Bischof Kurt Koch legt in seinem Essay (Weltwoche Nr. 51/09) dar, weshalb die römisch-katholische Kirche trotz aller Dauerkritik auch in der heutigen Zeit erfolgreich sei. Als Erfolg betrachtet er unter anderem die Grösse und widmet diesem Aspekt den ersten Abschnitt. Gänzlich unerwähnt bleiben die Bibel, das Evangelium und Jesus Christus. In der Tat liegt der Ursprung der römisch-katholischen Kirche in ihrer heutigen Gestalt nicht im Evangelium, sondern am Ende des 6. Jahrhunderts, als der Bischof von Rom das Erbe der römischen Kaiser antrat und sich damit in die lange Tradition der orientalischen Despotie einreihte. Damit soll keineswegs gesagt sein, Koch und andere römisch-katholische Amtsträger hätten keinen Glauben. Indessen spielt dieser Glaube bei ihren kirchenstrategischen Überlegungen keine entscheidende Rolle – so wenig wie der Glaube eines Ingenieurs bei der Anwendung der Ingenieurnormen.
Koch blendet aus, dass das entscheidende Ereignis des Christentums ein Misserfolg war: die Kreuzigung. Misserfolge kennzeichneten auch die Tätigkeit der Apostel, und schon im Alten Testament wird deutlich, dass der vordergründige Erfolg oft geradezu im umgekehrten Verhältnis zur Gottesnähe steht. Die verlässlichsten Zeugen Gottes waren nicht die Priester, sondern die Propheten, die aus dem Nichts heraus berufen wurden, Anstoss erregten und manchmal in schwere Bedrängnis gerieten.
Bemerkenswerte Schonung
Koch sieht seine Kirche unter Dauerkritik, weil sie dem Zeitgeist widerstehe. Kritisiert wird allerdings meistens nicht die Kirche, sondern die Kurie. Zum Beispiel im römisch-katholischen Stammland Irland, weil sie strafbare Übergriffe von Priestern jahrzehntelang gedeckt hat. In Spanien steht sie unter Kritik, weil sie jahrzehntelang mit der Franco-Diktatur verbündet war. Weitere Beispiele wären leicht zu finden, aber von flächendeckender Dauerkritik kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Medien gewähren der Kurie eine bemerkenswerte Schonung. Selbst nachdem der Papst einen Holocaust-Leugner rehabilitiert hatte, verebbte die Kritik nach wenigen Tagen. Das hat seinen Grund: In unserer Zeit, wo das Wort vom Bild verdrängt wird, kommt eine Kirche, die sich selber wie ein altägyptischer Hof inszeniert, wie gerufen. Mit nichts lässt sich das Ressort «Religion» so mühelos füllen wie mit Bildern wallender Gewänder von Bischöfen, Kardinälen und Päpsten. Zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Medien besteht längst ein erfolgreiches Joint Venture. Dass sie sich den modischen Strömungen tapfer widersetze, ist ein Mythos. Der Personenkult des Vatikans, der seit dem 19. Jahrhundert dank Fotografie und Eisenbahn stets neue Höhen erklomm, bedient die einfachsten Triebe moderner Kommunikation. Sein Begründer war Papst Pius IX., für den in der Weltwoche ebenfalls ein Lob abfällt. Pius IX. hatte die Gettoisierung der Juden im Kirchenstaat erneuert und ihnen die Ausübung der meisten Handwerksberufe sowie den Immobilienbesitz verboten. Den Talmud setzte er auf den Index. Die angestrebte Seligsprechung Pius IX. musste 1922 wegen seiner judenfeindlichen Gesinnung abgeblasen werden. Erst die «Zwillingspäpste» Wojtyla und Ratzinger schafften sie im September 2000 – unter heftigem Protest jüdischer Organisationen.
Was die Kurie besonders erfolgreich bewirtschaftet, ist der priesterliche Vermittlungsanspruch und die Quasigleichsetzung des Papstes mit Gott. Der Titel «Heiliger Vater» ist offiziell – obwohl im Evangelium explizit verboten. «Und niemanden auf Erden sollt ihr euren Vater nennen; denn einer ist euer Vater, der im Himmel» (Matthäus 23, 9). Die Vermischung von Papst und Gott ist ein Erbstück der orientalischen Despotie. Das jüdisch-christliche Gottesverständnis steht dazu in klarem Gegensatz, angefangen beim Auszug der Israeliten aus Ägypten bis hin zur Aussage Jesu, wonach der Tempel überwunden sei.
Schwund des Gottvertrauens
Das Paradigma der christlichen Gemeinde sind nicht Tempel und Priester, sondern Synagoge und Rabbiner. Der Rabbiner wird von der Gemeinde beauftragt und ist ohne kultischen Vorrang. Seine Autorität beruht allein auf dem Auftrag und der theologischen Sachkenntnis. Der Hebräerbrief lässt keinen Zweifel daran, dass der Hohepriester von Jesus Christus letztgültig verkörpert und somit überwunden ist. Auch für die Einheit der Christen ist ein Papst unnötig, denn die Einheit ist eine geistige Grösse und erträgt durchaus verschiedene konfessionelle Ausprägungen. Auch die Gemeinden von Rom, Korinth, Galatien und Ephesus waren unterschiedlich ausgeprägt. Superstrukturen wären denkbar und sinnvoll, nämlich ein Petrusamt ohne Entscheidungskompetenzen nach dem Vorbild der konstitutionellen Monarchie sowie ein Konzil aller christlichen Kirchen. Beides sind für die römisch-katholische Kurie rote Tücher.
Der Aufstieg von Priester und Tempel geht in der Religionsgeschichte oft Hand in Hand mit dem Schwund des Gottvertrauens. Das war bei Herodes so, der aus politischem Kalkül in Jerusalem den grössten Tempel aller Zeiten bauen liess. Und das ist heute so, wo der Tempelkult der römischen Kurie die Glanzpapiere und Bildschirme ziert. Ein Glück nur, dass Bischof Koch gleichwohl recht hat, wenn auch ganz anders, als er denkt: Die Kirche ist erfolgreich, aber nicht der Kurie, sondern der Basis wegen, welche die Eskapaden ihres Überbaus gnädig erträgt und damit ein wichtiges Stück Christuswirklichkeit verkörpert.
Peter Ruch ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Küssnacht am Rigi.













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