über Moral und Sozialisation. Das Gefängnis als Metapher und eine unbarmherzige Kamera liegen im Trend («Big Brother» und Co.). Der Mangel an künstlerischer Distanz wurde Audiard zum Vorwurf gemacht. Er ist fehl am Platz. Nur mit «nackten» Bildern kann eine Wirklichkeit errungen werden, die nicht einlullen, sondern beunruhigen will.













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