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06.01.2010, Ausgabe 01/10

Kommentar

Agitprop mit Steuergeldern

Unter dem Titel «Armutsbekämpfung» propagiert die Soziallobby eine Allzweckrente mit Vollkaskogarantie. Finanziert wird die hochpolitische Kampagne aus der Staatskasse. Über Alternativen wird nicht gesprochen. Wir stellen deshalb an dieser Stelle einen 10-Punkte-Gegenvorschlag zur Debatte.

Von Alex Baur

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Arme in der Schweiz haben ein ganz spezielles Problem, von dem Arme anderswo auf der Welt nur träumen können. Arme sind in diesem reichen Land nämlich nicht nur für den Laien schwer als solche zu erkennen. Die Armen, so hat die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) herausgefunden, sind sich oft selber nicht bewusst, wie arm sie dran sind. In Punkt 16 des Aktionsplans «zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung», den die Skos diese Woche präsentiert hat, wird deshalb die «automatische Benachrichtigung der Bezugsberechtigten von Ergänzungsleistungen» postuliert. Im Klartext: Man muss den Hilflosen erst einmal klarmachen, dass sie Hilfe benötigen sollten.

10 Thesen zur Sozialhilfe - Diskutieren Sie über unseren Gegenvorschlag zum Skos-Vorstoss

Nachdem das katholische Hilfswerk Caritas das Armutsthema im Nachrichtenloch um den Jahreswechsel bereits geschickt lanciert hat, zieht die Skos mit einem 31-Punkte-Aktionsplan nach. Den unmittelbaren Anlass stiftete die Europäische Union, die das neue Jahrzehnt zur Dekade der Armutsbekämpfung erklärt hat. «Immer mehr Menschen leben in der reichen Schweiz in Armut», betete SF in den Hauptnachrichten sofort nach. In Tat und Wahrheit hat sich an diesem vermeintlichen «Phänomen» – je nachdem, wo man die Grenze der Armut ansetzt – über die letzten Jahre wenig geändert.

Der Kern des Problems liegt weniger bei den Armen als bei der Skos selbst. Wie die private Organisation, welche die Fürsorgetarife für die meisten Kantone vorgibt, mittlerweile selber einräumt, erhalten vor allem schlechtqualifizierte Immigranten in der Schweiz vom Sozialamt oft ungleich mehr Geld, als sie sie mit Arbeit verdienen könnten. Um diese eklatante Ungerechtigkeit zu beheben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man senkt die Fürsorgetarife – oder man versorgt Schlechtverdienende mit Zuschüssen aus der Staatskasse. Die erste Alternative wird von der Skos gar nicht erst in Betracht gezogen. Sie ist nicht einmal als Variante erwähnt.

Der 31-Punkte-Katalog der Skos könnte einem sozialistischen Parteiprogramm entnommen sein: staatlich regulierte Mindestlöhne, Renten für Familien und Langzeitarbeitslose, kostenlose Kinderbetreuung, mehr Stipendien und Schulen, Frühpensionierung. Kurzum: Jedermann, unabhängig von Alter, Herkunft und Beitragsleistungen, hat Anspruch auf ein Mindesteinkommen gemäss Skos-Richtlinien – eine Art Rundumversorgung mit Vollkaskogarantie, wie sie in Schweden unter dem Titel «Volksrente» eingeführt wurde. Auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung wird explizit verzichtet. Die Schweiz, so heisst es lapidar, sei schliesslich reich genug.

Kein Wort verliert die Skos über das Stimmvolk, den Souverän, der dem sozialistischen Paradies womöglich eine Abfuhr erteilen könnte. Gemäss Punkt 31 des Aktionsplans sollen, wiederum nach dem Vorbild der EU, «im Rahmen der offenen Methode der Koordinierung» die «verschiedenen Akteure ihre Politiken aufeinander abstimmen»; so liessen sich «gewisse Harmonisierungen und Abstimmungen der Politiken erreichen, ohne dass jedes Mal auf Bundesrecht oder auf Konkordate zurückgegriffen werden müsste».

Die Botschaft hinter der verschwurbelten Formulierung im besten Sozialarbeiter-Kauderwelsch kann nicht anders verstanden werden, als dass die Sozialpolitik der demokratischen Kontrolle entzogen und im Sinne einer Verwaltungsaufgabe an die Sozial- und die Hilfswerke delegiert werden sollte. Im rechtsfreien Raum könnten die Sozialarbeiter nach Gusto schalten und walten.

