Die Debatte um die Personalrochaden bei der Post und die Strategie des neuen Verwaltungsratspräsidenten Claude Béglé erreicht den Siedepunkt. Gelassenheit ist gefragt. Zu beachten sind fünf Punkte. Erstens: Die Auswechslung des früheren operativen Postchefs Michel Kunz und die damit verbundenen Abgänge im Verwaltungsrat wurzeln in Meinungsverschiedenheiten zur Konzernstrategie. Wenn die Richtung eines Unternehmens neu bestimmt werden muss, kommt es immer zu Reibereien. Kreative Spannungen gehen allen wichtigen Entscheidungen voraus. Das ist gut so. Der Chef ist zu loben für die Bewegungen, die er in Gang setzte. Die Frage bleibt, welche Strategie am Schluss herauskommt. Dazu sind bis jetzt widersprüchliche Signale zu vernehmen. Strittig sind vor allem Béglés Aussagen, er wolle mit einer Auslandstrategie Profiteinbussen im Inlandgeschäft ausgleichen. Der Postchef beteuert glaubhaft, er wolle keine grössenwahnsinnigen Expansionen entfesseln.
Zweitens: Die Post steckt in Schwierigkeiten. Sie ist ein Monopolist, den es nicht mehr braucht. Ihr grösstes Problem sind die nachlassenden Erträge in ihrem klassischen Geschäftsfeld, dem Briefverkehr. Er ist zu teuer und bringt zu wenig ein. Traut man den Aussagen Béglés, möchte er dieses Problem nicht allein durch Einsparungen, sondern durch neue, grenzübergreifende Geschäftsmodelle lösen. Statt staatlicher Subventionen sollen selbst erwirtschaftete Gewinne aus anderen Konzernteilen eine breite Grundversorgung gewährleisten. Firmenkäufe im Ausland sind ein Thema. Am Service public will Béglé unbedingt festhalten, auch wenn er aus eigener Kraft nicht zu finanzieren ist. So viel war zumindest den Interviewaussagen des Verwaltungsratspräsidenten zu entnehmen.
Aus unternehmerischer Sicht liegt hier ein Denkfehler vor: Defizitäre, marode Teile einer Firma müssen saniert, nicht subventioniert werden. In den kranken Bereichen sind radikale Massnahmen gefragt: Kostensenkungen und/oder bessere Leistungen. Es ist keine schlüssige Strategie, das schwindende Briefgeschäft künstlich auf einem Niveau zu halten, das der Markt nicht mehr hergibt. Béglé scheint das Service-public-Problem mit Auslandgewinnen, die es noch nicht gibt, zudecken zu wollen. Das geht nicht auf.
Drittens: Die Post ist ein Staatsbetrieb. Es kann nicht die Aufgabe eines Staatsbetriebs sein, im Ausland Geschäfte zu machen. Dazu befähigt ihn nichts. Noch grundsätzlicher: Staatsbetriebe sind gar nicht dazu da, Geschäfte zu machen. Das ist Aufgabe der Privatwirtschaft. Darüber hinaus sind die Risiken zu gross. Wenn Staatsbetriebe ins Ausland expandieren und scheitern, können sie nicht wie private Firmen handeln. Personalabbau, Unternehmensverkäufe, Teilliquidationen bei serbelnden Staatsbetrieben werden zu Staatsaffären. Meistens müssen die Steuerzahler ausbaden, was ihnen die Politik einbrockte. Wenn der Verwaltungsratspräsident der Post zum Schluss kommt, die Post müsse im Ausland wachsen, sollte er dem Bundesrat zuerst den Antrag stellen, die Post zu privatisieren. Und: Wenn es so einfach ist, im Ausland Geschäfte und Gewinne zu machen, wieso verkauft man dann nicht die Post zu einem guten Preis? Die Hoffnung, ungelöste Probleme durch neue Eroberungen zu überwinden, ist ein unternehmerischer Weg in den Abgrund.
Viertens: Was macht eigentlich der Bundesrat? Die Eidgenossenschaft ist 100-Prozent-Eigentümerin der Post. Das Unternehmen steht vor schwierigen Entscheidungen. Man hat nicht den Eindruck, dass sich der zuständige Minister, Moritz Leuenberger, ein Bein ausreisst, um die Interessen der Eigentümer wahrzunehmen. Er wird mit flapsig-esoterischen Bemerkungen zitiert, die als Illoyalität gegen Béglé ausgelegt werden können. Seine späte Solidaritätsadresse vom Montag – «Die Arbeit von Béglé wird sehr geschätzt» – lässt nicht auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit den strategischen Grundfragen der Post schliessen. Keine Missverständnisse: Die Weltwoche plädiert nicht dafür, Bundesräte zu Unternehmensführern umzurüsten. Aber wenn der Bund nun einmal Eigentümer einer Firma ist, dann hat er seine Verantwortung wahrzunehmen.
In der Marktwirtschaft bestimmen die Besitzer. Hat sich der Ironiepolitiker Leuenberger wirklich ins Dossier vertieft? Sass er mit den Verwaltungsräten zusammen, um sich Strategievarianten vorlegen zu lassen? Es macht nicht den Anschein.
Umfrage: Ist Moritz Leuenberger nicht schon viel zu lange im Amt?
Fünftens: Claude Béglé ist ein weitgereister, faszinierender Gesprächspartner mit einem grossen Interesse für Geschichte und Politik. Er verfügt über diplomatisches Gespür und die Einsicht, dass die Post als Spielball der Gewerkschaften und der Politik hohe Anforderungen an den Auftritt der Firmenführung stellt. Das Durcheinander, das er mit seinen zahlreichen Stellungnahmen vor Weihnachten erzeugte, ist nicht ein Beleg für mangelndes Kommunikationsgeschick, sondern ein Hinweis darauf, dass dem Verwaltungsratspräsidenten die Botschaft nicht klar war, die er loswerden wollte.
Es mag ja sein, dass alte Seilschaften um die frühere Postführung dem Neuen das Leben nach Kräften schwermachen wollen. Béglé ist sicher auch Opfer medialer Herdenreflexe geworden. Im Kern aber hat er sich das Schlamassel selber zuzuschreiben: Es gelang ihm noch nicht, eine klare Strategieansage vorzulegen. Seine Auslandpläne sind unausgegoren, möglicherweise im Ansatz falsch. Dass Bundesrat Leuenberger keinen granitsoliden Rückhalt bietet, muss Béglé schon beim Stellenantritt klar gewesen sein. Ein Teil des Postgezänks ist schöpferische Unruhe und insofern zu begrüssen. Jetzt aber muss Béglé schlüssige Konzepte vorlegen. Dann wird Ruhe einkehren in der Schweiz.
Eine hochinteressante neue Dissertation befasst sich mit der Frage, ob der Islam und der moderne westliche Verfassungsstaat vereinbar seien. Der Autor ist skeptisch. Ganz knapp zusammengefasst: Religionsfreiheit wird im Islam nicht voll akzeptiert. Die westliche Tradition der Verweltlichung Säkularisierung – gilt als Ausdruck von Gottlosigkeit. Es bleibt die Aufgabe des islamischen Staates, eine göttliche Ordnung zu verwirklichen. Die Gleichheit der Menschen wird nicht akzeptiert. Eine Abkehr vom Islam ist als eine Art Treuebruch der Verachtung und Verfolgung preisgegeben. Die Thesen sind brisant. Wir werden darauf zurückkommen.













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