Skos-Plan macht Skos überflüssig

In einem ersten Schritt will die Skos die Sozialhilfe, die in der Schweiz hauptsächlich in der Kompetenz von Gemeinden und Kantonen liegt, auf die Bundesebene verschieben. Nicht weniger als 19 der 31 Postulate setzen dies voraus. Auch Konkordate wie etwa die Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) oder die Tripartite Agglomerationskonferenz (TAK) sollen gestärkt werden. Mit anderen Worten: Die Skos fordert eine Entmachtung just jener Instanzen, die sie zur Hauptsache finanzieren – der Gemeinden und Kantone.

Die Fürsorge in der Schweiz baut auf der Idee, dass jede Gemeinde selber weiss, wie sie in Not geratenen Mitbürgern am besten hilft. Gleichwohl griffe es zu kurz, den Vorstoss der Skos reflexartig als Angriff auf den Föderalismus abzuweisen. Die Gemeindeautonomie existiert ohnehin nur noch auf dem Papier. Längst haben die meisten Kantone die Tarife der Skos in ihren Gesetzen verankert. Damit haben sie die wichtigsten Elemente ihrer Sozialpolitik an einen privaten Verein ohne demokratische Legitimation abgetreten.

Dass auch Hilfswerke wie Caritas oder die Flüchtlingshilfe, die sich selber zu einem grossen Teil mit Steuergeldern finanzieren, bei den wenig transparenten Entscheidungsprozessen der Skos mitmischen, macht die Sache nicht besser. Unbesehen davon, ob man ihre politische Linie goutiert: Die Skos ist eine Branchenlobby, die ausserhalb jeglicher Kontrolle auf Staatskosten politisiert. Ein Rahmengesetz, das Richtlinien und Tarife der Sozialhilfe demokratisch auf Bundesebene regelt, wäre auf jeden Fall das kleinere Übel. Die Skos würde damit schlicht überflüssig. Gut möglich, dass sich damit das «Armutsproblem» in der Schweiz von selber lösen würde.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 01/10
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Kommentare

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Marc Faber     16.01.10 00:17    

"Entweder man senkt die Fürsorgetarife – oder man versorgt Schlechtverdienende mit Zuschüssen aus der Staatskasse."

Mit diesem Satz ist noch nicht alles gesagt, aber sicherlich das Wichtigste. Vor allem aber wirft er eine elementare Frage auf: Sind die Entgelte am unteren Ende der Lohnskala etwa so tief, dass die Sozialhilfe im Vergleich dazu geradezu hoch erscheint- oder ist die Sozialhilfe tatsächlich zu hoch?

Julian Bättig     13.01.10 19:51    

Ich denke, dass auch in anderen Bereichen sehr viel Geld verschwendet wird. Wer zum Beispiel wird für die unbenötigten Impfdosen der Schweinegrippe verantwortlich gemacht. Die Schweiz hat 13 Millionen Dosen gekauft, zwei Dosen pro Einwohner. Dies alles auf Komando der WHO und völlig unberechtigt, da sich schnell herausstellte, dass die Schweinegrippe harmlos ist. Diese Aktion kostete das Volk 83 Millionen Franken. Und die Medien schweigen.. wie kann das nur möglich sein? Herr Mathys soll zurücktreten!! Und dann wird uns gesagt, dass die Impfdosen gratis seien :) zum kaputt lachen!

Rainer Selk     08.01.10 17:49    

Alexandra Baumann 08.01.10 15:34
Die CH ist kein Schlaraffenland, wo die gebratenenGänse einem in den Mund fliegen, seinen sie auch noch so mager. Wer ihm/ihr zustehende Leistungen nicht abholen will, soll sich nicht beklagen. Wer sich deswegen schämt, ist mit sich selbst nicht im 'Reinen'.

Working poor zu sein, ist miserabel. Wieviele von denen fragen sich: wie komme ich da raus oder habe ich selbst dazu beigetragen. NIcht immer 'anderen' die Schuld geben. Sie werfen auf Ihre Weise selbst mit 'Pauschalen' um sich.

Alexandra Baumann     08.01.10 15:34    

Herr Baur, meine Frage war nicht, ob Sie wissen, was es bedeutet, arm zu sein, sondern ich bezog mich auf Ihre sarkastische Bemerkung «man müsse den Armen erst klar machen, dass sie arm sind» im Bezug auf die automatische Benachrichtigung der Bezugsberechtigten von Ergänzungsleistungen. Viele alte Menschen wissen tatsächlich nicht um ihre Berechtigung - oder schämen sich, wie erwähnt, diese zu beantragen.

Im Übrigen erhöht sich der Lohn keines einzigen Working Poors durch die ständige Pauschal-Verunglimpfung der Betroffenen als Sozialschmarotzer.

Carsten Christ     08.01.10 04:36    

Die richtige Lösung zu diesem Problem wäre folgende:

Der SKOS-Vorstoss ist richtig!

Und die 10 Gegen-Vorschläge sind auch richtig!

Es müssen nur beide in der RICHTIGEN RICHTUNG angewandt werden!!

Ich werde da aber natürlich nicht näher darauf eingehen.

Hermann T. Meyer     07.01.10 17:49    

Ich wundere mich, dass in der ganzen Armutsbekämpfungs-Debatte ausser Acht gelassen wird, dass ein beträchtlicher Teil der Armut alkoholbedingt ist. Würden die Hilfswerke und die öffentliche Hand einen Teil ihrer Anstrengungen in eine wirksame Alkoholpolitik investieren, würde sehr vielen geholfen: Weniger alkohohlbedingte Armut, weniger alkoholbehinderte Kinder, weniger Fürsorgekosten, weniger allgemeine alkoholbedingte Sozialkosten, mehr Lebensqualität. Die Hilfswerke dürfen der Alkoholprävention ihre Argumente nicht vorenthalten, nur weil Alkoholpolitik ein heisses Eisen darstellt.

Rainer Selk     07.01.10 17:01    

Der CH Bürger hat generell eine 'Holdschuld' und der Staat keine 'Bringschuld', sonst würde unser Staat zu einem administrativen Moloch. Reiche wie Arme wird es immer geben. Verfehlte Lebensplanung ist nicht Staatsschuld, ebensowenig das fehlende Abholen von Leistungen. Wir sind auch ohne Handy und Markenklamotten, sun-fun-+ nothing-to-do ausgekommen. Der Schrei nach Überbetreuung ist zwar sozial zu verstehen, führt aber in ein Kostenfass ohne Boden, dass bald nicht mehr bezahlbar sein wird. Caritas soll sich zurückhalten oder die Kostenfolgen selbst zahlen!

Miguel Estrada     07.01.10 14:38    

@Alex Baur: Auch ich habe längere Zeit in der sog. 3.Welt unter "einfachen" Lauten verbracht und zu meiner Jugendzeit war meine Familie vom Thema Arbeitslosigkeit betroffen. Seltsamerweise komme ich aber nicht zu den gleichen Schlüssen wie Sie. Ich sehe nicht ein, was Sozialhilfe mit "Agitprop", einem "sozialistischen Parteiprogramm" und anderen von Ihnen gebrauchten Begriffen aus dem Sowjetjargon zu tun haben sollen. Natürlich ist es schwierig, zu definieren, was in der Schweiz nun als "arm" zu gelten hat, doch Sie machen sich die Sache etwas zu einfach, wenn Sie mit Worthülsen um sich werfen

Leachim Retsok     07.01.10 13:25    

Die "automatische Benachrichtigung der Bezugsberechtigten von Ergänzungsleistungen" ist nicht eine Erklärung, dass der Bezugsberechtigte Hilfe benötigen soll, aber eine Information über dessen Bezugsberechtigtensstatus.

Redaktion Weltwoche online     07.01.10 10:55    

Sehr geehrte Alexandra Baumann - da Sie mich als Autor direkt ansprechen, gebe ich Ihnen gerne eine direkte Antwort: ja, ich weiss, was es heisst, mit sehr knappen Mitteln auskommen zu müssen; denn ich habe viele Jahre lang (vor allem in der frühen Jugend, aber auch später) weit unter der Armutsgrenze gemäss SKOS gelebt, ich habe auch einige Jahre in der sog. 3. Welt verbracht, und zwar (wiederum aus familiären Gründen) mitten unter den "einfachen" Leuten. Meine Perspektive ist vielleicht etwas speziell - aber sie gibt mir eine gewisse Unbefangenheit. Mit freundlichen Grüssen, Alex Baur

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